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: Das große Warten: Ein wunderbares koreanisches Bilderbuch

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"Wann kommt Mama?" Diese Frage wird jedes Kind sofort verstehen, denn auf die Mutter hat jedes schon einmal gewartet, und die Verzweiflung dabei ist groß, selbst wenn es sich nur um Minuten handelt. Das kleine Kind, das auf unserer Abbildung neben dem Pfahl einer Haltestelle steht, wartet schon drei Straßenbahnen lang.

          "Wann kommt Mama?" Diese Frage wird jedes Kind sofort verstehen, denn auf die Mutter hat jedes schon einmal gewartet, und die Verzweiflung dabei ist groß, selbst wenn es sich nur um Minuten handelt. Das kleine Kind, das auf unserer Abbildung neben dem Pfahl einer Haltestelle steht, wartet schon drei Straßenbahnen lang. Zu Beginn des Bilderbuchs kam es von links heran, "die Nase purpurrot vor Kälte", und am Ende wird es immer noch dastehen und warten. Oder doch nicht?

          Was der koreanische Schriftsteller Lee Tae-Jun in seiner Geschichte "Wann kommt Mama?" erzählt, ist für europäische Kinder nicht sofort zu verstehen. Denn die Geschichte erzählt in Bildern. Das mag bei einem Bilderbuch keine große Überraschung sein, aber hier ist es literarisch gemeint. Denn die zauberleichten Zeichnungen hat Lees Landsmann Kim Dong-Seong erst 2004 angefertigt, sechsundsechzig Jahre, nachdem die ursprüngliche Geschichte in einer Zeitung erschienen war. Das wird 1938 eines der letzten Blätter gewesen sein, die noch auf Koreanisch gedruckt wurden, denn die japanische Besatzungsmacht verbot in diesem Jahr alle Zeitungen, die in der Landessprache erschienen. Und weil koreanische Leser das natürlich wissen, lesen sie die Geschichte des wartenden Kindes anders als deutsche Leser: als höchst subtil verpackte politische Botschaft an ein geknechtetes Volk. Deshalb hat Kim die Menschen und Gebäude und Straßenbahnen auch so gezeichnet, wie sie 1938 ausgesehen haben. Das alles muss man aber gar nicht wissen, um die Geschichte zu mögen.

          Koreanische Leser wissen allerdings auch, was Schnee in ihrem Land bedeutet: Schutz und Schönheit - also dieselben Attribute, die man einer Mutter zuschreibt. Das nun muss man wissen, sonst bleibt der Schluss der Geschichte todtraurig, während er sehr glücklich sein soll. Und todtraurig sollte dieses Wunderbuch niemand aus der Hand legen, denn dazu ist es viel zu schön. So lapidar wie Lee schreibt, zeichnet Kim, doch er setzt zwischen Lees Sätze immer wieder stumme Bilder: herrlich aquarellierte Traumvisionen der Straßenbahn, die neben grandiosen Skizzen der Wartenden an der Haltestelle stehen. Dann wieder kommt ein doppelseitiges Tableau der Stadt, und schließlich kommt der Schnee, der die Häuser unter grüner Wintersonne dick bedeckt.

          apl

          Lee Tae-Jun, Kim Dong-Seong: "Wann kommt Mama?" Aus dem Koreanischen übersetzt von Andreas Schirmer. NordSüd Verlag, Zürich 2007. 40 S., Abb., geb., 13,80 [Euro]. Ab 4 J.

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