29.02.2004 · Ein Blick auf das Werk des Schriftstellers Feridun Zaimoglu und seinen neuen Erzählungsband "Zwölf Gramm Glück"
Wie fängt das an und wann? Wie wird einer zum deutschen Schriftsteller? Einer wie Zaimoglu? Ein Kümmel, ein Kanake, wie er sich selber nennt, einer aus dem anatolischen Bolu? Vor vierzig Jahren wurde er an einem Freitag morgen um vier Uhr siebenundfünfzig geboren, so hat er es später, einem Bericht seiner Mutter folgend, selber erzählt und aufgeschrieben. Drei Minuten später schallte der Aufruf zum Morgengebet von den Zinnen des benachbarten Minaretts. Doch vorher noch erschallte der Ruf der Hebamme. Denn der frische Junge war in einer unversehrten Fruchtblase auf die Welt gekommen - ein kleines Wunder -, und auf ihr Schreien hin liefen das gesamte Krankenhauspersonal und einige humpelnde Kranke am Mutterbett zusammen. Und schon begann die Plünderung dieser wundersam erhaltenen Schutzhülle. Seine Mutter erzählte: "Jeder habe sich um ein Stück Fruchtblase gerissen, um es als Amulett gegen den Bösen Blick oder die Widerstände des Versuchers zu benutzen. Die sogenannte Juwelenhaut des Neugeborenen ist Gottesgabe, sagte sie, und wer sich damit wappnet, hat leichtes Spiel in kommenden Tagen."
So kam der Dichter Feridun Zaimoglu im Zeichen eines großen Schutz- und Glücksversprechens, eines fremd anmutenden Wunderglaubens und einer schnellen Gebetsanrufung zur Welt. Und wenn kein Wort von seiner Geburtslegende stimmt, dann ist sie immerhin gut ausgedacht und gut erzählt. Den Schutz jedenfalls, den jene Hülle versprach, den konnte die Familie Zaimoglu bald gut gebrauchen. Denn sie machten sich auf in ein fremdes Land, nach Deutschland, das sie nicht gerade mit offenen Armen empfing, ihnen einen winzigen, verschimmelten Verschlag zum Wohnen zur Verfügung stellte und Arbeiten, die die Einheimischen schon lange nicht mehr übernehmen wollten. Die erste Zeit im neuen Land ist Angst, ist Fremdheit, sind tägliche Demütigungen, eine neue, unverständliche Sprache und die kalten, unbeweglichen Gesichter der Polizisten.
Für Feridun Zaimoglu ist es schon bald die Schule. Und seine Lehrerin, Frau Hüve, dritte Klasse in der Grundschule am Amphionpark in München-Moosach. "Sie hat mir knallhart gesagt, es gibt keinen anderen Weg, du mußt die Sprache lernen, sonst fliegst du raus. Es gab ja genug Gründe, mich ins Abseits zu stellen und wehleidig zu jammern, daß ich armer Türkenbengel diese Sprache einfach nicht kann. Nichts da. Meine Lehrerin hat auch keine Entschuldigung gelten lassen. Und das war auch gut so", hat Zaimoglu vor einem Jahr in einem Interview einmal gesagt. Und dann war da der andere Lehrer, später, der Deutschlehrer, der ihn fragte, was er beruflich so vor habe. Zaimoglu sagte arglos, er wolle sich später in der Kunst umsehen, "in Schrift und Bild etwas bewerkstelligen". Daraufhin gab jener Deutschlehrer Zaimoglu den gutgemeinten Rat, sich doch bitte nicht zu verheben und besser Kfz-Mechaniker zu lernen. "Das sei Kunstfertigkeit genug für einen Türken."
Irgendwo zwischen diesen beiden Schulerfahrungen ist der Schriftsteller Feridun Zaimoglu geboren worden. Zwischen diesem unbedingten Willen zur Sprache, zur neuen Sprache, die nicht die Muttersprache war, und der Rebellion gegen die Frechheit der Einheimischen, die den Neuankömmlingen mit aller Macht jenen Platz in der Gesellschaft anweisen, auf dem sie selbst nicht sitzen wollen. Empörung und Sprachbegeisterung. Das ist der Schriftsteller Zaimoglu. Gerade ist unter dem Titel "Zwölf Gramm Glück" ein neuer Erzählungsband von ihm erschienen. Ein schöner Grund, dieses Dichterleben, Dichterwerk genauer zu betrachten.
