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: Das Jahr, in dem Soraya kam

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Kinder sind selten dafür zu haben, Jugendliche verabscheuen es, Erwachsene tun es gerne: Nennen wir es einmal das "Runterlesen". Man liest eine Geschichte, die an die eigene Altersgruppe adressiert ist, deren Hauptfigur aber jünger ist. Solche Bücher haben es schwer. Aber wenn jemand sich darauf ...

          Kinder sind selten dafür zu haben, Jugendliche verabscheuen es, Erwachsene tun es gerne: Nennen wir es einmal das "Runterlesen". Man liest eine Geschichte, die an die eigene Altersgruppe adressiert ist, deren Hauptfigur aber jünger ist. Solche Bücher haben es schwer. Aber wenn jemand sich darauf versteht, Kinderbücher so zu schreiben, daß es allen Lesern ganz egal ist, ob es rauf- oder runtergeht, dann ist das Kirsten Boie. "Monis Jahr", ihr neuer Roman, erzählt davon, wie ein zehn Jahre altes Mädchen das Jahr 1955 in Hamburg erlebt. Für Jugendliche und Erwachsene ist das Buch angekündigt, und man kann nur hoffen, daß erstere die übliche Hemmschwelle überwinden und diese Moni trotz ihres uninteressanten Alters kennenlernen; und damit auch sich selbst ein wenig besser, und die Eltern und Großeltern, und unser Land, wie es war, als der Krieg noch nicht so lange her war.

          "Ich heiße Monika Schleier und gehe auf die Oberschule", sagt Moni laut vor sich hin, als der erste Tag dort naht, und sie findet, daß das ganz richtig klingt. "In unserer Familie war noch keiner auf der Oberschule. Haben wir auch nicht gebraucht" - das ist die Stimme von Oma, bei der Moni und ihre Mutter wohnen, während sie alle drei auf die Heimkehr von Monis Vater warten, der in Rußland vermißt ist. Genau genommen wartet nur Oma wirklich auf ihren Sohn. Daß Monis Mutter sich immer öfter abends die Haare aufdreht und tanzen geht, führt zu harten Worten in der engen Wohnung, und Moni hat manchmal ein schlechtes Gewissen, weil ihr Vati nicht mehr für sie ist als ein fremder lachender Junge auf einem Foto am Küchenschrank.

          Mit Bedacht hat Kirsten Boie das Jahr 1955 für ihre Geschichte gewählt - nicht mehr unmittelbare Nachkriegszeit, aber alles ist noch so nah, daß die Erwachsenen nicht offen darüber reden. Moni bekommt immer nur Bruchstücke mit, niemals den Zusammenhang. Daß es den aber gibt, spürt sie. "Alles hat immer mit diesem Hitler zu tun. Und mit dem Krieg. Man kann denken, daß es einen nicht interessiert, soviel man will. Aber immer hat alles dann doch wieder damit zu tun." Daß der Vater nach mehr als zehn Jahren doch noch heimkommen könnte, löst im "Dreimädelhaus" ein heilsames Drama aus; denn die Mutter kennt inzwischen einen gewissen Onkel Helmut. Daß ihr Sohn dann nicht unter den Spätheimkehrern ist, macht wiederum aus der Oma eine andere Frau. All dies wirkt stark auf Moni, während sie selbst ihr erstes Jahr auf der Oberschule zu bestehen hat - mit neuen Freundschaften, aber auch dem, was wir heute Mobbing nennen.

          Es gibt Bücher, die öffnen Kindern Türen zu anderen Zeiten. "Monis Jahr" ist ein solches Buch, weil Moni und ihr gesamtes Umfeld uns ungemein sympathisch werden. Beiläufig und präzise stattet Kirsten Boie das Hamburger Kleine-Leute-Leben mit den Merkmalen der fünfziger Jahre aus, so daß man den Kinderalltag dieser Zeit förmlich einatmet. Im Gegensatz zu anderen Büchern, auch Kinderbüchern, die gerne vom Muff jener Jahre erzählen, gibt es hier frische Luft, Frühlingsstimmung, freundliche Küchenwärme.

          Kirsten Boie ist einzigartig darin, geradeaus und naiv aus der Sicht eines Kindes zu erzählen, ohne dabei dieses Kind auch nur ansatzweise altklug erscheinen zu lassen. Wer altklug redet, ist ja meistens beides nicht, weder alt noch klug. Moni aber ist jung, und klug dazu, und noch viel mehr. Alle Leser werden von ihr angerührt sein.

          MONIKA OSBERGHAUS

          Kirsten Boie: "Monis Jahr". Oetinger Verlag, Hamburg 2003. 255 S., geb., 12,- [Euro]. Ab 11 J.

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