19.06.2006 · Lyrik kommt von Leier: Gesammelte Werke von Vladimir Holan
In den sechziger Jahren, in der Atmosphäre des politischen Aufbruchs und der Hoffnung, hatte er sich selber noch einmal dem Leben außerhalb seiner Dichterklause im Zentrum von Prag zugewandt. Unter den Intellektuellen im "Cafe Slavia" wurden Gedichte von Vladimir Holan herumgereicht. Neben Jaroslav Seifert war Holan der unumstrittene Dichterfürst des Landes, ein Lyriker, der die Tradition von Nezval fortsetzte und nach Meinung von Jirí Grusa einer derjenigen tschechischen Dichter war, die sich in den oberen Rängen der Weltliteratur etabliert hatten. Im Januar 1973, als alle Hoffnung längst verflogen war und für Holan wie für Seifert wieder die Situation eingetreten war, die sie nur zu gut kannten (Publikationsverbot und Diffamierung), traf man sich gelegentlich bei Seifert am Kaffeetisch. Der kranke Dichter konnte seine Wohnung nicht mehr verlassen, aber Freunde und Bewunderer kamen zu ihm.
Unter ihnen war auch Holan, ein stiller Mann, der nur selten in die Debatten eingriff, vom Hausherrn aber mit größter Hochachtung behandelt wurde. Der resignative Grundton seines Auftretens und seiner Einlassungen war selbst für den der Landessprache nur rudimentär Kundigen unverkennbar und bildete einen krassen Gegensatz zu dem um fünf Jahre älteren Seifert, der in der Charta 77 tätig war und am Widerstand gegen die "Normalisierungspolitik" aktiv Anteil nahm. Beide aber haben sich zweifellos in den Gedichtzeilen von Seifert getroffen: "Mein Leben lang habe ich mich nach Freiheit gesehnt. / Endlich entdeckte ich die Tür, / durch die man zu ihr eintreten kann./Es ist der Tod!"
Holans Popularität ist für einen Nicht-Tschechen schwer begreiflich, seine Lyrik gilt als dunkel und schwer verständlich. Nicht nur, was ihre Metaphorik und Symbolik angeht, auch durch die souveräne Mißachtung der Grammatik und simpelster Sprachregeln, wenn sie sich dem dichterischen Anspruch des Autors nicht beugen wollten. Dies machte Holan schon früh zu einem Minderheitendichter. Ein Dichter für Dichter, das war vor allem immer wieder zu hören, wenn man in diesen Jahren über Holan sprach. Daß er geschätzt wurde sowohl von den experimentellen Dichtern wie Josef Hirsal oder Jirí Kolar als auch von den Romanautoren und vor allem den Lyrikern wie Seifert, verschafft ihm einen besonderen, nahezu einsamen Rang in der tschechischen Literatur. Kein Wunder, daß Holan als praktisch nicht übersetzbar galt, obwohl Ausgaben seiner Lyrik in Italienisch, in Deutsch und Französisch erschienen sind. In Deutschland hat sich vor allem der große Vermittler zwischen der tschechischen und der deutschen Literatur, Reiner Kunze, um Holan verdient gemacht, indem er insbesondere eines der Hauptwerke, das Poem "Nacht mit Hamlet" kongenial übertragen hat. Es war bereits im Band acht der auf fünfzehn Bände angelegten tschechisch-deutschen Gesamtausgabe abgedruckt, der im Jahre 2003 erschienen ist. Nun liegt als zweite Lieferung Band I vor, der frühe Lyrik der Jahre 1932 bis 1937 enthält.
Tatsächlich kann man Holan als einen Dichter der existentiellen Ausweglosigkeit bezeichnen. Seine latente Todessehnsucht und die Beschwörung der Einsamkeit liegen wie eine undurchdringliche metaphorische Decke über den Gedichtzeilen. Und er spielt auch immer wieder mit einem selbstbestimmten Ende dieser düsteren Existenz, etwa in den Zeilen der epischen Dichtung "Nacht mit Ophelia", in denen es heißt: "Ich bitte Sie, ein Selbstmörder, verachtet er das Leben oder den Tod?" Holan war ein außerordentlich gebildeter Dichter, der sich in der französischen und deutschen Literatur glänzend auskannte und auch als Übersetzer hervorgetreten war. Ein solcher Intellektuellen-Typus wandte sich natürlich den literarischen Zeitströmungen und Stilen zu, im Prag der zwanziger und frühen dreißiger Jahre vor allem dem Poetismus und später dann der poesie pure. Zunächst stark beeinflußt von der französischen Literatur, von Mallarme und Valery, war es dann vor allem Rilke, den sich Holan zum Vorbild nahm.
