18.03.2011 · Die Welt als Aneignung und Plagiat: In seinem Manifest „Reality Hunger“ macht der amerikanische Autor David Shields gemeinsame Sache mit Rappern und Komikern. Das Ziel lautet: die Rettung der Literatur.
Von Daniel HaasDie Gebrauchsanweisung des Buches kommt zum Schluss. Man solle eine Schere nehmen und die Seiten 213 bis 224 heraustrennen. Sie bilden den Anhang, in dem alle in „Reality Hunger“ zitierten Quellen aufgeführt sind, ausgenommen jene, „die ich nicht ausfindig machen konnte oder die ich unterwegs vergessen habe“. Der Verlag habe leider auf diese Liste bestanden, schreibt der Autor David Shields. Sie ergebe jedoch keinen Sinn. Schließlich seien Aneignung und Plagiat ein zentrales Thema des Werks; die eigene Arbeit müsse deshalb selbst Teil der beschriebenen Verfahren sein. Sonst wäre es, „als würde man ein Buch über das Lügen schreiben, ohne in diesem Buch lügen zu dürfen“.
Nun gibt es die Liste aber, und sie ist Teil der Dramaturgie dieses literarischen Manifests. Natürlich ist die Versuchung groß, Shields' Text auf seine Stichwortgeber hin zu überprüfen. 618 Einträge umfasst „Reality Hunger“, manche sind kaum länger als ein Aphorismus, manche haben die Länge einer Kürzestgeschichte. Sentenzen, Slogans, Bonmots, theoretische und historische Exkurse: keine Textsorte, die in dieses Werk nicht eingespeist worden wäre.
Aus Textschnipseln gemischt
Die Empfehlung, das Buch zu verstümmeln, gehört selbst schon ins poetologische Programm: Das Werk, vor allem das literarischer Fiktion, muss attackiert und in seinem kulturellen Einfluss eingeschränkt werden. Deshalb ist der Eintrag Nummer 362 genaugenommen eine Lüge: „In diesem Buch wird nichts passieren“, erklärt Shields mit koketter Selbstreflexivität. Aber es passiert ja doch einiges. Genauer: Es wird exakt das präsentiert, was der Autor ideologisch verdächtig findet: eine Geschichte mit einem Helden und einem Gegenspieler, mit Krisen und Wendepunkten.
Der Held, das ist der implizite Autor, diese Stimme, die sich im Fortgang der aus Textschnipseln gemischten Collage ergibt. Die Stimme, nennen wir sie wie der Autor selbst „DS“, verkündet das Ende des konventionellen Romans, das Ende der Autobiographie und die Heraufkunft des Essays als neuer, erkenntnistheoretisch integrer, erzählerisch innovativer Form.
Die Stunde der Fiktion
Warum braucht man nun diese literarische Revolution? Weil unser Realitätshunger angeblich droht die Wirklichkeit zu verschlingen und nur eine profunde, zugleich spielerische Imagination diese Wirklichkeit zurückholen kann in den Bereich unseres Wissens und unserer Erfahrung. Mit Realitätsgier ist vor allem die mediale Verwertung konkreter Lebenswelten gemeint, die zahllosen Dokusoaps, die uns einen vermeintlich authentischen Blick hinter die Kulissen anderer Existenzen liefern. Oder die vielen Wettbewerbs-Shows, hierzulande zum Beispiel „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany's Next Top Model“, die im Stil der Vorher-Nachher-Logik ein biographisches Drama darstellen.
„Im Jahr 2008 wurden für ,American Idol' mehr Stimmen abgegeben als für Barack Obama bei der Präsidentschaftswahl“, schreibt Shields. „97 Millionen für ,American Idol' und am Wahltag 70 Millionen für Obama.“ Wenn die Realitätsstaffage soviel überzeugender ist als die Realität selbst, wenn das Publikum, wie Shields schreibt, nach der Wirklichkeit anderer Menschen in bearbeiteter Form dürstet, selbst „wenn es der eigenen langweiligen überdrüssig ist“, dann müsste doch eigentlich die Stunde der Fiktion geschlagen haben. Sie könnte der verzerrten, marktförmigen Realityshow eine höhere, weil durchgestaltete Form des Realen entgegensetzen - die erfundene Wirklichkeit als Wahrheit.
