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David Foster Wallace: Der bleiche König : Dazu ist nie genug gesagt

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag Kiepenheuer & Witsch

Der letzte Roman von David Foster Wallace erscheint auf Deutsch. Schon vor der Publikation von „Der bleiche König“ hat der Verlag ein Netzforum geschaffen, wo sich die Leser austauschen können.

          Fünf Jahre nach seinem Tod ist David Foster Wallace ein Mythos. Sein tausendseitiges, stilistisch überkomplexes und bahnbrechendes Opus magnum „Unendlicher Spaß“ hob ihn endgültig in den Status einer fast heiligen und unantastbaren Figur - in einem Atemzug genannt mit Marcel Proust, James Joyce und Thomas Pynchon. Es ist ein verstörend intelligentes Buch über pervertierte Strategien zur Befriedigung der Sucht nach Unterhaltung, ein Buch wie ein Sargnagel für eine Generation, die - wie Wallace selbst - vor dem Fernseher aufgewachsen ist, dadurch sozialisiert und bis ins Mark kommerzialisiert wurde.

          Das sakrale Büro

          Nachdem zahlreiche Behandlungen seiner schweren Depression - unter anderem unterzog er sich jahrelang einer Elektroschockkrampftherapie - keine Wirkung mehr zeigten, nahm sich Wallace 2008 das Leben. Er hinterließ Tausende Seiten zu einem Projekt, das unter dem Titel „The Pale King“ lief und an dem er die letzten Lebensjahre unermüdlich gearbeitet hatte. Sein Lektor Michael Pietsch stellte aus den Papierbergen jene unvollendete Ausgabe zusammen, die vor zwei Jahren in Amerika erschien und jetzt auch auf Deutsch vorliegt.

          „Der bleiche König“ handelt im Kern von einer Gruppe Angestellter der amerikanischen Steuerbehörde I.R.S. im Jahr 1985 und ihrem täglichen Umgang mit Langeweile und Monotonie, ihrer Kindheit und Jugend. Damit reiht sich Wallace ein in eine lange Tradition der Angestelltenliteratur. Hundert Jahre zuvor entwarf Robert Walser in „Der Commis“ eine neue Art des Protagonisten: fleißig, konzentriert, schüchtern, gebildet, grau und mit einer Vorliebe für Gespräche über Kunst.

          Anders als Walser behandelt Wallace seine Angestellten jedoch nicht wie Tiere aus einer „Handelsmenagerie“, sondern versteht sie als Taufkinder einer Arbeitskultur, in der sich Bürokratie bereits als quasinatürlicher Zustand etabliert hat. „Der Schlüssel, der der Bürokratie vorausgeht, ist die Fähigkeit, Langeweile auszuhalten. Effizient in einem Milieu zu funktionieren, das alles Vitale und Menschliche ausschließt“, heißt es in Kapitel „§ 44“. Wallace wollte mit „Der bleiche König“ einen vormodernen Roman schreiben, in dem der „Tax Code“ eine Art heilige Schrift ist und die Monotonie durch vollkommene Konzentration auf etwas so Banales wie Steuererklärungen einer spirituellen Epiphanie gleicht.

          Viel Stoff für Diskussionen

          Nicht nur die thematische Kehrtwende von der Unterhaltungssucht in „Unendlicher Spaß“ zur Konfrontation mit der aufzehrenden Eintönigkeit in „Der bleiche König“ ist bemerkenswert. Besonders beeindruckend ist der Wandel des erzählerischen Gestus. Nie war Wallace seinem eigenen paradoxen Anspruch, Schriftsteller müssten metafiktionale Spielereien und Intellektualismen - von denen sowohl „Unendlicher Spaß“ als auch sein auf Ludwig Wittgensteins analytischer Sprachphilosophie fußendes Debüt „Der Besen im System“ zersetzt sind - zugunsten einer existentiellen und berührenden Verhandlung des Stoffes hinter sich lassen, näher als in diesem Roman.

          Mit dem Ergebnis, dass karikatureske Momente, wie das eines Jungen, der versucht, jede Stelle seines Körpers zu küssen, beklemmender und trauriger sind, als sie es in „Unendlicher Spaß“ gewesen wären, da die inhärente Komik in den Hintergrund fällt, so als würde irgendwo im Saal ein Handy anfangen zu klingeln, während auf der Bühne gerade jemand an einem Herzinfarkt stirbt. Zweifelsfrei ist „Der bleiche König“ Wallaces bester Roman.

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