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Der Hund als Mensch

Und andere Ausnahmen: Paul Maars neues Kinderbuch

Paul Maar ist ein Glücksfall unter den deutschsprachigen Kinderbuchautoren. Er packt die Kinder bei ihrer Lust an der Unvernunft, bringt sie zum Lachen und zum Bangen und gibt nicht Ruh, ehe er seine Erzählung an ein plausibles Ende gebracht hat. Trotz all der Phantasie-Kapriolen, die seine Geschichten schlagen, kommen ihre Figuren immer direkt aus dem Alltag und gehen auch dorthin zurück. Wer lesend mitgegangen ist, wird das normale Leben anschließend nicht mehr so selbstverständlich nehmen. Max, sein Vater, der Apotheker Sternheim, Edgar, Frau Lichtblau, alle glauben nicht so recht an Wunder, aber alle bergen in sich einen Hoffnungs-Schatz. Herr Sternheim führt eine Apotheke, aber seiner eigentlichen Bestimmung nach ist er ein Künstler. Das merkt man daran, daß er sein besonderes Gespür für Farben in der hauseigenen Fruchtgummi-Produktion zur Geltung bringt. Edgar ist zwar Bauer, doch in Wahrheit ist an ihm ein Mathematiker verlorengegangen. Bei Max, Sternheims Sohn, laufen die Fäden der Geschichte zusammen. Deshalb tritt er kapitelweise als Erzähler auf. Er ist die Instanz, die die Übersicht behält, er bringt Struktur in einen verzwickten Fall.

Eigentlich ist Paul Maar ja ein Menschenforscher, der eine abenteuerliche Geschichte zum Anlaß nimmt, um ihr Verhalten unter extremen Bedingungen genauer unter die Lupe zu nehmen: Max widerfährt ein Unheil, und um den Alltag ist es geschehen. Im Labor seines Vaters verschüttet er eine blaue Flüssigkeit, die sein Hund Bello sofort aufschleckt. Der beginnt nicht nur sofort zu wachsen, er verwandelt sich auch noch in einen Menschen mit Hundemanieren. Die Lage scheint hoffnungslos, als auch noch Edgars Tiere als Menschen in die Stadt kommen, nachdem sie Pflanzen gefressen haben, die mit der blauen Flüssigkeit gedüngt wurden. Vater und Sohn sind weniger entsetzt über den Vorfall als darum besorgt, das Unheimliche zu vertuschen. Eine Inszenierung der Verdrängung ist im Gange, und die ist nicht weniger abenteuerlich als die Menschwerdung der Tiere. Es stellt sich heraus, daß die Menschen die Wahrheit gar nicht wissen wollen. Sie wollen betrogen und belogen sein, weil ihnen das ein leichteres Leben ermöglicht. Sie lassen sich nicht gerne aus der Reserve locken, sie sind bequem und gewohnt, alles Ungewohnte für verrückt zu erklären. So schlägt die Stunde von Max und seinem Vater, beide aufgeweckt kindliche Gemüter, die zu beruhigen suchen, wo der Ausnahmezustand schon längst ausgebrochen ist. Und am Ende, wenn sich die Wogen geglättet haben, sind sie die heimlichen Sieger.

Herr Sternheim, der stille Abenteurer, ist zum Glück kein geschlechtsneutrales Wesen. Der Hundemensch, der sich in seiner Wohnung breitmacht, irritiert ihn weniger als Frau Lichtblau, die nichts von ihm wissen will, weil er sich ihr unvorsichtigerweise anvertraut. "Entweder Sie sind verrückt oder Sie machen sich auf eine fiese, gemeine Weise über mich lustig. Ich gehe! Und ich will Sie nie mehr sehen!" Ausgerechnet nach diesem Wesen verzehrt sich Sternheim, daß ihm in seiner Misere der Appetit vergeht. So bekommt der junge Leser unvermutet eine Lehre mit auf seinen Weg ins Leben. Nicht alles, was man weiß, ist dem anderen zumutbar. Max findet eine geglückte Formulierung dafür: "Ich glaube aber, Frauen finden es nicht gut, wenn man ihnen schreibt, daß man vorher schon mal eine andere geliebt hat." So etwas findet man selten: eine Abenteuergeschichte mit lebenspraktischen Tips!

ANTON THUSWALDNER

Paul Maar: "Herr Bello und das blaue Wunder". Zeichnungen von Ute Krause. Oetinger Verlag, Hamburg 2005. 224 S., geb., 10,90 [Euro]. Ab 8 J.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2005, Nr. 63 / Seite L14

 
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