Plots sind was für Tote
Hier nun tritt der Feind von Shields' poetologischer Geschichte auf: der realistische Roman, wie wir ihn seit dem neunzehnten Jahrhundert kennen. „Der Roman mit Helden gehört der Vergangenheit an“, wird Alain Robbe-Grillet, der Schriftsteller und Theoretiker des nouveau roman, zitiert. Es ist vom „Betonkorsett der Fiktion“ die Rede und vom Starautor Jonathan Franzen, der hier als Schurke im Kampf zwischen alter illusionistischer Fabulierkunst einerseits und neuer, offener, postmodernistischer Schreibweise andererseits herhalten muss. Der Autor von „Korrekturen“ und „Freiheit“ ist überhaupt das schönste Feindbild für Shields volatile Ästhetik.
„Ich könnte kein Buch von ihm lesen“, heißt es, weil: „Plots sind was für Tote“ und „alle Bewegungen, die der traditionelle Roman vollzieht, sind unglaublich vorhersehbar, müde, gekünstelt und im Grunde zwecklos.“ Einer Agenda, wie gesagt, entkommt Shields aber selbst nicht, seine essayistische Liste verfolgt schlüssig eine Idee und ruft dafür auch Gewährsleute auf. Das wären die Mitstreiter des Helden, Autoren wie Beckett und Tschechow, alle Meister des Weglassens, die das nachmoderne Konzept einer nichtlinearen, diskontinuierlichen Darstellung vorbereitet haben.
Im Sampling entsteht Kunst
Auch aus dem Feld der Popkultur erwartet „DS“ Schützenhilfe: Da sind zum einen Stand-up-Komiker wie Kathy Griffin, die in ihren Auftritten ihre beschämenden Erfahrungen als D-Promi verwertet, und Sarah Silverman, eine Komikerin, die von Jesus bis Martin Luther King alle Ikonen des westlichen Wertekanons mit Häme überzieht. Dann die Rapper: Weil Musiker wie Jay-Z oder Lil' Wayne in ihren Songs Teile anderer Stücke zitieren, stehen sie für eine Produktionsästhetik, die die Grenzen zwischen Original und Kopie verwischt.
„Wirklichkeitsbasierte Kunst kidnappt ihr Material und entschuldigt sich nicht dafür“, schreibt Shields. Die Plattenlabels, die im Namen ihrer Hip-Hop-Stars aufwendige Copyright-Prozesse führen mussten, sehen das vermutlich anders, aber das Konzept ist klar: Im Sampling, also in der Montage und Kompilation verschiedener Quellen, entsteht Kunst. „Die Kopie“, so Shields, „transzendiert das Original.“
Die Konstruktion eines Ich
Transzendiert nun der Autor mit seinem Ideensampling die klassische Idee des Manifests? Ja, weil der ganze vielstimmige Textstellenchor doch ein Stück mit erkennbarer Melodie und Refrain anstimmt. Und weil das Leitmotiv - weg mit der herkömmlichen Täuschungsrhetorik der Bestsellerromane! - ausgerechnet dann am schönsten anklingt, wenn Shields seine Schreiberfahrungen autobiographisch herleitet: aus seinen Collegezeiten, aus der ersten Liebe zu einer skriptomanen Studentin, aus der Bewunderung für den politisch engagierten Vater.
Ist das nicht ein Widerspruch? Ist das nicht narrative Augenwischerei und Illusionsbildung? Die Konstruktion eines Ich, das nicht mehr nur Funktionsträger des Textes, sondern tatsächlich Subjekt einer Geschichte ist? Und Subjekte, sind das nicht diese fragwürdigen Größen, wie sie uns der klassische Roman à la Franzen entwirft? Konsequent wäre es gewesen, auch diese Seiten wie den Anhang mit einer gestrichelten Linie zum Heraustrennen zu versehen. Das aber wäre ein Verlust für das Buch gewesen. Und für den Leser.