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David Wagner: Welche Farbe hat Berlin? : Wie ein gestrandeter Wal im Berliner Niemandsland

  • -Aktualisiert am

Bild: Verbrecher Verlag

Auf der Suche nach der verlorenen Normalität: David Wagner erkundet in vierzig Miniaturen Berlin. Dabei hat er Georg Simmel im Sinn und antwortet Franz Hessel.

          Nein, David Wagners Buch ist kein Liebesroman. Und doch erzählt dieser Band, der unter dem Titel „Welche Farbe hat Berlin?“ vierzig Prosaminiaturen versammelt, eine Liebesgeschichte. Denn Wagner blickt auf Berlin, als vertiefe er sich in den Anblick einer Geliebten. Er versucht, hinter den steinernen Fassaden der Stadt deren Charakter zu ergründen. Er fordert ihre Nähe, um umgekehrt von ihr die Inspiration und das Material für seine Erzählungen zu erhalten. Dieses spezielle Liebesverhältnis zwischen dem vierzigjährigen Schriftsteller und seiner Stadt zeichnet dieses Berlin-Buch aus. Auf dieses Charakteristikum weist der Titel selbst hin. Denn die Frage „Welche Farbe hat Berlin?“ zielt auf die Perspektive ab, aus der Berlin hier geschildert wird. Da der Leser die Stadt mit David Wagners Augen sieht, sind für ihn alle Bilder von dessen Sichtweise gefärbt. Das Berlin dieses Buches trägt tatsächlich nur eine Farbe. Geprägt von Wagners Stil, erscheint es „wagnerfarben“.

          Was diese Färbung auszeichnet, macht wunderbar beiläufig der Moment des Aufbruchs klar, mit dem das Buch einsetzt: „Ich will bloß den Müll hinuntertragen in den Hof, unten aber, ich habe die zugeknotete Abfalltüte noch in der Hand, gefällt mir die Nacht so gut, es riecht nach Frühling, dass ich hinaus auf die Straße gehe. Ich gehe um zwei Ecken und stehe schon vor dem Café Haliflor - entscheide mich aber, die Luft ist so süß, weiterzugehen.“ Wagner dreht eine Runde durch seinen Kiez, kehrt auf ein Bier ins Haliflor ein und geht nach Hause zurück. Mehr passiert nicht. Oder besser gesagt: Alles, was passiert, liegt im Detail. Wie sorgsam man in Wagners Berlin mit Kleinigkeiten umzugehen hat, spielt die Aufbruchserzählung anhand des Müllbeutels durch. Anstatt ihn rasch wegzuwerfen, trägt der Erzähler ihn bis zuletzt bei sich, nur um ihn dem Container im Hof zu übergeben. Wer so unprätentiös durch Berlin spaziert, wer selbst dem Abfall Aufmerksamkeit schenkt, betrachtet Berlins Inszenierung aus kritischer Distanz. Der teilt auch das Faible für Geschwindigkeit und Innovation nur bedingt. Beobachten ja, aber bitte keine Teilhabe oder gar Begeisterung. Was Wagner an Berlin fasziniert, sind die stillen Seiten, die Mythen des Alltags, denen er in seinen Streifzügen vom Prenzlauer Berg über Mitte und Kreuzberg bis Neukölln nachspürt. Seine Texte machen sich auf die Suche nach der verlorenen Normalität.

          Kulturtheorie jenseits touristischer Wege

          Aus dieser Stilistik der Annäherung erwächst neue Farbigkeit. Ihr Nuancenreichtum zeigt sich Wagner, wenn er in den Himmel über Berlin blickt. Dort offenbart sich ein Farbenspiel aus „Hell-Elfenbein? Sanssouci-Gelb? Lindgrün? Blau? Ist der berlinblaue Himmel, wenn er denn mal zu sehen ist, nicht die größte gleißende Farbfläche über der Stadt? Oder ist die Himmeltönung nicht doch eher wolkengrau, gedeckt-verwaschen? Waschbetongrau? Plattenbaubunt?“ Wagners feines Sensorium für Berlins stille Vielfalt schließt jede Festlegung auf eine Farbe aus. Sie fächert die Frage nach der einen Farbe in eine Palette weiterer Fragen auf. Diesem Berlin gelten Wagners Liebe und Sprachkunst. Einige Erzählungen machen ihren Leser zum Flaneur, der „mit diesem Büchlein in der Hand auch sehr bequem auf dem Sofa liegend durch Berlin spazieren gehen kann“. Andere rücken den Leser in die Position des Betrachters, an dem einzelne Szenen wie im Film vorbeiziehen.

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