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: Der doppelte Blitz

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Der Titel lautet im Original anders: "Eine Episode im Leben des Reisemalers". Nicht ganz einzusehen, warum daraus "Humboldts Schatten" werden mußte, obwohl Alexander von Humboldt für den Maler Johann Moritz Rugendas, um den es geht, in der Wirklichkeit und in diesem Buch in der Tat nicht unwichtig war.

          Der Titel lautet im Original anders: "Eine Episode im Leben des Reisemalers". Nicht ganz einzusehen, warum daraus "Humboldts Schatten" werden mußte, obwohl Alexander von Humboldt für den Maler Johann Moritz Rugendas, um den es geht, in der Wirklichkeit und in diesem Buch in der Tat nicht unwichtig war. Ebensowenig ist einzusehen, weshalb auf dem Titelblatt - eine sich verbreitende Unsitte - vermerkt ist, das Buch sei "aus dem argentinischen Spanisch" übersetzt; es hätte, noch schlimmmer, auch "aus dem Argentinischen" heißen können. In Argentinien spricht und schreibt man Spanisch, Punktum. Würden wir uns nicht wundern, ein Buch von Thomas Bernhard auf englisch mit der Präzisierung "translated from Austrian German" oder gar "from Austrian" vorzufinden? Daß ein Buch aus Argentinien kommt, kann man auch anderswo, etwa im Klappentext, sagen. Eine solche Spezifizierung, was die Übersetzung angeht, ist nur angemessen, wenn es sich, wovon hier nicht die Rede sein kann, um eine hochgradig idiomatisierte Form des Spanischen oder, beim "Amerikanischen", des Englischen handelt.

          Nachdem dies gesagt ist, soll aber sogleich hinzugesetzt werden, daß Matthias Strobel diese "Novelle" des Argentiniers César Aira, Jahrgang 1949, aus Pringles/Buenos Aires vorzüglich übersetzt hat. Und vorzüglich ist auch das Nachwort des Potsdamer Romanisten Ottmar Ette, der, neben einigem anderem, auch ein Spezialist für (Alexander) Humboldt ist.

          Das Buch selbst ist auf eine nicht leicht zu greifende Weise faszinierend. Es beginnt - auch Ette hebt es hervor - wie ein schön geschriebenes Sachbuch, gleitet aber unmerklich ins Fiktive hinein und wird, auch durch seine Intensität im Narrativen, die sich dem Exotisch-Fremden hinzufügt, beinahe magisch, auch etwas metaphysisch, ohne doch unrealistisch zu werden. Es bleibt eine Schilderung.

          Der Maler Johann Moritz Rugendas, eine historische Figur, 1802 geboren, stammt aus einer Augsburger Malerdynastie. Es ist hier unwichtig, wie er als Maler und Zeichner einzuordnen und zu bewerten ist. Was auf den Abbildungen in dem Büchlein zu sehen ist, ist anmutig und gekonnt. Wichtig aber ist, daß Rugendas sich als "Reisemaler" verstand - als Maler, der fremde Gegenden, Landschaften, insbesondere mit ihrem Bewuchs, dokumentierte. Zweimal war er im iberischen Amerika: von 1822 bis 1825 (da besonders in Brasilien) und dann nochmals, erheblich länger, von 1831 bis 1846.

          Von der ersten Reise zeugt das Buch "Voyage pittoresque dans le Brésil" (1827), das damals offenbar viel Eindruck machte und auch die bewundernde Aufmerksamkeit von Humboldt fand. Für seine zweite Ausfahrt gab Humboldt dem Maler sehr genaue Hinweise, machte geradezu Auflagen. Ein "programmierter Maler", sagt Ette. Und dies ist nun der "Schatten", aus dem er sich löst, insofern er nämlich gerade nicht in den Gegenden bleibt, die ihm Humboldt zugewiesen hatte. Genauer: die, in die er ging, hatte der ihm geradezu verboten: "Hüten Sie sich vor den gemäßigten Zonen, vor Buenos Aires und Chili und vor schnee- und vulcanlosen Wäldern ..." Das herrliche und seltsame längere Zitat steht nur bei Ette.

          Und ebendort, weit entfernt vom zugewiesenen Weg, geschieht das Unglück. Rugendas reist, zusammen mit dem Maler Robert Krause, den es in der Wirklichkeit auch gab, in der argentinischen Pampa. Da nun die "Episode" des Titels: ein riesiges Unwetter, und zweimal, kurz hintereinander, trifft ihn und sein Pferd der Blitz! Das Pferd jagt davon und schleift ihn mit sich. Eine gewaltige Schilderung! Der Maler wird mühsam gerettet, operiert, lebt, unvermeidlich aufs gräßlichste verunstaltet, weiter und fährt fort (durch eine Mantille wird das Gesicht unsichtbar gemacht), vom Opium narkotisiert, zu zeichnen und zu malen.

          Nun sind es die gelegentlich vorkommenden Indianerüberfälle, die "malones", die ihn fesseln und die er, unter seiner Mantille, mit Kohle- und Rötelstiften in fiebriger Hektik festzuhalten sucht. Entsetzt sehen die ihren Beutezug trunken feiernden Indianer sein kurz aufgedecktes Gesicht und lassen ihn gewähren: "Wie hätten sie auch wissen sollen, daß es ein Verfahren zur physiognomischen Darstellung der Natur gab" - das war es, was Humboldt wollte - "und einen gierigen Markt für exotische Stiche."

          Bemerkenswert, wie sich Aira eingefühlt hat in die beiden Europäer Rugendas und Krause. Andererseits muß man wissen: Argentinier sind Europäer.

          HANS-MARTIN GAUGER

          César Aira: "Humboldts Schatten". Novelle. Aus dem Spanischen übersetzt von Matthias Strobel. Mit einem Nachwort von Ottmar Ette. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2003. 123 S., geb., 14,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2004, Nr. 54 / Seite 36

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