Von Medea bis Marienhof: Antikisierende Tragik und der Gefühlsschwulst einer Soapopera stehen im Debütroman der jungen Ungarin Léda Forgó nebeneinander. "Der Körper meines Bruders" hat beides im Angebot: hier eine dramatische Zwillingsgeburt, da die Modediagnose Babyblues; hier tote Väter und Söhne, da Sex mit dem verhassten Stiefvater. Die Motive stammen aus Geschichten aller Zeit und aller Welt. Der zeitliche und räumliche Rahmen, in dem sie auftauchen, ist jedoch klar abgesteckt: Ungarn 1953 bis 1968.
Léda Forgó wurde 1973 geboren. Sie wuchs in Budapest auf und wanderte mit einundzwanzig Jahren nach Deutschland aus. Doch in ihrem ersten Roman, den sie auf Deutsch verfasst hat, schaut sie - mythologisch gewappnet - zurück auf das nationale Trauma ihrer Heimat: auf das Jahr 1956. Während die russischen Panzer in diesem Schicksalsjahr durch die Budapester Straßen rollen, bindet sich die Hauptfigur Mo ihre dreijährigen Zwillinge auf den Rücken, ganz so, wie einst Aeneas seinen Vater aus dem brennenden Troja rettete. Aber Mo, die ihre Kinder immer schon als Belastung empfunden hat, fühlt sich leer und lieblos: Sie rettet niemanden.
Auf der Suche nach ihrem Mann läuft Forgós Protagonistin durch den Kugelhagel, und Palkó, der Junge, wird auf ihrem Rücken von Geschossen durchsiebt. Sein Blut sickert heiß über die Schwester Borka, welche nicht versteht. Sie versteht auch nicht, als sie wenig später den von Kummer zermürbten Vater am Dachbalken baumeln sieht. Die Geschichte des Landes hat die Männer der Familie ausgelöscht: ungarisches Schicksal. Die folgenden dreihundert Seiten bestehen aus stilistisch simpler, aber lebensnaher Mutter-Tochter-Prosa.
Der Roman zerfällt so in zwei Teile: Zunächst begegnen wir einer unnahbaren und unbegreifbaren Medea-Gestalt, die 1956 nicht den Zug in den Westen nimmt, weil sie ihr neues Sofa zurücklassen müsste. Auf was für eine Zukunft sollte sie auch hoffen? Ihr Mann hat sie betrogen, die Mutterschaft hat sie enttäuscht. So stürzt sie alle ins Verderben.
Dann tritt der Wandel ein. Mo bleibt allein die Tochter, und die beiden Beraubten raufen sich zusammen. Die Figuren schrumpfen von mythischer Größe auf Menschenmaß: Da ist eine Alleinerziehende mit wechselnden Männerfreundschaften, die sich in der Diktatur irgendwie durchschlagen muss. Und da ist Borka, die Tochter, die den toten Bruder und den toten Vater immer mit sich trägt. Sie entwickelt sich zu einem Mädchen, das überall aneckt - im Kindergarten, in der Schule und bei Mos Lieblingslover Endre.
"Wenn Endre bei uns war, verlor Mo ihre Moichkeit. Genosse war nämlich gar nicht sein richtiger Name." Endre wird Borkas Nilpferdbecher zertrümmern: die letzte Erinnerung an den Vater. Er schlägt sie, wenn sie mit schlechten Noten nach Hause kommt. Er macht politische Fehler, benutzt Mo als Rettungsring und verschwindet wieder, als es um seine Position besser steht.
Diese recht gewöhnliche Beziehungsgeschichte mit ihren Höhen und Tiefen grundiert Forgó mit der Schilderung der Lebensbedingungen im kommunistischen Ungarn: Druck und Angst sind allgegenwärtig. So besucht Borka etwa heimlich den Religionsunterricht - bis der Priester abgeholt wird. Dann wieder zieht Mo die richtigen Strippen, damit Borka auf das beste Gymnasium kommt. Der Leser erlebt Festtagsreden und Arbeiteraufmärsche aus der Sicht der Heranwachsenden, die zwischen Anpassung, Ablehnung und Widerstand schwankt, Gedichte schreibt, von Jungs phantasiert, aber auch von einer heilen Welt. Und so, wie Borka allmählich ihre Vergangenheit verliert und sich kaum mehr an die Gesichter von Vater und Bruder erinnern kann, verliert der Roman gewissermaßen die seinige. Die mit allzu großer Geste entworfene Urszene von Geburt und Tod kann über den charmanten Teenager-Tagebuchschnipseln durchaus vergessen werden.
Diese Darstellungsweise ist weit entfernt von derjenigen des ebenfalls 1973 geborenen ungarischen Autors György Dragomán. Diesem gelingt in seinem soeben auf Deutsch veröffentlichten Roman "Der weiße König" die Darstellung einer geschlossenen Welt des Grauens (in Rumänien); Forgó entscheidet sich dagegen für eine quasiwestliche Öffnung. Ab und an wird die Perspektive des Kindes und der Jugendlichen durchbrochen. Wenn Forgó, selbst dreifache Mutter, ihre Gören-Heldin die typischen und vollkommen unpolitischen Kinder- und Backfischkatastrophen durchstehen lässt, franst die Geschichte oft einfach aus, bleiben lose Fäden unverknüpft. Das Buch gewinnt damit zwar nicht gerade an historisch-politischer Bedeutung, aber durchaus an Leichtigkeit. An solchen Stellen wirkt Forgós Buch wie ein beschwingter Budapest-Roman.
Doch leider konnte es die gelernte Dramatikerin bei dieser zurückgenommenen Dramatik nicht belassen. Am Schluss liegt Borka, von Endre im Rausch geschwängert - man denke an "Die Marquise von O." - pressend im gleichen Kreißsaal wie zuvor ihre Mutter: Wir sind vom Marienhof zurück und wieder bei Medea. Borka flüstert sogar die gleichen, urfeministischen Worte wie einst ihre Mutter: "Ich will nicht mehr gebären!" Und wir wollen nicht mehr lesen.
ALEXANDRA KEDVES
Léda Forgó: "Der Körper meines Bruders". Roman. Atrium Verlag, Zürich 2007. 333 S.,
geb., 19,90 [Euro].