01.10.2008 · Wo steckt eigentlich der deutsche Roman der Globalisierung? Auf dem Berliner Literaturfestival jedenfalls nicht. Hier ist jeder sein eigenes Lyrik-Orchester. Von Andreas Kilb
An diesem Abend liest Steinunn Sigurdardóttir auf der Seitenbühne des Berliner Festspielhauses aus ihrem neuen Buch "Sonnenscheinpferd". Sie ist eine fröhliche Frau mit flachsblonden Haaren, und sie lacht, als der Moderator, ein Journalist aus Berlin, sie mit den Worten vorstellt, sie lebe jetzt wie er in Kreuzberg, aber "im falschen Teil". In ihrer isländischen Heimat ist Steinunn Sigurdardóttir berühmt; sie hat eine Biographie der ersten Präsidentin des Landes, Vigdis Finnbogadóttir, und ein halbes Dutzend Romane geschrieben, und in Frankreich wurde ihr Debüt "Der Zeitdieb" mit Sandrine Bonnaire und Emmanuelle Béart verfilmt.
Auch in Deutschland bekamen Steinunn Sigurdardóttirs Bücher gute Kritiken, aber eine Berühmtheit ist sie noch nicht. Ungefähr dreißig Leute sind gekommen, um sie aus "Sonnenscheinpferd" lesen zu hören, der Geschichte von Lilla, die nach vielen Jahren ihrer Jugendliebe wiederbegegnet und sich an ihre Kindheit erinnert, den Tod des Vaters, die Kälte der Mutter, den kleinen Bruder und die Verkäuferin im Milchgeschäft. Sigurdardóttir trägt ihre Sätze in einem sanften, kehligen Singsang vor; sie hat mit Lyrik angefangen, und auch ihr Roman, sagt sie, sei ein verkleidetes Gedichtbuch. Man könnte ihr endlos zuhören, wenn die Zeit nicht so knapp wäre auf einem Literaturfestival, wenn sich die Türen, die sich hier zu den Büchern öffnen, nicht stets nach einer Stunde wieder schlössen wie die Pforten eines mechanischen Glockenspiels.
Zur selben Zeit liest Amitav Ghosh auf der Hauptbühne des Festspielhauses vor dreihundert Zuschauern aus seinem Roman "Das mohnrote Meer". Es ist die letzte Station einer langen Lesereise, denn Ghosh ist seit seinem vor sieben Jahren erschienen "Glaspalast" eine Macht auf dem deutschen Buchmarkt, die Leser seiner akribisch ausgepinselten Historienpanoramen gehen in die Zehntausende. "Das mohnrote Meer", die Geschichte des britischen Schoners Ibis, der im Jahr 1838 mit einer buntgemischten Gesellschaft an Bord von Kalkutta nach Mauritius segelt, wird von der Schauspielerin Julia Jäger auszugsweise vorgetragen, mit Verve und preußischer Eleganz, während der Autor den literarischen Weltmann gibt, den das Publikum von ihm erwartet. Er sei froh, sagt Ghosh lächelnd, dass "Das mohnrote Meer" erst der Beginn einer Trilogie sei, denn dann habe er die nächsten zehn bis zwanzig Jahre lang zu tun.
Es ist ja nicht wahr, dass die Literatur keine Klassenunterschiede kennt. Sie ist ebenso hierarchisch geordnet wie die meisten anderen Kultursparten auch, und ein Bücherfest wie das internationale Berliner Literaturfestival stellt diese Hierarchien unverblümt aus. Der Saal füllt sich, wenn der Starautor liest, und er leert sich für die unbekannte Lyrikerin, das neu entdeckte Talent aus Innerasien oder Übersee. Dennoch, und darin liegt die Gerechtigkeit des Festivals, bietet es die gleiche Bühne für alle, für Amitav Ghosh wie für Steinunn Sigurdardóttir, für den Norweger Jon Fosse wie für die Französin Marie Ndiaye, die ihren Durchbruch in Deutschland noch vor sich hat. Und manchmal kehrt sich die Hierarchie sogar um. Das sind die spannendsten Momente des Lesemarathons: Wenn jemand, von dem man noch nie etwas gelesen hat, ein Stück Prosa vorträgt oder ein Gedicht, und auf einmal ist da ein Ton in der Welt, auf den man nicht mehr verzichten will, ein neues Gesicht im Atlas der Literatur.
Diesmal war es Chirikure Chirikure aus Zimbabwe. Er las am Ende der zweiten "Poetry Night", mit der das Festival seinen Themenschwerpunkt Afrika lyrisch unterfütterte. Vor ihm hatte Lebogang Mashile aus Johannesburg, von einer Virtuosencombo begleitet, ihre zwischen Rap und Predigt schillernden Sprechgesänge dargeboten, und davor hatte die Uganderin Susan Kiguli dem ausverkauften Saal mit Protest- und Naturgedichten eingeheizt. Aber Chirikure war mehr, er war dies alles zugleich: Poet, Prophet, Rhapsode, ein Könner und ein Clown. Seine Gedichte, teils auf Englisch, teils in der Shona-Sprache seiner Heimat geschrieben, betrachten eine Welt, die wir nur als Elendskulisse oder touristisches Klischee kennen, mit dem lyrischen Zauberblick. Alles wird ihm zum Sinnbild: das Mutserende-Spiel, bei dem die Kinder auf einem Holzstück die Sandhügel herunterrutschen, der Nebel auf den Spitzen der Chimanimani-Berge, der Brunnen im Dorf, den das Regime mit seinen Lügen vergiftet. Und Chirikure liest diese Texte nicht - er macht Musik mit ihnen, er ist sein eigenes Lyrik-Orchester. Das Handicap dieses Virtuosität liegt darin, dass sie sich auf der gedruckten Seite nicht spiegelt, dass sie ganz Augenblick und Performance ist. Aber genau dafür gibt es ja Literaturfestivals.
