Schwarz ist die Lifestyle-Farbe jener Jugendlicher, die sich - oft nicht nur zum Schein - auf das Gedankenspiel mit dem Tod einlassen. Als spätpubertäres Phänomen gilt, daß Schwarz trägt, wer besonders auffällig um seine verlorengehende Unschuld trauert. In dieser Phase können sich Weltschmerz mit sexuellen Gewaltphantasien paaren, Sehnsucht mit Frust, melancholische Morbidität mit ekstatischer Lebenslust.
Alles das findet sich wie gebündelt auch in der frühen Prosa des damals noch René Maria genannten Rilke. Seine zuweilen prosagedichthaften, größtenteils zwischen 1893 und 1897 entstandenen Erzählungen gleichen Figuren in Schwarz, Schattenwesen, die er sein Prager Umfeld bevölkern sah. Seiner ersten großen Liebe, Valerie von David-Rhonfeld, schrieb der Neunzehnjährige: "Der Tod hat keinen Schrecken mehr für mich, und ich warte nur, ob er willig kommt oder ich ihn gewaltsam rufen muß." In Umkehrung der ersten Zeile seines letzten Gedichts hätte der frühe Rilke der dunklen Prager Jahre sagen können: Komm du, du erster, den ich anerkenne.
Mit einer weitaus größeren Ausschließlichkeit als in seinen zu jener Zeit entstandenen Gedichten beherrscht René Rilkes ebenso staunenswerte wie erschreckende Vertrautheit mit dem Tod seine Prosa, wenngleich auch seine Lyrik das Grauen des Todes und das bis zum Wahnsinn gesteigerte Spannungsverhältnis zu ihm kennt: "Er wankte hin zur Toten wieder - / doch seinen Geist umhüllte Nacht - / er setzte sich am Bette nieder / ganz still und stumm und lacht - und lacht."
Diese Prosa, die dieser auch ohne aufwendigen Stellenkommentar sorgfältig edierte und mit einem lesenswerten Nachwort versehene Band "Silberne Schlangen"zum ersten Mal vollständig bietet - über die Hälfte der Texte war bislang unveröffentlicht -, diese Prosa begeht Totensonntag in Permanenz und bietet sich als ideale Lektüre für verregnete Frühsommer- oder tiefgraue Herbsttage an. Wir begegnen todunglücklichen Menschen, Verzweiflungstätern, Selbstmördern, Verratenen, Verlassenen, Unerfüllten. Auf einen akkordreichen Liebestod darf keiner von ihnen hoffen. Ihre Herzen sind meist nur von Leere erfüllt.
Augenscheinlich experimentierte Rilke in dieser Prosa mit Stilebenen und Ausdrucksformen, ohne daß er zu einem wirklich experimentellen Stil hätte vordringen können. Aber das Besondere hier ist, daß wir gleichsam aufgerauhte Rilke-Texte vor uns haben im Gegensatz zu jenen oft allzu reimgeglätteten frühen Versen. Auslassungen, dialogische Einschübe, präexpressionistische Exklamationen ("Da - da Brausen ... Tosen ... so laut ... Lichtschimmer - ... auf!") bestimmen diese Prosa. Manche seiner sozial oft deklassierten Protagonisten (etwa aus dem Milieu der Näherinnen oder gefühllosen Liebesdienerinnen, aber auch todkranker, schon sterbenswilliger Kinder) erinnern sich an ihr Leid, andere erfahren es unmittelbar. Ein wesentliches Charakteristikum dieser Texte ist, daß in ihnen Sinnlichkeit oft in Ekel umschlägt.
Die bereits bekannten Texte aus jener Zeit, etwa "Das Christkind" (1893), lassen sich in diesem Zusammenhang neu bewerten, gerade auch was ihren Vorverweischarakter auf das spätere Werk angeht. Der Anblick sterbender Kinder in einem Krankenhaus veranlaßt den Erzähler (wie später Malte Laurids Brigge) zu der Feststellung: "Der Tod ist ein Nummerwechsel."
