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: Der ewige Sohn

  • Aktualisiert am

Wer von einem Roman vor allem eine Kette dramatischer Geschehnisse erwartet, der wird mit diesem Buch vielleicht nicht zufrieden sein, dessen Fabel zu alltäglich, die Darstellungsweise zu sanft finden. Andererseits ist es so, dass ein Romanautor nicht pausenlos Spannung liefern muss. Was wir von ...

          Wer von einem Roman vor allem eine Kette dramatischer Geschehnisse erwartet, der wird mit diesem Buch vielleicht nicht zufrieden sein, dessen Fabel zu alltäglich, die Darstellungsweise zu sanft finden. Andererseits ist es so, dass ein Romanautor nicht pausenlos Spannung liefern muss. Was wir von ihm fordern dürfen, sind Menschenbilder, die Schilderung von Beziehungen, das Aufdecken dessen, was aus den Beziehungen erwächst. Verhängnisse zum Beispiel, doch nicht unbedingt blutiger Art. Vielen von uns bereitet die ganz gewöhnliche Umgebung Enttäuschungen, Kränkungen und Ängste, und davon werden wir geformt oder auch aus der Form gebracht. Wer da leidet, sucht nach Hilfe, verlangt auf jeden Fall nach einer Möglichkeit, sich zu äußern, den schmerzenden Knoten im Innern aufzudröseln.

          So etwas beschreibt der niederländische Schriftsteller Gerbrand Bakker, geboren 1962, in seinem ersten Roman. Dabei wird nicht klar, ob und wie weit der Autor eigenes Erleben hier literarisch verarbeitet hat. Wie auch immer, er kennt sich aus in Menschenseelen, denn alles, was Bakker erzählt, leuchtet ein. Man begreift, warum dieses Romandebüt, als es 2006 in Bakkers Heimat erschien, Aufmerksamkeit erregte und mit zwei Preisen ausgezeichnet wurde.

          Die Hauptfigur, zugleich der Erzähler der Geschichte, heißt Helmer van Wonderen, lebt in einem Holland-Dorf, nicht weit vom Ijsselmeer, und bewirtschaftet einen Bauernhof. Das aber nur gezwungenermaßen, denn eigentlich zog es ihn zur höheren Bildung. Er hatte auch schon die Universität in Amsterdam besucht, dort fast ein Jahr lang Niederländische Sprach- und Literaturwissenschaft studiert - dasselbe Fach übrigens, in dem sich auch der Autor Bakker hat ausbilden lassen. Anders als dieser aber konnte Bakkers Held sein Studium nicht abschließen. Der Vater befahl ihn nach Hause und zwang ihn in den Bauernberuf. Denn der eigentliche Hoferbe, Helmers Zwillingsbruder Henk, war bei einem Unfall ums Leben gekommen. In den Augen des Vaters hatte es immer nur diesen einen Sohn gegeben, der sich den väterlichen Anforderungen stets fügte. Helmer brachte es nur zum familiären Mitläufer, den der Vater gewähren ließ, solange der andere, geliebte Sohn zur Verfügung stand. Nun aber wurde ein Nachfolger gebraucht, der Mitläufer hatte in die verwaiste Position einzurücken. Für Helmers eigene Zukunftsträume wusste der Vater nur einen Satz: "Und du bist fertig da unten in Amsterdam."

          Wir haben es hier mit einer Situation zu tun, in der ein Kind sich vom dominierenden Elternteil, in diesem Fall der Sohn vom Vater, nicht befreien kann. Auch dann nicht, als er längst zum Mann gereift und der Unterdrücker ein verfallener Greis ist. Helmer hat inzwischen begriffen, was sich in seiner Kindheit und Jugend abgespielt und was ihm das angetan hat. Doch immer noch ertappt er sich dabei, dass er ein geliebter Sohn sein möchte, und gleichzeitig wünscht er nichts inniger, als dem Vater das Angetane heimzuzahlen. Aus beidem wird nichts. Helmer weiß, dass sich die Vaterliebe nicht nachträglich gewinnen lässt, und für Rache ist er zu anständig. Heraus kommt mithin die Unfähigkeit, überhaupt etwas zu unternehmen, eigene Pläne zu entwickeln und durchzusetzen. Sie könnten zwar an seiner Vergangenheit nichts mehr ändern, wenigstens aber die Gegenwart zu seiner Sache machen.

          Wir erleben Helmer als einen Mittfünfziger, der weiß, dass er endlich erwachsen werden muss, und es doch nicht schafft. Von der Familie sind nur noch er und der Alte übrig, und alles, was der Sohn tut, setzt er in Beziehung zum Vater. Helmer ist ein leidlich guter Bauer geworden, aber das freut ihn nicht, weil der senile alte Mann es nicht mehr wahrnimmt. Er schafft den Bettlägerigen aus dem Zentrum des Hauses in eine abgelegene Dachkammer - zweifellos eine Strafe. Doch der Sohn vergisst keinen Tag, den Vater zu pflegen, zu waschen und mit Leckereien zu verwöhnen. Helmer hat den Alten zur Einsamkeit verdammt, aber er selbst ist nicht weniger allein. Eine Frau hat er nie gefunden. Noch immer hängt er an Riet, die einst Henk heiraten wollte und dann dessen Tod verschuldete. Doch vielleicht interessiert ihn an Riet auch nur, dass der Vater sie seit dem fatalen Unfall ablehnte und zürnen würde, könnte er Helmers Werben um sie noch wahrnehmen. Auf Riets Bitte hin holt Helmer deren Sohn ins Haus und versucht, ihn zu einem arbeitsamen, zielbewussten Menschen zu erziehen. Aber er verfügt nicht über die Erziehungsstrenge seines Vaters, das Experiment bringt nur Verstimmungen. Dann gibt es noch die liebenswürdige Nachbarin Ada, die, verheiratet, als Gefährtin nicht in Frage kommt. Ihre beiden Buben gewinnen Helmers Herz, doch auch sie bleiben letztlich Fremde.

          Nichts taucht im Dasein des Romanhelden auf, was nicht ein paar Sätze später in Frage gestellt wird. Dabei ist er keineswegs ein Versager. Was er anfasst, gerät zwar nicht immer musterhaft. Doch hat er Erfolge, und die Ergebnisse seiner Mühen können sich sehen lassen. So erscheint es jedenfalls seiner Umwelt, er selber sieht sich und seine Leistungen freilich anders. Am Ende, der Vater ist tot, in der Sterbekammer herrscht Stille, trennt Helmer sich vom ungeliebten Hof und reist in das Land seiner Träume, nach Dänemark. Dort aber findet er weder sich noch irgendeinen Traum. Die leise vorgetragene Trauergeschichte gerät, je länger man ihr folgt, mehr und mehr zur Tragödie. Helmer, so viel steht fest, der als Knabe vom Vater beschädigt wurde, ist das Opfer. Doch was hat Helmer über die Jahrzehnte getan, als er kein Knabe mehr war? Ist der Mensch nicht irgendwann für sich selbst verantwortlich? Vielleicht ist das die Botschaft des Romans: Schaut euch um und handelt. Wartet nicht, bis sich der Titel erfüllt: "Oben ist es still".

          SABINE BRANDT

          Gerbrand Bakker: "Oben ist es still". Roman. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 316 S., geb., 19,80 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.2009, Nr. 28 / Seite 30

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