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Darauf eine Tasse Tee

Es lebe das Vorurteil: Esmahan Aykols Istanbuler Krimidebüt

Ob Kati Hirschel, Deutschstambulerin und Inhaberin einer Krimibuchhandlung im Stadtviertel Kuledibi, die Neve-Shalom-Synagoge besucht hat? Das Bethaus dürfte nicht weit von ihrem Laden gelegen haben, im alten Galata, wo das kosmopolitische Stambul der genuesischen, griechischen, jüdischen, armenischen Kaufleute zu finden war. Geblieben sind nur wenige.

Istanbul ist keine einfache Stadt. Der albtraumartige Verkehr, der orientalische Schlendrian, die anatolischen Einwanderer, die ausgeprägte Klassengesellschaft, die ewige Korruption, die schweren wirtschaftlichen Krisen, die Umweltverschmutzung sind bereits Topoi. Und doch trennt man sich ungern von dieser Stadt, nicht nur wegen ihrer sagenhaften Schönheit. Die Menschen, denen man in Istanbul begegnet, haben immer noch etwas vom alten osmanischen Schattenriß-Theater. Die homogene Kleinbürgerlichkeit der europäischen Städte ist hier noch nicht allgegenwärtig. Esmahan Aykol läßt ihre Kati Hirschel zurückkehren in die Stadt, wo sie als Tochter eines aus Nazideutschland geflüchteten jüdischen Professors zur Welt kam.

Eine aparte Deutsche ist Kati Hanim, gepflegt, manikürt, sehr gut Türkisch sprechend. Sie vereint das Beste aus deutscher Gründlichkeit (die manchmal in "Verstopfung" mutiert) und türkischer Lebenskunst (oft also Chaos) und löst als improvisierende Detektivin mit Charme, Chuzpe sowie unzähligen Tees ihren ersten Mordfall.

"Hotel Bosporus" (türkisch: Kitapçi Dukkâni) ist ein Roman ohne Prätentionen und kommt frisch und unbekümmert daher, dem erfolgreichen Rezept des Krimis mit Weltstadttableau folgend, wie man es aus Donna Leons Venedig- und Petros Markaris' Athen-Romanen kennt. Nun also Istanbul. Man erfährt allerlei, was nicht in den Reiseführern vermerkt ist, und die Bobos, die Bohémiens-Bourgeois, dürften auf ihre Kosten kommen, denn die Handlung bewegt sich zwischen Beyoglu, Cihangir und Ortaköy, von Kebaplokalen in Yesilköy und Protzvillen in Yeniköy einmal abgesehen. Das Personal ist deutsch-türkisch, wobei man erleichtert feststellt, daß dies kein Beitrag zur Beseitigung gegenseitiger Vorurteile sein will.

Die Autorin schreibt sich einiges von der Seele - in einer humorigen Prosa, die selbst die unvermeidlichen Platitüden vergessen läßt (lediglich das mit den angeblich so eleganten Berliner Türkinnen und ihrem Islamchic hätte sie sich besser verkniffen). Die Deutschen in diesem Roman kommen, wie nicht anders zu erwarten, nicht besonders gut weg. Das Opfer eines (wenig) mysteriösen Mordes im legendären Hotel Bosporus, ein miserabler Regisseur aus Bielefeld mit dem Allerweltsnamen Müller, entpuppt sich als Mitglied einer pädosexuellen Verbrecherbande, die Westeuropa erschüttert. Katis Jugendfreundin, das Fernsehsternchen Petra Vogel, ist eine gebrochene Frau, die für eine mittelmäßige Karriere ihren Sohn geopfert hat. Der Vater ihres Kindes, ein ehemaliger Studentenführer ohne Realitätsbezug, ignoriert sogar dessen Existenz. Die Mitarbeiter einer deutsch-türkischen Koproduktion, die in Istanbul einen Film mit Haremsujet drehen will, sind allesamt linkisch, kleinlich, mißtrauisch, langweilig und sehen obendrein schlecht aus. Eine alte Freundin in Deutschland ertrinkt in trostloser Rentnereinsamkeit. Und selbst Katis Mutter wirkt wenig sympathisch, obwohl sie im türkischen Teil von Kreuzberg wohnt, Türkisch spricht und sich gepflegter gibt als die durchschnittliche Berlinerin.

Dafür sind türkische Polizisten erstaunlich höflich, Mafiabosse ausgesprochene Gentlemen, türkische Powerfrauen haben ein Herz für in Deutschland malträtierte Osteuropäerinnen, und selbst krawattentragende Rechtsanwälte sind in Istanbul mehr als erträglich. Vorurteile? Nun, es stimmt ja, daß Berliner Kellner ungezogen sind und Istanbuler Kellner nicht. Und in Istanbul, wo angeblich "alle attraktiven Männer entweder homosexuell oder verheiratet sind", ist man tatsächlich besser dran als in Berlin, wo sie womöglich auch noch beides sind.

Mit solcher ironisch gewitzten Kaffeehausphilosophie wartet der Roman reichlich auf. Esmahan Aykol, die beide Städte kennt, weiß offenbar, daß man ohne sie nicht durchkommt. Hoffentlich werden diesem Debüt weitere Fälle für Kati Hanim im Istanbuler Welttheater folgen.

CLARA BRANCO

Esmahan Aykol: "Hotel Bosporus". Roman. Aus dem Türkischen übersetzt von Carl Koß. Diogenes Verlag, Zürich 2003. 288 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.2004, Nr. 36 / Seite 34

 
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Veröffentlicht: 12.02.2004, 12:00 Uhr