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Mittwoch, 19. Juni 2013
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David Grossman: Die Umarmung Nur ein bisschen allein

 ·  David Grossman erinnert an die Kraft der Umarmung - in einer Sprache, die jener körperlichen Nähe in nichts nachsteht. Dies geschieht in nur wenigen Sätzen - und das auch noch ganz ohne Pathos.

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Vielleicht ist die Umarmung die älteste Geste der Zärtlichkeit der Welt. Geborgenheit, Trost und Einvernehmen verheißend, kommt sie noch vor dem Kuss. Studien zufolge vermissen Menschen, die allein leben, nichts mehr als das Gefühl, in den Arm genommen zu werden.

Jetzt hat David Grossman, der die rare Gabe besitzt, bloße Worte in warme und tröstliche Gebilde zu verwandeln, ein Buch geschrieben, das „Die Umarmung“ heißt und nur aus wenigen Sätzen besteht. Die Zutaten der kleinen Geschichte sind einfach: Mutter, Sohn und Hund gehen spazieren. David Grossman weiß, dass es sich am besten in der Natur redet, wenn man nebeneinander geht, sich vielleicht auch an Händen hält, aber nicht immerzu ansieht. In dieser Situation kann man die Angst davor, grundsätzlich allein zu sein, zulassen und dennoch bewältigen.

Eigentlich müsste Ben gestärkt durch die Welt gehen, denn seine Mutter beginnt den gemeinsamen Gang mit liebendem Zuspruch: „Ich hab dich lieb, keiner auf der Welt ist wie du“, sagt sie zu ihrem Sohn - nicht ahnend, dass der Satz bei ihm nicht Zuversicht, sondern Furcht auslöst. „Ich will aber nicht der Einzige auf der Welt sein, der so ist wie ich“, sagt Ben, „dann bin ich ja ganz allein!“ Die Überlegung, dass auch seine Eltern, der Hund Miracle und alle anderen Wesen bis hin zu den Ameisen am Weg ebenfalls einzigartig sind, versetzt ihn in Schrecken: Jeder ist allein! Wie hält man das nur aus? Die Mutter beruhigt ihn: Sie sei nicht allein, sie habe doch ihn und seinen Vater. „Aber du hast keinen, der ganz genau so ist wie du?“ Nein, aber das sei nicht schlimm, antwortet die Mutter, lächelt und malt mit dem Finger Kreise in die Erde. „Ich bin ein bisschen allein und ein bisschen mit den anderen, und es geht mir gut.“ Und damit auch ihr Kind spürt, dass es nicht allein ist, umarmt sie es.

Es gibt kein Pathos in dieser Geschichte, keinen falschen, unaufrichtigen Ton. Denn auch die Sätze Grossmans sind nicht allein. Neben ihnen stehen, schmal und bescheiden, fast meditative Bleistiftbilder der israelischen Künstlerin Michal Rovner. Nur selten mischt sich ein Fleckchen Farbe in die grauen Schiefersilhouetten. Die Traurigkeit darüber, dass David Grossman uns diese Geschichte erzählen kann, aber nicht mehr seinem Sohn Uri, der vor fünfeinhalb Jahren starb, gehört zu dieser freundlichen und zärtlichen Parabel.

David Grossman: „Die Umarmung“. Mit Zeichnungen von Michal Rovner. Aus dem Englischen von Michael Krüger. Hanser Verlag, München 2012. 36 S., geb., 9,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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