Dieser Erzähler steht eindeutig auf der Seite jener Frauen, die von ihren brutalen, angetrunkenen, jederzeit zum Vergewaltigen bereiten Männern zu bloßen Lustobjekten herabgewürdigt werden. Wir lesen von einem solchen Rohling, der seine Frau einem Schuldner als Bezahlung für eine Nacht anbietet, oder von einem Priester, der einer reuigen Dirne die Beichte abnimmt, nur um wenig später selbst zu ihrem Kunden zu werden.
Was ist das? Ein dreiundzwanzigteiliger Einübungsversuch ins Fach sozialer Realismus? Dagegen spricht die phasenweise geradezu suggestive Poesie, die ihm auch in der Prosa schon gelingt: "Die Umrisse einer fernen Stadt starrten wie Grabsteine in die nahe Nacht, und die Cypressen, die in seltener Reihe den Weg begrenzten, schienen müde Mönche in hohen Kapuzen, die auf schwarzen Schultern den Nebelsarg mit dem toten Tag trugen." Oder handelt es sich bei diesen Prosatexten um Rilkes Bemühung, seine frühe Lyrik weitgehend von diesen Abgründen freizuhalten, sie motivisch zu entlasten? Und die "silbernen Schlangen" des Titels? Sie verzehren das, was von einem Selbstmörder, der sich "quer über die Schienen" gelegt hatte, übrigblieb. Kein Zweifel, Rilke wollte mit diesen grausigen Geschichten Mitleid für seine Protagonisten erwirken, Mitleid aber vielleicht auch für sich selbst erheischen, da er doch ein solches Grauen erleben, albträumen oder phantasieren mußte. Es hat tatsächlich den Anschein, als habe der junge Rilke mit diesen Prosastücken seine Schreckensbilder oder Zwangsphantasien sich austreiben wollen. "Er hat viel erlebt, und wenn er es erzählt hat, muß er ein Dichter gewesen sein", heißt es am Ende einer solchen Geschichte gleichzeitig etwas altklug und naiv.
Zu gerne würde man vergleichen, wie der andere große Prager, wie Kafka in seinen Anfängen erzählte. Vermutlich nicht wie Rilke, lakonischer wohl, weniger todesbesessen vielleicht. Seine frühen Texte sind bekanntlich nicht überliefert; auch Rilke war später nicht wohl bei dem Gedanken, daß sein Frühwerk eines Tages einsehbar werden könnte. So schrieb er im Dezember 1921 seinem Lektor im Insel Verlag, Adolf Hünich, der ihm gegenüber die Veröffentlichung von Teilen des Frühwerks angeregt hatte: "Es wird mir doch recht zum Schmerz ..., den ,jungen Rilke' so ,aufgedeckt' zu sehen. Keimblättchen haben bekanntlich nicht die Form des künftigen Blattwerks und sehen bei allem Kraut ungefähr gleich aus. Wär' doch das Alles ein für alle Mal verloren geblieben."
Aber eine unmißverständliche Anweisung zum Vernichten dieser Keimblättchen gab er nicht. Schließlich war Rilke zu jener Zeit bereits dabei, sich selbst historisch zu werden, und als Dichter schätzte er insgeheim solche kleinen und großen Ambivalenzen auch gegenüber dem eigenen Urteil und dem Urteilen über das Eigene. Gönnen wir uns also die beklemmende Lektüre dieser bedrückenden Prosa, einen Herbst lang oder immer dann, wenn uns nach dem ganzen Rilke und einem ernstlich grau-grimmigen Herbst zumute ist.
RÜDIGER GÖRNER
Rainer Maria Rilke: "Silberne Schlangen". Die frühen Erzählungen aus dem Nachlaß. Hrsg. vom Rilke-Archiv in Zusammenarbeit mit Hella Sieber-Rilke, besorgt durch August Stahl. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2004. 181 S., geb., 16,80 [Euro].