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Veröffentlicht: 31.05.2017, 11:39 Uhr

Deborah Feldmans „Überbitten“ Neue Heimat im verteufelten Berlin

Eine amerikanische Jüdin, die mit dem Fundamentalismus ihrer Kindheit gebrochen hat, begibt sich auf die Suche nach Identität: Deborah Feldman setzt ihre Lebensmitschrift in dem faszinierenden Buch „Überbitten“ fort.

von Katharina Teutsch
© dpa Ihre Suche nach Freiheit führt sie ausgerechnet nach Deutschland: Deborah Feldman wurde 1986 in New York geboren und wuchs in Brooklyn auf.

Am 20. April bestätigte das Oberlandesgericht Brandenburg ein Urteil des Landgerichts Neuruppin. Dieses hatte den Brandenburger Marcel Zech zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt. Er hatte zwei Jahre zuvor mit einem Tattoo des Auschwitz-Geländes, das sich um seinen speckigen Rumpf wand, in einem Spaßbad paradiert.

Den nun einsetzenden Prozess verfolgen nicht nur deutsche Beobachter der rechtsextremen Szene. Zur Urteilsverkündung erscheint auch Deborah Feldman. Sie war Marcel Zech ebenfalls im Schwimmbad begegnet. Und sie wird hinterher sagen: „Anders als Zech, wollte ich nie an der Vergangenheit festhalten. Ich habe immer so schnell wie möglich Richtung Zukunft rennen wollen, und aufgrund einer großartigen Wendung der Ironie war es nun Zech selbst, der mir half, mich von meinen Zwängen zu befreien.“

Die Grenzen der neu gewonnenen Freiheit

Deborah Feldman ist die Autorin des Buchs „Unorthodox“, das ihr vor fünf Jahren in den Vereinigten Staaten zu Berühmtheit verhalf. Denn sie hatte der jüdischen Gemeinschaft von Brooklyn, die von ihr heute klar als fundamentalistisch eingestuft wird, den Rücken gekehrt. Wenn ihr selbst nicht klar war, ob sie jemals die freie Person würde werden können, von der sie in all den Jahren der Abgeschiedenheit hinter den alten und neuen Mythen der chassidischen Gemeinschaft geträumt hatte, so wollte sie wenigstens für ihren Sohn ein anderes Leben. Sie hat erst Amerika, dann Europa bereist. Sie wollte das Land verstehen, in dem sie aufgewachsen war. Dann wollte sie wissen, wo ihre Vorfahren zu Hause gewesen waren, woher deren Rezepte, Akzente, vergilbte Fotografien stammten.

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Für ihre Neugier wurde sie von ihren Verwandten angefeindet und von einer auf Happy Endings getrimmten Öffentlichkeit gefeiert. So kam es, dass die Medien ihr die Grenzen der neu gewonnenen Freiheit schnell vor Augen führten. Ihr zweites Buch „Exodus“, das von ihrem neuen Leben handelte, wurde so großzügig auf die Bedürfnisse des amerikanischen Marktes hin designt, dass ihre deutschen Leser sich jetzt über eine Wiederaufnahme der ursprünglichen Buchidee freuen dürfen.

Eine unwahrscheinliche Eintracht

Christian Ruzicska hat für seinen Secessions Verlag mehr als siebenhundert Seiten dieses Work in Progress ins Deutsche gebracht. Und nun liest man diese Geschichte nach der Geschichte mit Ungeduld. Sie endet dort, wo der negative Gründungsmythos der chassidischen Gemeinschaft wurzelt: in Deutschland. Genauer, mit dem Prozess gegen den Neonazi Zech und dessen rechtskräftiger Verurteilung. Für Feldman war sie die „persönliche Zusicherung dafür, dass der Staat sich als zuverlässiger Hüter des Gesetzes“ erwiesen hatte. Zu Hause in Brooklyn war die allgemeine Gefahr des Nazismus immer beschworen und als Grund für die Abschottung genannt worden. Über die realen Schrecknisse der Konzentrationslager brachte die Großmutter jedoch kein Wort über die Lippen. Ihre Unfähigkeit, den Schmerz auszudrücken, übertrug sich auf die Enkelin, die als treue Vollstreckerin einer stillen Rache die Bürde der Unfreiheit zu tragen hatte: „Meine Loyalität gegenüber ihrer Erinnerung verlangte von mir, dass ich die Flamme ihres Leidens in meinem eigenen Herzen lebendig hielt.“

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Jetzt, nach Jahren des Vagabundierens, ist Feldman in einer Stadt angekommen, die das Zeug hatte, für sie zur neuen Heimat zu werden: in Berlin. Wie eine Lebensmitschrift zur „Lebensversicherung“ werden kann, davon erzählt sie in ihrem neuen Buch „Überbitten“. Der Titel bezieht sich auf ein altes jiddisches Konzept. Mit „iberbetn“ ist eine „unwahrscheinliche Eintracht“ gemeint, die sich zwischen Menschen mit unüberbrückbaren Differenzen einstellen kann, da sie vom Glauben an Versöhnung getragen ist und nicht durch das Fallbeil der Vernunft. Dieses Prinzip bildet die Brücke zwischen der alten Welt, in der die Autorin ihre ersten Gewissheiten (und die ersten Zweifel daran) fand, und dem vorläufigen Endpunkt ihrer autobiographischen Erzählung als autarke Frau in Berlin. Was erlebte diese Frau in den Jahren ihrer „Befreiung“?

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