Als es ernst wird, bittet der junge Held seine beiden Begleiter, mit ihm zu singen. Doch nur einer von ihnen kennt ein Lied. Bereitwillig singt er es seinen Gefährten vor: "Blut! Blut! Blut, das muß spritzen meterweit!" beginnt es, und das reimt sich dann auf "Blut in alle Ewigkeit". Später, nach den Beteuerungen "Töten ist fein" und "Köpfen ist toll", erklärt sich der Sänger schließlich seinen entsetzten Zuhörern gegenüber zu einem anderen Refrain bereit: "Hirn! Hirn! Hirn, das muß spritzen meterweit!" Ein redundantes Lied, sicher. Aber was kann man anderes von einem toten Dämonenkrieger erwarten, dessen Seele in einem Kurzschwert festsitzt?
Walter Moers hat seine Geschichte des sagenhaften Kontinents Zamonien weitergeschrieben, jenes Landes aus dem Geist des Eklektizismus, das Raum bietet für eine Fülle phantastischer Lebewesen wie Buntbären, Stollentrolle, Berghutzen oder Finsterbergmaden, das über eine eigene Dichtung und Geschichtsschreibung verfügt und dessen Hauptstadt Atlantis, eine vollkommen unübersichtliche Metropole der unterschiedlichsten Ethnien, schließlich ins Weltall hinaufkatapultiert wurde. Nach "Die Dreizehneinhalb Leben des Käpt'n Blaubär" (1999) und "Ensel und Krete" (2000) erzählt Moers in seinem neuen Roman von den Abenteuern des aus "Käpt'n Blaubär" bekannten Wolpertingers Rumo.
Wer allerdings eine glatte Fortsetzung der Zamonien-Saga erwartet, wird gründlich enttäuscht werden. Denn die Welt, die Moers nun zeichnet, offenbart so lustvoll und ausdauernd ihre düsteren Seiten, daß man über all diesen abgefeimten Grausamkeiten, den Foltern und Metzeleien vergeblich jenes zwar aufregende, im Grunde aber ungefährliche Abenteuerland sucht, wie es einst von Käpt'n Blaubär beschrieben wurde. Ernsthaft zu Schaden kam dort praktisch niemand, und dieses Prinzip galt so offensichtlich, daß sich manche Bewohner Zamoniens absichtlich von hohen Felsspitzen hinunterstürzten, um die freundlichen Rettungssaurier zu provozieren, die den Sturz jedesmal zuverlässig aufhielten.
Das ist im neuen Roman anders. Jede der vielen in den Haupterzählstrang verwobenen Geschichten unterstreicht in "Rumo" die Botschaft von der tödlichen Gefahr, die jenen droht, die sich nicht zur Wehr setzen wollen oder können. So ist immer wieder von der legendären Lindwurmfeste die Rede, deren Bewohner im Vertrauen auf die gewaltigen Mauern lieber Künstler als Kämpfer sein wollten und schließlich allzu vertrauensvoll dem Feind die Tore öffneten - der hatte sich als Verleger kostümiert und versprochen, die Verse der Lindwürmer zu publizieren.
Rumo aber, der als Welpe von blutrünstigen Teufelsfelszyklopen auf eine Insel verschleppt und bis zur Schlachtreife gemästet wird, fügt sich von Beginn an in eine Umgebung, wo Gewalt alltäglich und die Bereitschaft zum Töten überlebensnotwendig ist. Er watet buchstäblich durch Ströme von Blut, beißt Kehlen durch und bricht Nackenwirbel, um sich und seine Leidensgenossen von den Zyklopen zu befreien. Als er später Aufnahme in Wolperting, der Stadt seiner Artgenossen, findet, lernt er, seine Kampftechnik zu perfektionieren. Schließlich werden die Wolpertinger von den finsteren Gefolgsleuten des wahnsinnigen Königs Gaunab in die Unterwelt verschleppt. Auf den Spuren seiner Geliebten folgt der zamonische Orpheus den Wolpertingern und befreit schließlich diejenigen, die noch nicht niedergemetzelt wurden. Auch die Rettung geht nicht ohne ein massenhaftes Sterben ab, das wohl kein einziger der Unterweltbewohner überlebt.
