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Das Meer der Ruhe liegt auf dem Mond

Requisiten eines abgesetzten Lebens: Der ungarische Autor Attila Bartis läßt die politische Wende im Familiendrama verschwinden

Während die Tochter beerdigt wird, muß das Taxi mit laufendem Zähler warten. Den Sarg hatte der Fahrer gegen zweitausend Forint auf dem Dachgepäckträger transportiert. Die Mutter, schwarzes Seidenkostüm, hauchdünne Sandaletten an den Füßen, schwarzes Samttäschchen, hat es eilig, und gleich nachdem ein paar Schaufeln Erde den Sarg bedecken, macht sie sich schon wieder auf den Weg zum Parteisekretär: ob er jetzt zufrieden sei, und sie nun wieder die großen Rollen spielen dürfe. Doch ihre Partie als trauernde Mutter, wahrlich kein Glanzstück, wird der letzte öffentliche Auftritt von Rebeka Weér gewesen sein.

Es geschah in Budapest, Mitte der achtziger Jahre: Die gefeierte Theaterschauspielerin, gerade als furiose Cleopatra zu bewundern, muß auf Druck der Partei ihre Karriere beenden. Die Tochter Judit, eine aufstrebende Geigenvirtuosin, hat sich in den Westen abgesetzt, und nachdem sie weder durch mütterliche Bitten noch durch Drohungen zur Rückkehr zu bewegen ist, greift Rebeka Weér zum letzten Mittel: Sie läßt Judit für tot erklären und beerdigt an ihrer Statt sämtliche Erinnerungsstücke. Die Partei zeigt sich unbeeindruckt und bleibt hartnäckig bei ihrem faktischen Berufsverbot; die Mutter verläßt fortan ihre Wohnung, vollständig eingerichtet mit Requisiten all ihrer großen Rollen, nicht mehr. Ihr Publikum besteht nur noch aus ihrem Sohn, dem Ich-Erzähler dieser Geschichte. Das Drama wird fünfzehn Jahre lang auf dem Spielplan stehen, bis zum Tod der Mutter.

Der ungarische Schriftsteller Attila Bartis, geboren 1968, erzählt in seinem zweiten auf deutsch übersetzten Roman (nach "Der Spaziergang" von 1999) die Chronik einer familiären Katastrophe, die keinen der Beteiligten verschont. Das Buch setzt mit der Beerdigung der Mutter ein. Zögerlich, fast widerstrebend legt der inzwischen zum Schriftsteller gewordene Sohn die verwickelten Fäden seines Lebens auseinander. Jahrelang hatte er der Mutter gefälschte Briefe der Schwester aus allen Teilen der Welt zugesandt; tatsächlich hat sich Judit schon vor Jahren in Frankreich mit einer Geigensaite die Pulsadern aufgeschnitten. Jahrelang muß sich der Sohn für jede Abwesenheit rechtfertigen; seine Geschichten, in denen er seine Situation zu verarbeiten sucht, hält die Mutter für "Müll" - und muß sie doch heimlich lesen. Der angehende Schriftsteller wiederum bringt seine Tage in der Eckkneipe herum und die Nächte mit One-night-stands, die ihn selber anekeln. Ein innerer Zwang regiert die Handlungen aller Figuren dieses Romans. Das Stück, das Mutter und Sohn geben und dessen immergleiche Dialoge zwischen "Wannkommstdu" und "Wowarstdu" keinen Souffleur brauchen, ist mal Strindberg und mal Tschechow, meistens aber reiner Beckett oder gar pures Theater der Grausamkeit.

Zur Eskalation kommt es, als der Erzähler Eszter begegnet, einer jungen Frau, die ebenfalls mit dem Leben abgeschlossen hat, und in die Donau springen will. Erst in ihrer Liebe finden die beiden jene prekäre Seelenruhe, von der der Romantitel auf fast höhnische Weise spricht. Das Mare Tranquillitatis liegt auf dem Mond, den sie gemeinsam beobachten. Seiner jenseitigen Stille kommt die Gegenwart allein in der momenthaften erotischen Erfüllung nahe. Doch ihr Glück wird im zerstörerischen Beziehungsgeflecht bald zerrieben. Die tyrannische Mutter lehnt Eszter als "Nutte" ab, die ihr den Sohn abspenstig machen will; zugleich verstrickt sich dieser in eine gewalttätige Affäre mit seiner deutlich älteren Verlegerin - der pathologisch gewordenen Mutterbindung kann er nicht entkommen. Weil zu allem Überfluß auch Eszter mit eigenen Traumatisierungen zu kämpfen hat, läuft das Psychodrama mit beinahe quälender Folgerichtigkeit auf einen furchtbaren Frontalzusammenstoß hinaus.

Der Zusammenhang der privaten Tragödie mit den politischen und sozialen Umbrüchen ist nicht so leicht herzustellen, wie die verlegerische Etikettierung des Buchs als "Wenderoman" verspricht. Zwar hat Bartis in die Familiengeschichte ein Panorama der ungarischen Gesellschaft eingelassen - der Schriftsteller macht für eine Lesung eine Reise durch die Provinz; Nebenfiguren wie eine verrückt gewordene, vögelmordende Prostituierte werfen grelle Schlaglichter auf die triste Großstadtrealität -, doch setzt die Weltflucht der Mutter ja vor der Wende ein. Bartis beschreibt vielmehr die Schwierigkeit, sich überhaupt von der Vergangenheit zu lösen und sich einer wie auch immer veränderten Gegenwart zuzuwenden. Auch der Sohn hat sich in einer Scheinwelt eingerichtet; auch er lebt in den Kulissen einer längst abgesetzten Inszenierung. Doch die alten Wunden verheilen auch in der neuen Zeit nicht mehr.

Mit beeindruckender Sprachkraft gelingt es Bartis, die Ambivalenzen seiner Figuren, ihre Haßliebe und selbstzerstörerischen Energien zu entblößen und dabei die Spannung über dreihundert Seiten zu halten. Nie gleitet er dabei in abstraktes Psychologisieren ab, immer bleibt er am Konkreten: am Schmerz. Gewalt äußert sich körperlich und sprachlich; die mitunter krassen und deutlichen Sexszenen lassen die enormen Kräfte spürbar werden, die im Innern der Figuren um die Herrschaft ringen. Allein hier scheint die ansonsten flüssige Übersetzung manchmal überfordert: "Deine Wonne fehlt mir" heißt es einmal, als der Orgasmus gemeint ist.

Fast nebenbei erzählt Attila Bartis, auf spürbar autobiographischem Fundament, davon, wie ein Schicksal zum Stoff wird, ein Leben zum Roman und ein junger Mann zum Schriftsteller. Und eine tyrannische, verrückte, unerträgliche Mutter zur unsterblichen literarischen Figur. Dieses Buch ist ein gewaltiges Epitaph; wird es aufgeschlagen, ist es mit der Ruhe vorbei.

Attila Bartis: "Die Ruhe". Roman. Aus dem Ungarischen übersetzt von Agnes Relle. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005. 300 S., geb., 22,80 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2005, Nr. 258 / Seite 52

 
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Veröffentlicht: 05.11.2005, 12:00 Uhr