Feridun Zaimoglu studierte zunächst Medizin und Kunst in Kiel und war aber schon lange Zeit vor allem ein Geschichtensammler. 1995 betrat er dann mit seiner programmatischen Anthologie "Kanak Sprak - 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft" die Bühne der Öffentlichkeit. Ein Kompendium von kurzen Lebensgeschichten und Lebensansichten türkischer Einwandererkinder der zweiten und dritten Generation, von Arbeitslosen, Rappern, Zuhältern, Drogendealern, Psychiatriepatienten, die ihr Mißtrauen gegenüber dem "Abiturtürken" Zaimoglu überwanden und ihm ihre Geschichten erzählten. Und er schrieb sie auf. Schrieb sie aber nicht einfach so ab, wie sie sie ihm auf Band diktierten. Sondern er dichtete sie nach. Kann sein, sie büßten dadurch Authentizität ein, aber sie gewannen etwas Neues. Neben der großen Wut, dem erstaunlichen, unbesiegbaren Selbstbewußtsein, dem Selbstverteidigungswillen, der aus jedem Lebensbericht sprach, waren sie vor allem alle von einer großen Poesie, einem großen Sprachgefühl, einer wunderbaren Melodie getragen. Und wenn Zaimoglu sein Vorwort damals beendete mit: "Hier hat allein der Kanake das Wort", so war es eben schon damals vor allem der Kanake Zaimoglu, der das Wort ergriff. Der seine Wortmacht den anderen lieh.
Er hat sie in folgenden Büchern noch häufig verliehen. In "Koppstoff" den Frauen, in "Abschaum" dem Junkie und Gangster Ertan Ongun. Das waren Großgedichte der Wut und der Selbstvergewisserung. Später hat Zaimoglu sein erzählerisches Frühprogramm so umschrieben: "Menschen, die die eigene Sprache verlassen, fühlen sich evakuiert, in extremen Fällen sogar entleibt. Und ihre Kinder und Kindeskinder, die Sprosse einer zungenbetäubten ersten Generation, üben sich nicht nur im Deutschen, sondern auch in vielen Zungenschlägen. Die sprachliche Manifestation unserer Mobilmachung heißt Kanak Sprak, das ist das babylonische Kauderwelsch einer unbedingt auffälligen, unbedingt angestoßenen Generation, auf die dieses Land wirklich gewartet hat."
Weit hat sich Feridun Zaimoglu inzwischen von diesen Anfängen entfernt. In zwei Romanen, "Liebesmale, scharlachrot" und dem Kunstszenenbeschimpfungsbuch "German Amok", hat er zu einer eigenen, neuen Sprache gefunden, weit entfernt von der stakkatohaften Rapmusik der ersten Bücher, hin zu einer manchmal fast elegischen, weichen, mitunter umherschweifenden, dann wieder punktgenauen, präzisen, aber immer noch ungeheuer melodiösen Sprache.
Es ist ein weiter Weg von jenem alten "was soll überhaupt dies pomadenschiß von deutsch-is-nummer-eins-was-gibt" zu diesem neuen "Die Stille bindet mich für einige Augenblicke an sie, dann aber verfliegt dieses Gefühl, wie ein Haar im Wind", wie es in seinem neuen Buch, dem gerade erschienenen Erzählungsband "Zwölf Gramm Glück", an einer Stelle heißt.
Ein weiter Weg. Von Gewalt und Aufbruch und neuer Spracherfindung zu einer Poesie des Angekommenseins. Die Fremdheit, die zu Beginn in jedem von Zaimoglu nachgedichteten Satz plakativ ausgestellt wurde, hat sich zurückgezogen. In wenige, neugeschöpfte Wörter, die er noch findet, in die eigene, immer wieder neue Melodie, vor allem aber in dem fremden Blick auf diese Welt, zu der der Erzähler in all den neuen Erzählungen ganz offenbar dazugehört, aber nicht ganz. Keine ausgedachte Exotik ist da im Blick. Aber Staunen, Lachen, Unverständnis und auch Angst.