Schon in "Käpt'n Blaubär" und "Ensel und Krete" hatte Moers seinen Helden Fallen gestellt, die man zunächst nicht erkennen konnte - so schlemmte etwa der Buntbär wochenlang sorglos auf einer Insel, die sich später als getarnter fleischfressender Organismus entpuppte. In "Rumo" wird gleich eine ganze Stadt zu einer solchen Falle, und die sinistre Weltsicht, die aus diesem Einfall spricht, erlaubt es den Bewohnern Zamoniens nicht, sich an irgendeinem Ort des Kontinents sicher zu fühlen. Unter der Oberfläche Zamoniens ist ein Höhlensystem, aus dem jederzeit ein ganzes Heer von Roboterkriegern hervorbrechen kann. Und während der Buntbär und das Geschwisterpaar Ensel und Krete am Ende ihrer Abenteuer eine gesunde Distanz zwischen sich und den Ort der glücklich überstandenen Gefahr legen konnten, bleibt den Wolpertingern dies versagt, mehr noch: Wären die übrigen Zamonier nicht so arglos und vertrauensselig, würden sie in "Rumo" ihre eigene Bedrohung erkennen, der sie bisher mit unglaublichem Glück entrinnen konnten.
Anders als in den früheren Zamonien-Büchern verzichtet Moers in diesem Roman auf eine Erzählerfigur wie den gutmütigen Aufschneider Blaubär oder den eitlen, immerfort gekränkten Literaten Hildegunst von Mythenmetz. Das nimmt seinem neuen Roman jene freundliche Ironie, die in den früheren von vornherein mitschwang. Vieles aber ist geblieben: Die Eigenheiten von Moers' Erzählweise, die Wortspiele, die Lust an Anagrammen, die absatzlangen Aufzählungen überaus sprechender Namen, die motivierten Abschweifungen - all dies findet sich in "Rumo" wieder, und bis in die Details der wiederum hinreißend schönen Buchgestaltung wird das Bemühen um Kontinuität deutlich.
Auch "Käpt'n Blaubär" ist kein harmloses, in Arabesken schwelgendes Kinderbuch. Doch in Rumos Welt geht es so unübersehbar um Letzte Dinge, um Liebe, Tod und Treue, daß sich gelegentlich der Mehltau allzu angestrengter Ernsthaftigkeit über den Roman legt. Und daß die sentimentale Liebesgeschichte von Anfang an auf ihr völlig überraschungsfreies Ende zusteuert, der Held gar "in das Wunder der Liebe" eingeweiht wird, ganz diskret, "denn es gibt Wunder, die müssen im Dunkeln geschehn", verstärkt den Eindruck, daß der Autor sprachlich wie in der Anlage der Handlung manchmal unter seinen Möglichkeiten bleibt.
Moers zeigt allerdings auch in diesem Buch, daß er, wenn sich seine Phantasie an Namen und Metaphern entzündet, zu den einfallsreichsten deutschen Erzählern gehört. Einmal begeben sich der zwielichtige Smeik und der weise Doktor Kolibril nachts auf eine Reise durch das Gehirn des Doktors. Weil der Autor den Begriff "Gedankengebäude" wörtlich nimmt, kommen Smeik und Kolibril an zahlreichen Häusern vorbei, die - je nach ihrer Größe - einfache Vorträge oder ganze Doktorarbeiten verkörpern. Manchmal huscht "ein Schwarm von grauen Schlangen" durch die Kuppel einer Halle - Fußnoten, wie Kolibril erläutert. "Sie wuselten wispernd durcheinander, und dann verschwand der ganze Schwarm kichernd im Dunkel." Daneben stehen unfertige Bauten, unausgereifte Projekte, aufgegebene Doktorarbeiten, und einmal begegnet ihnen ein Kollege, der mit mißmutigem Gesicht Kolibrils Hirn ruhelos durchwandert - er findet keinen Anknüpfungspunkt für seine eigene Theorie.
Daß selbst solche Eskapaden und Abschweifungen ihren sinnvollen Ort im Gewebe der Handlung haben, zeigt die Raffinesse des Erzählers Moers. Er vergißt keine noch so kleine Nebenfigur, und wenn eine der zahlreichen Untergeschichten eingeschoben wird, kann man davon ausgehen, daß sich daraus Folgen für die künftigen Abenteuer der Wolpertinger ergeben. Nicht immer fügt sich das widerspruchsfrei in den Zamonien-Kosmos, und auch Rumos Jugendgeschichte paßt nicht ganz zu der in "Käpt'n Blaubär" erzählten. Vielleicht aber löst sich das demnächst ganz selbstverständlich auf: Moers, so kündigt sein Verlag an, arbeite derzeit an einem vierten Zamonien-Roman.
Walter Moers: "Rumo und die Wunder im Dunkeln". Roman. Piper Verlag, München 2003. 704 S., geb., 26,90 [Euro].