In Berlin hätte man Chirikure Chirikure auch vor drei Jahren auf dem Poesiefestival erleben können, das die Literaturwerkstatt immer im Juni veranstaltet. Der Kulturstaatsminister will die beiden Festivals, die bisher aus Projektmitteln des Hauptstadtkulturfonds gefördert werden, zu einem zusammenlegen. Das ist eine naheliegende, aber falsche Idee. Das Poesiefestival ist eine Berliner Institution, das Literaturfestival ein nationales Ereignis. Beide würden durch die Zusammenlegung ihren Eigensinn verlieren, das ILB, das ganz auf die Globetrotter-Figur seines Gründers Ulrich Schreiber zugeschnitten ist, vielleicht noch stärker als das Lyrikfest. Bis zum Ende des nächsten Jahres wollen sich die Wächter der Bundeskulturpolitik ein neues Gesamtkonzept überlegen. Hoffentlich kommt dabei mehr heraus als ein verkappter Abwicklungsplan.
Berlin ist auch nicht Köln. Dass sich das Literaturfestival, anders als die Lit.Cologne, nicht selbst zu finanzieren vermag, liegt nicht am Programm, sondern an der geringen Sponsoren- und hohen Ereignisdichte der Hauptstadt. Dennoch gibt es Schriftsteller, die man nur in Berlin trifft, weil sie anderswo durch die Raster fallen. Zum Beispiel Eliot Weinberger.
Weinberger verkörpert einen Typus des Intellektuellen, der in Deutschland undenkbar wäre: Ethnologe, Polyhistor, Autodidakt, Übersetzer von Octavio Paz und Bei Dao, gleichzeitig politischer Kolumnist und Greenwich-Village-Urgestein. In Berlin las Weinberger gemeinsam mit Ingo Schulze, der mehr Freund und literarischer Sparringspartner als Moderator war, einen Text aus seinem neuen, bescheiden "Das Wesentliche" getauften Prosaband: "Das Nashorn". Es geht um ein aussterbendes Tier; aber in den Spiegelungen, mit denen Weinberger das Motiv umkreist, geht es auch um die Geschichte der Bilder, die sich das Abendland von der Wildnis gemacht hat, und um die Ursprünge von Poesie und Religion. Einen hawaiianischen Zeitungstext von 1834, den er bei seinen Recherchen gefunden hatte, trug Weinberger zum allgemeinen Vergnügen in der Originalsprache vor. Der Essayist muss eben, wenn er seine Arbeit ernst nimmt, manchmal auch ein Performer sein.
Auf dem Festival, das an diesem Wochenende mit Lesungen von Irina Liebmann, Meir Shalev, Connie Palmen und Ingo Schulze zu Ende geht, spielte die deutsche Literatur eine Nebenrolle. Das war weder böse Absicht noch Zufall; es demonstrierte nur beiläufig, dass deutsche Autoren zu den drängendsten Themen der globalisierten Gegenwart nicht allzu viel zu sagen haben. Es spricht für sich, dass Uwe Timm aus seinem fast dreißig Jahre alten Roman "Morenga" vorlesen musste, damit zum Festivalschwerpunkt Afrika wenigstens ein deutscher Beitrag zu hören war. Und doch gibt es eine deutsche Literatur der Globalisierung. Sie findet nur nicht in Romanform statt, sondern in den weniger verspielten Gattungen der Dokufiction und der politischen Essayistik.
Zu Ersterer gehört Güner Yasemin Balcis dokumentarischer Roman "Arabboy". Balci, Journalistin beim ZDF, ist im Rollbergviertel aufgewachsen, einem sozialen Brennpunkt im Berliner Stadtteil Neukölln, und in diesem Milieu spielt ihre Geschichte. Rashid, ihre Hauptfigur, Sohn libanesischer Eltern, ist von Geburt Deutscher und doch von deutscher Kultur Lichtjahre entfernt. Die Parallelgesellschaft, in der er aufwächst, erzieht ihn zur Gewalt, und so ist seine kriminelle Karriere vorgezeichnet. Balci schreibt in einem Ton, der auf sprachliche und politische Empfindlichkeiten wenig Rücksicht nimmt, was ihr bereits den Vorwurf der Schwarzmalerei eingetragen hat. Sie habe, erklärte sie bei ihrer Lesung, die Wirklichkeit nicht hübscher malen wollen, als sie sei. Wenn sie heute ins Rollbergviertel zurückkehre, müsse sie in die Moscheen gehen, um zu erfahren, was es Neues gebe.
Bücher wie "Arabboy" zeigen, dass Necla Kelek in ihrem Kampf um die Integration der Türken in Deutschland nicht mehr allein ist. In Berlin stellte Kelek ihr neues Buch "Bittersüße Heimat" vor, eine Mischung aus Reisereportage, Autobiographie und politischer Analyse, wie sie auch für ihre früheren Arbeiten typisch ist. Es beginnt mit Szenen, die an das Istanbul Orhan Pamuks erinnern, und endet im heutigen Anatolien, wo Frauen, die ihre Rechte einfordern, froh sein können, wenn sie mit dem Leben davonkommen. Wann hat das alles angefangen? Alice Schwarzer, die mit Necla Kelek auf der Bühne des Festspielhauses saß, erinnerte an ihre erste Reise in den Iran des Ayatollah Chomeini vor dreißig Jahren. Und dann sprach plötzlich nur noch Alice Schwarzer. Auch auf Literaturfestivals, wie man sieht, hat der Autor nicht immer das letzte Wort.