In dem nun erschienenen ersten Band der Gesamtausgabe in dem kleinen Mutabene Verlag in Köln versammeln die beiden Herausgeber Urs Heftrich und Michael Spirit die drei ersten Lyrik-Bände, die Holan veröffentlicht hat, "Das Wehen", "Der Bogen", und "Stein, kommst du . . .". Deutlich ist hier noch die Suche des kaum Dreißigjährigen nach einem unabhängigen, eigenen Stil, aber auch schon die Manifestation seiner ureigensten Themen, die sich durch das Gesamtwerk ziehen sollen. Die Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz, der Abfall vom und die Faszination durch den Glauben sowie Anziehung und Abstoßung durch das andere Geschlecht. Schon diese frühe Lyrik hat Holan den Ruf eines Klassikers eingebracht. Tatsächlich beherrscht er hier alle lyrischen Formen, die er später angesichts einer zunehmenden Vorliebe für große Versepen zwar weitgehend aufgibt, aber in den ersten Bänden besonders pflegt, etwa in dem Gedicht "Quelle" aus dem Band "Der Bogen": "O dunkle Zurüstungen, ihr Listen voller Licht, / in eurem Spiel ist Wahrheit, subkutan./ Nein, daß der Gnadenabgrund seine tiefste Schicht / ganz oben hat - nur ungern glauben wir daran."
Holan ließ sich mit dreißig Jahren aus der Position eines Quasi-Beamten in einer Versicherungsgesellschaft pensionieren und nahm nie wieder eine geregelte Arbeit auf. Aber er war kein esoterischer Dichter, den das Leben außerhalb der Literatur nicht interessiert hätte. Er engagierte sich gegen die deutsche Besatzung und begrüßte den kommunistischen Umsturz, wie nahezu alle tschechischen Intellektuellen, die ihre Hoffnungen in einen neuen Freiheitsbegriff setzten. Die Enttäuschung war um so tiefer und ließ Holan mit einer nie mehr zu überwindenden Bitternis zurück, die seither sein Werk geradezu durchtränkt. Sein Versepos "Nacht mit Hamlet", ist in der Phase des tschechischen Poststalinismus entstanden und setzt sich im Gewand eines Dialogs des Dichters mit dem Dänen-Prinzen aus dem Shakespeare-Drama mit den Themen Macht, Verrat und Enttäuschung auseinander. Über seine eigene Position in dieser Konstellation läßt Holan keinen Zweifel aufkommen: "Kunst als werk, damit du nicht hoffärtig wirst . . ./ Ich sage dir, kunst ist klage."
Aber der große Klagende hatte auch seine sehr dem Leben zugewandten Seiten, und er hatte Humor. In dem Fragment gebliebenen Epos "Nacht mit Ophelia", das vermutlich in den sechziger Jahren entstanden ist, fühlt man sich an die damals aktuelle Situation vieler Schriftsteller erinnert, wenn von einem Intellektuellen die Rede ist, der auf einem Friedhof arbeitet und in einem Krematorium raucht und zur Erklärung sagt: "Sie würden sonst nicht wissen, daß ich arbeite / Das muß durch den Kamin."
So schwarz der Humor, so bitter das Schicksal. Holan schreibt unermüdlich, und wenngleich die Repressionen in den letzten Lebensjahren zunehmen und Veröffentlichungen eher spärlich sind, mehrt sich sein Ruhm unaufhörlich, sogar eine Nobelpreisnominierung ist unter den zahlreichen internationalen Anerkennungen. Holan aber zieht sich immer mehr zurück in dem Bewußtsein, ein bedeutendes Werk zu hinterlassen, aber auch der Vergeblichkeit: "Daß alles sterblich ist, entsetzt mich weniger / als die Endlichkeit vor der Sterblichkeit / Als wäre das Schicksal selbst Fatalist / und zerknirscht darob . . . Diese umhegte / Nichtigkeit! und dennoch klettern wir hinüber."
Die Gesamtausgabe der Werke von Vladimir Holan ist von den Herausgebern bis in das Jahr 2029 geplant, und sie wird noch viele Überraschungen für den Leser bereithalten. Schade nur, daß diese wunderbare Lyrik, in der die tschechische Sprache sich in einer so melodiösen Art entfaltet, nicht im Original gehört werden kann. Kein anderer Lyriker, nicht einmal der Nobelpreisträger Seifert, hat so musikalische Gedichte geschrieben wie Vladimir Holan.
HANS-PETER RIESE
Vladimir Holan: "Gesammelte Werke". Herausgegeben von Urs Heftrich und Michael Spirit. Band 1: "Lyrik 1932-1937". 356 S., geb., 30,- [Euro]. Band 8: "Epische Dichtungen III". 238 S., geb., 20,- [Euro]. Beide Bände erschienen im Mutabene Verlag, Köln 2005.