02.05.2009 · Hundertelf Variationen über das Sein: Der Berliner Schriftsteller David Wagner wird in seinem neuen Buch „Spricht das Kind“ Vater und blickt mit ganz anderen Augen auf die eigene Vergangenheit.
Von Sandra KegelEs ist ein kleines Buch, von dem ein großer Zauber ausgeht. Auf nicht einmal hundertfünfzig luftig gesetzten Seiten wagt David Wagner sich an die elementaren Fragen des Seins. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was passiert dazwischen, und warum geht der Kinderwagen immer dann kaputt, wenn wir ihn brauchen? In hundertelf literarischen Miniaturen, die oft nicht einmal eine Seite füllen, brütet der 1971 geborene Schriftsteller, der mit seinem ersten Roman „Meine nachtblaue Hose“ im Jahr 2000 bekannt wurde, über die Dinge des Lebens: „Durst“ und „Anrufbeantworter“ heißen die Kapitel, „Spucke“ und „Spielplatz“, „Regenwürmer“, „Ähnlichkeit“ und „Sehnsucht“.
In seinem Debüt erzählte der damals achtundzwanzigjährige Autor, der zehn Jahre zuvor von Bonn nach Berlin übersiedelt war, von einer Dreiecksbeziehung zwischen zwei Männern und einer Frau im studentischen Berlin der Jahrhundertwende. Zugleich aber, und das machte den besonderen Reiz aus, schrieb David Wagner, weil sein Ich-Erzähler sich aus der Gegenwart stets wegträumte, über eine Kindheit in der Bonner Republik. Aus der Distanz einiger Jahre und Hunderter Kilometer zum Schauplatz jener traumverlorenen rheinischen Welt der siebziger und achtziger Jahre entstand ein feinnerviges Erinnerungsgewebe, das mehrere Zeitebenen ineinander verflocht. In langen, rythmischen Sätzen ohne Absätze improvisierte David Wagner über das zurückliegende, zwischen Sofagarnitur und Eisschrank eingeklemmte Leben und über die Sehnsucht, ein anderer zu sein.
Jünger werden und sterben müssen
Auch Wagners neues Buch kreist, wiederum ausgehend von der Zentralperspektive der Berliner Mitte, um die Zeitläufe und Orte dieser westdeutschen Kindheit. Doch nicht nur formal ist das Buch „Spricht das Kind“ anders gebaut, es ist ja auch kein Roman, sondern eine Sammlung literarischer Impromptus. Vor allem aber ist es mit einem anderen Blick auf die Welt geschrieben, denn der Autor, oder zumindest das literarische Ich, das zu uns spricht, ist Vater geworden – ein Ereignis, das sein Dasein neu definiert und auch die Perspektive auf Vergangenes verändert hat. Der Wandel tritt in banalen Situationen des Alltags zutage. Seit das Kind da ist, schreibt David Wagner, trenne er den Müll. Er bringt jede Batterie zur Sammelstelle und kauft nur noch umweltverträgliche und phosphatfreie Waschmittel. Auch findet er sich an Orten wieder, die immer schon da, für ihn jedoch unsichtbar waren. Plötzlich sind sie wieder wichtig, Spielplätze beispielsweise. „Älter werden heißt auch immer jünger werden“, schreibt er an einer Stelle: Das Kind macht den Vater wieder zum Kind.
Dieser Vater hört Lieder, die er jahrzehntelang nicht gehört hat, nun täglich. Er kauft Fahrradpuppensitze, Pixibücher und Buntstifte, auch Bettwäsche, Brausestäbchen und Fruchtzwerge. Er staunt darüber, wie das Gesicht des Kindes sich verändert, wenn es den Pullover auszieht und ihn wie eine Schwesternhaube über den Haaransatz hängen lässt. Und er ist von dieser ohnmächtigen Angst gepackt, die Eltern nicht selten umtreibt: „Ist das Kind nicht da, möchte ich tot sein. Sonst aber immer leben. Dabei erinnert das Kind mich immer daran, dass ich sterben muss.“
Vater einer eigenen Firma
Dieses Kind, eine Tochter, die namenlos bleibt, hat mit ihrem Eintritt in die Welt alles für immer verändert: Sie ist da, wo vorher nichts gewesen ist, und der Erzähler hört nicht auf, sich darüber zu wundern. Dabei kann die Verbundenheit zum Kind auch zur Fessel werden: „Ich bin sein Leibwächter, ich passe auf, bin immer da, halte es fest, halte es an der Hand. Trage seine Sachen.“
Das Kind ist die Projektionsfläche, die dem Erzähler die Augen öffnet: Plötzlich blickt er als ein anderer auch auf die eigene Kindheit. Seit er Vater ist, schreibt Wagner, ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern, dem schwierigen Vater und der frühverstorbenen Mutter nicht mehr die alles bestimmende Geschichte. Beinahe schon trotzig klingt es, wenn er sagt:„ Ich habe jetzt eine eigene Firma.“ Die Kämpfe mit den Älteren, sie werden nur noch angedeutet, ausgefochten werden sie nicht mehr. Auch wenn nach Jahrzehnten manch familiäre Szene noch Groll hervorruft – die Erinnerung an den Vater mit seinen Bohrern, die er von jeder Dienstreise heimbrachte, oder an die Mutter, die alle Jahre wieder zu Weihnachten die Familie fürs scheinheilige Postkartenidyll im Musikzimmer versammelte – scheint der Erzähler doch so etwas wie Frieden gefunden zu haben.
Trost durch Wegpusten
Keinesfalls Groll, aber doch ein offensichtlich Bemühen um Distanz tritt gelegentlich im Blick auf das eigene Kind zutage, vor allem dann, wenn dieses eine Rolle spielt, den Kinderpart: „Jede ihrer Handbewegungen, jede Geste hat etwas Theatralisch-Überbetontes, Theaterhaftes – als bestünde das Leben des Kindes aus der Vorführung seines Kindseins. Jede Bewegung scheint zu sagen, Ich führe Euch etwas vor, was Ihr sehen wollt.“ Und manchmal vergreift der Autor sich auch im Bild, etwa wenn er beim Einkaufen mit der Tochter in der blauen Cordhose das Etikett „made in bangladesh“ entdeckt und darüber sinniert, ob die Kinder in Bangladesh wohl mit ihren Eltern einkaufen gehen, oder sie auch samstags den Stoff für die Kinderhosen färben, nähen und verpacken müssen. Dafür aber entschädigen in diesem beseelten Textgefüge viele andere, kleine und kluge Beobachtungen über Kindsein und Erwachsenwerden, Eltern, Liebe und Leben. Das Buch zieht in seinen Bann durch die Ruhe und Klarheit der Sprache, und es hebt sich ab von der Flut der sogenannten Väterliteratur, in der von ihrer neuen Rolle überwältigte Mittdreißiger sich oft genug in geschwätzigen Plattitüden ergehen.
Diese Aufgeregtheit erlaubt sich David Wagner nicht. Er macht sich vielmehr die eigene Position des kleines Rädchens im endlosen Gefüge der Generationen bewusst: „Das alles gab es schon so oft. Das ist doch schon so oft passiert. Über Tausende Generationen hinweg. Immer wieder.“ Doch klingt das hier nicht resignativ, sondern fast schon erleichternd. Der „Trostföhn“ für Kopf und Herz, den David Wagner sich wünscht, um die Schmerzen wegzupusten – auf diesen Seiten bläst er mit maximaler Stärke.