Das Buch ist aufgeteilt in Geschichten, die unter dem Begriff "Diesseits", und solche, die unter "Jenseits" erscheinen. Diesseits ist Deutschland, Jenseits die Türkei. Die Geschichten aus Deutschland sind Geschichten von mißlungener oder gelungener Assimilation, von der Verspießerung einst rebellischer Jungtürken und von letzten archaisch-männlichen Riten. Es sind Geschichten einer großen Frauenverehrung, einer unzähmbaren Frauensucht, einem mitunter lächerlich klischeehaften anatolischen Macho-Frauenbild und einer traurigen Suche nach einer verlorenen Religion.
Am schönsten lacht es sich aber auch in diesem Buch über die eingeborenen Deutschen, ihren Exotikwahn, ihre übersteigerte Fremdenliebe: "Die Deutschen entspannen sich in fremden Milieus bemerkenswert schnell, und es wird mir immer ein Rätsel bleiben, wieso der Anblick von banalem kalten Hirtensalat sie in eine derart gute Laune versetzen kann", sagt ein staunender Zweitgenerationstürke an einer Stelle. Und über die Namensauswahl frisch geborener Deutscher sagen sie: "Wie heißt sie? Jennifer? Klingt nach weiter Welt. - Wenn es so weitergeht, werden wir unseren Kindern deutsche Namen geben."
Die Türken in Zaimoglus neuen Erzählungen sind oft deutscher als die hier Geborenen. Manche finden das lächerlich. Manche schrecklich normal. Am Ende heißt es: "Die Einwanderer wären gar nicht erst aufgebrochen, hätten sie gewußt, daß ihre Kinder in Deutschland eine billige Emanzipation angehen und sich in spießige Gören verwandeln würden."
Die andere Welt jedoch, die Herkunftswelt, die "Jenseits"-Welt ist etwas anderes. Etwas ganz anderes. Fern jeder EU-Beitrittseuphorie. Fern auch jedes Reiseglücks. Hier, in gegenwartsabgeschiedenen Dörfern herrschen die Regeln der ganz alten Gesellschaft. Hier gibt es keine Verständigung mit Zugereisten. Fremden. Hier herrschen uralte Familienregeln, archaische Bräuche, unhinterfragbare Rituale. Hier ist Zaimoglus Lachen aus der Diesseitswelt verstummt. Mitunter wirken die Geschichten hier wie aus einer überschematischen, unerlebten Abziehwelt, mitunter, wie in der in Klagenfurt im letzten Jahr preisgekrönten Erzählung "Häute", beklemmend gegenwärtig und real. Einen Zugang gibt es nicht in diese Welt. Keine Rückkehr. Und auch keine Versöhnung. Hier herrschen alte Regeln, Abgeschiedenheit, und wenn es eine Verbindung mit der anderen, der Diesseitswelt gibt, dann nur im Haß und in der Vorbereitung auf den Kampf gegen "Byzanz-Babylon-Europa".
Zaimoglu schreibt das alles auf. Es ist nicht seine Welt. Es ist eine Erinnerung. Eine Ahnung und manchmal ein Klischee. Immer aber sind sie eine Bereicherung für den Leser. Eine Neuigkeit. Wie der ganze Dichter Zaimoglu, seine großen deutschen Gedichte eine ungeheure Neuigkeit waren, als sie zuerst erschienen. Wer schreibt das sonst auf, all diese Geschichten der zweiten, der dritten Generation? Wer, wenn nicht Zaimoglu? "Es gilt", so hat er seine Aufgabe einmal umschrieben, "es gilt, als Chronist Zeugnis davon abzulegen, denn später wird es heißen: Die Geschichte der Zuwanderer, ihrer Kinder und Kindeskinder, ist die Geschichte von herkunftsfremden Deutschen, die trotz Kränkung und Demütigung, trotz Politikerpopulismus und Fremdenhaß geblieben sind. Sie sind geblieben, weil es sich lohnte zu bleiben in diesem Land."
Wenn es Zaimoglu nicht gäbe - er müßte sich erfinden.
VOLKER WEIDERMANN.
Bücher von Feridun Zaimoglu: "Kanak Sprak - 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft", Rotbuch-Verlag, 140 Seiten, 9,90 Euro. "Abschaum - die wahre Geschichte von Ertan Ongun", Rotbuch-Verlag, 184 Seiten, 9,90 Euro. "Kopf und Kragen - Kanak-Kultur-Kompendium", S. Fischer Verlag, 190 Seiten, 12 Euro. Und gerade erschienen: "Zwölf Gramm Glück". Erzählungen, Verlag Kiepenheuer und Witsch, 234 Seiten, 17,90 Euro.