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: Das große Schulterzucken

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An einem Tag wie diesem geht ein Mann zum Arzt und erfährt, daß er sterbenskrank ist. An einem Tag wie diesem kündigt er seine Stelle als Deutschlehrer in Paris, veräußert seine Wohnung, kauft ein Auto und macht sich auf den Weg - ohne Ziel zunächst, doch mit dem Wunsch, etwas wiederzufinden, was er vor langer Zeit verloren hat.

          An einem Tag wie diesem geht ein Mann zum Arzt und erfährt, daß er sterbenskrank ist. An einem Tag wie diesem kündigt er seine Stelle als Deutschlehrer in Paris, veräußert seine Wohnung, kauft ein Auto und macht sich auf den Weg - ohne Ziel zunächst, doch mit dem Wunsch, etwas wiederzufinden, was er vor langer Zeit verloren hat. An einem Tag wie diesem hört das tägliche Einerlei plötzlich auf, tröstlich zu sein. Es reicht nicht mehr, Tage wie diesen gleichgültig aneinanderzureihen, ein Leben wie dieses mit sich geschehen zu lassen. Es muß dieser eine Tag, dieses eine Leben von Bedeutung sein. Vom Versuch eines Mannes, sich zur Teilnahme an der eigenen Existenz zu bewegen, erzählt Peter Stamm in seinem neuen Roman "An einem Tag wie diesem".

          Schon lange hat Andreas das Gefühl, den entscheidenden Augenblick verpaßt zu haben, an dem er die Weichen anders hätte stellen können. Genauer gesagt: seit er sich vor zwanzig Jahren in Fabienne verliebte, die als französische Austauschschülerin in seine Schweizer Dorfheimat kam, und seinen - angeborenen? anerzogenen? antrainierten? - Gleichmut sprengte. Ein flüchtiger Kuß, dann verliebte sie sich in seinen Freund Manuel, mit dem sie inzwischen verheiratet ist. Andreas, der ihr seine Gefühle nie gestanden hat, warf sich statt Fabienne deren Heimat Frankreich an den Hals, zog nach Paris, wurde Lehrer, hat parallel Affären mit zwei Frauen, ohne auch nur eine davon zu mögen oder selbst von einer der beiden besonders gemocht zu werden. Er fühlt sich haltlos, aber nicht unbehaglich, wenngleich ihm die eigene Unbestimmheit immerzu bewußt ist. Selbst die Liebe zu Fabienne, die einzige Konstante in seinem Leben, stellt er infrage, wenn er vermutet, daß ihm "die Bedingungslosigkeit jenes Gefühls, das ihn noch zwanzig Jahre später ratlos machte", wichtiger ist als Fabienne selbst.

          Als ihm die vierundzwanzigjährige Delphine begegnet, die sich seiner nicht nur erotisch, sondern auch kameradschaftlich umstandslos annimmt, und ihm zur selben Zeit die Diagnose Krebs gestellt wird - und damit eine existentielle Bedrohung ausgesprochen wird, die seine Apathie bereits vorweggenommen hat -, macht sich Andreas auf den Weg in die Vergangenheit - mit der undeutlichen Vorstellung, die ehemals verpaßte Weiche im Nachhinein umstellen zu können. Daß er aufgewühlt ist, Schmerz empfindet oder Verzweiflung oder gar Angst, ahnt man nur, weil er die Menschen in seiner Umgebung sinnlos vor den Kopf stößt und verletzt. Seinen Bettgefährtinnen erteilt er rüde Abfuhren. Sodann versucht er, mit der Frau eines befreundeten Kollegen zu schlafen; anschließend demütigt er ihren Mann, indem er ihm erzählt, Delphine halte ihn für einen Idioten. Delphine wiederum fordert er mitten in der Nacht auf, nach Hause zu gehen. Mit anderen Worten: Er stellt seine Gleichgültigkeit so aggressiv zur Schau, daß es etwas Beleidigendes hat. Delphine, die sich von seinen Distanzierungsattacken wenig beeindruckt zeigt, weiht er immerhin als einzige in die ärztlichen Untersuchungen ein; die Ergebnisse jedoch verhehlt er ihr, behauptet sogar, es sei alles in Ordnung. Als er sich mit dem klapprigen 2 CV - den er offenbar gekauft hat, weil Manuel, Fabienne und er damals, in jenem magisch gefühlten Sommer, in einem 2 CV zum Weiher gefahren sind - auf den Weg in die Schweiz macht, nimmt Andreas Delphine mit. Doch selbst diese Liebesgeschichte bestreitet er mit Verweigerungen: "Als Delphine endlich zurückkam, sagte er, sie müßten aufpassen, sich nicht ineinander zu verlieben."

          Das Verschwommene, Diffuse, Ungefähre, das es Peter Stamm schon in früheren Werken, vom Debütroman "Agnes" (1998) über den Kurzgeschichtenband "Blitzeis" (1999) bis hin zu "In fremden Gärten" (2005), angetan hat, wird meisterlich beschworen. Andreas reflektiert die eigene Unbeteiligtheit mit schulterzuckender Klarheit: "Sein Leben war eine endlose Abfolge von Schulstunden, von Zigaretten und Mahlzeiten, Kinobesuchen, Treffen mit Geliebten und Freunden, die ihm im Grund nichts bedeuteten, unzusammenhängende Listen kleiner Ereignisse. Irgendwann hatte er es aufgegeben, dem Ganzen eine Form geben zu wollen, eine Form darin zu suchen."

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