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Max Frischs letztes Werk : Was seinen Überwachern entgangen ist

  • -Aktualisiert am

Mehr als vierzig Jahre lang wurde Max Frisch vom Schweizer Staat überwacht. Bild: Picture-Alliance

Ein Staat bespitzelt seinen berühmtesten Autor. Und der, immer schon besessen davon, was Identität ist, ärgert sich über Fehler in seiner Akte. Ein Gespräch mit dem Herausgeber von Max Frischs „Ignoranz als Staatsschutz?“.

          Max Frischs letzter literarischer Text, den er wenige Monate vor seinem Tod schrieb, heißt „Ignoranz als Staatsschutz?“. Er entstand, nachdem bekannt wurde, dass er vom Schweizer Staat mehr als vierzig Jahre lang überwacht worden war. Der Zürcher Historiker David Gugerli hat diesen bislang unveröffentlichten Text nun herausgegeben.

          Max Frischs Text „Ignoranz als Staatsschutz?“ geht zurück auf den sogenannten Fichen-Skandal von 1990. „Fiche“ ist das Schweizer Amtswort für „Karteikarte“. Was war das für ein Skandal?

          Die Fichen könnte man als helvetische Pendants zu den Stasi-Akten bezeichnen. Ein großer Teil der Bevölkerung wurde in einer Intensität und Dauer vom Staatsschutz beobachtet, wie man es sich nicht hatte vorstellen können. Seit 1945 standen fast eine Million Schweizer, also ein Sechstel der Bevölkerung, unter Überwachung.

          Und wie kam diese Überwachungspraxis, auf Karteikarten festgehalten, ans Tageslicht?

          Sie kam ganz zufällig heraus, während der Arbeit einer parlamentarischen Untersuchungskommission im Justizministerium. Ich würde aber sagen, die Entdeckung hatte auch damit zu tun, dass dieses Projekt einer Bevölkerungsüberwachung auf Karteikarten 1990 längst gescheitert war. Die Karten waren für den Staatsschutz, was immer man darunter versteht, nicht mehr einsetzbar. An den Tag gekommen sind die Fichen also letztlich, weil sie sich im Computerzeitalter als Informationsträger überlebt hatten.

          Wie hat Max Frisch davon erfahren, dass man seit 1948 über seine Reisen, Bekanntschaften und publizistischen Tätigkeiten Buch führte?

          Als der Fund der vielen Millionen Fichen von der Untersuchungskommission bekanntgegeben wurde, hat Frisch, wie viele andere Schweizer auch, Einsicht in seine Akte verlangt. Aufgrund persönlicher Beziehungen hat er diese insgesamt dreizehn Karteikarten dann auch schnell bekommen, im August 1990.

          Und wie hat der 79-jährige, schwer kranke Max Frisch auf diese Postsendung reagiert?

          Er war offenbar total von der Rolle und geriet in den folgenden Wochen in einen regelrechten Kreativitätsrausch.

          Vermutlich hatte der Impuls, sofort schreibend auf diese Fichen zu antworten, ja auch mit einer fast ironischen Parallele zu tun: Ein Schriftsteller, dessen literarisches Werk sich jahrzehntelang mit dem Problem der Identität beschäftigt, sieht sich am Ende seines Lebens mit dem polizeilichen Entwurf seiner Autobiographie konfrontiert.

          Und das kann man jetzt besonders tragisch finden - der alte Frisch wird Opfer seines eigenen Lebensthemas. Oder aber man sagt: Max Frisch ist natürlich der größte Spezialist für diese Konstellation und der geeignete Schriftsteller, um sich sogleich an die Arbeit zu machen.

          Eine starke letzte Inspiration also.

          Die ihn zunächst zu einer erstaunlich kontrollierten Arbeitsweise führt, im Modus der Collage. Er zerschneidet die Kopien der Karteikarten, klebt immer einen Streifen mit einem Eintrag auf ein Blatt, spannt ihn in die Schreibmaschine und kommentiert. So geht er vor, Schnipsel für Schnipsel.

          Die Einträge des Staatsschutzes fügen sich ja gewissermaßen nahtlos in sein Werk ein, eine Art „Tagebuch 1948 bis 1990“, aber von Fahnderseite verfasst.

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