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: Das ist die Weisheit der Einjährigen

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Wie ein Eroberer eine aufgegebene Festung stürmt gleich zu Beginn dieses Romans ein surrealer Impetus ein scheinbar realistisches Setting. Irgendwo im englischen Luton: Der 15-jährige David Case bewahrt seinen einjährigen Bruder Charlie in letzter Sekunde vor einem Sturz aus dem Fenster. Den Schrecken verwindet ...

          Wie ein Eroberer eine aufgegebene Festung stürmt gleich zu Beginn dieses Romans ein surrealer Impetus ein scheinbar realistisches Setting. Irgendwo im englischen Luton: Der 15-jährige David Case bewahrt seinen einjährigen Bruder Charlie in letzter Sekunde vor einem Sturz aus dem Fenster. Den Schrecken verwindet David nicht, er gerinnt ihm zu der unumstößlichen Gewissheit, er sei "dem Untergang geweiht". Bis zum Schluss wird es der Leser mit einer arg derangierten Seele zu tun haben.

          In geradezu kindischer Manier geht der Junge vor dem Schicksal in Deckung. Er stylt und kleidet sich neu, erfindet sich einen Gefährten, den Windhund Boy, und lässt mit dem Namen David das Leben des unscheinbaren, wehrlosen Pubertierenden hinter sich. "Justin Case konnte nichts Schlimmes zustoßen, weil es ihn gar nicht gab." Innerhalb weniger Seiten und mit entwaffnender Selbstverständlichkeit wird diese veräußerlichte Metamorphose vollstreckt. Realien stehen neben Phantasmen, Sein und Schein treffen aufeinander und werden eins. So wie in Justins Kopf, wo aller Verwandlung zum Trotz die Angst sukzessive zum Diktator avanciert. Agnes Bee, etwas älter als Justin, macht ihn zu einer Art Junk-Model. Nervös, bleich, gut gekleidet, wird er das Objekt ihrer fotografischen Begierde. Eine gemeinsame Nacht genügt, um Justin vollends aus der Bahn zu werfen.

          Nach ihrem vor drei Jahren erschienenen preisgekrönten Debüt "So lebe ich jetzt" demonstriert Rosoff mit "was wäre wenn" emphatisch die Weite ihres schriftstellerischen Repertoires. Ihr luzides Erzählen, das hier noch den Ausnahmezustand von Panik und Paranoia lakonisch seziert, verstört angesichts der permanenten Unruhe des Jungen. Der abgründige, oft zynische Humor, Ironie und launische Willkür bereiten dem hämischen Spiel des Schicksals den Parcours. In kurzen Intermezzi meldet es sich selbst zu Wort und behauptet seine Allmacht. Wo immer Justin Zuflucht sucht, was immer er anstrengt, um sich zu tarnen, es endet in wörtlichem Sinne fatal.

          Jenseits von Kolportage und Problembuch präsentiert Meg Rosoff ein herrlich eigenwilliges Terrain. Ihr literarisches Vexierspiel mit Justin wie mit dem Leser verwendet surreale, magisch-neurotische Momente zur Manipulation einer - nahezu - vorstellbaren Geschichte. Ob beispielsweise Justins einziger Freund Peter existiert, bleibt ungewiss. Zu der ausgefallenen Struktur des Romans gehört auch, dass keine Perspektive durchgehalten wird. Eine Herausforderung für den Leser, komponiert für eine intensive Lektüre abseits konventioneller Pfade.

          Mit Charlie endet, was mit Charlie begann. Dem Einjährigen gehört die Gunst aller Beteiligten, Autorin und Leser eingeschlossen. Rosoff führt Charlies kluge Einwände detailliert aus, und dass die Seinen ihn nicht verstehen können, sondern nur Kleinkindgeplapper hören, mutet so amüsant wie tragisch an. Anfangs vernahm Justin die Stimme des Schicksals, zum Schluss sind es Charlies Lippen an seinem Ohr, die ein versöhnliches Ende andeuten.

          SIMONE GIESEN.

          Meg Rosoff: "was wäre wenn". Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Jakobeit. Carlsen Verlag, Hamburg 2007. 255 S., br., 14,- [Euro]. Ab 14 J.

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