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: Dann kommen die Bilder

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Aber mit den Bildern ist noch nicht alles getan: "dann denkst du dir eine fremde Zunge aus", heißt es in dem oben zitierten poetologischen Gedicht. Eine fremde Zunge! Röhnert distanziert sich hier ausdrücklich von einer immer noch weit verbreiteten Auffassung, der zufolge Lyrik nichts anderes ist als eine unverstellte Herzensaussprache, als unmittelbarer Ausdruck subjektiver Erlebnisse. Röhnert redet vielmehr aus Rollen heraus. Seine Sprache besitzt Zitatcharakter, und das lyrische Ich ergießt sich nicht im Vers, sondern gibt sich erst im Durchgang durch das Fremdzitat zu erkennen. Die "fremde Zunge" ist in der Sprache schon immer enthalten: als Klischee und Redensart, als Kunstleistung vorangegangener Autoren, traditionelle Bildvorstellung und herkömmliche Wortbedeutung, nicht zuletzt auch als fremdsprachliche Wendung, als Filmtitel und als verbreiteter Slogan. Alle diese Möglichkeiten, eine "fremde Zunge" sprechen zu lassen, nutzt Röhnert ausgiebig; so erklären sich die vielen Namen (Nietzsche in Genua, "Das Fahrrad von Blaise Cendrars", Apollinaire), die Titel-Zitate, die unaufdringliche literarische Gelehrsamkeit seiner Gedichte.

Der letzte Akt im Entstehungsprozess gilt, wenn man dem zitierten Gedicht weiter folgen mag, konsequenterweise der "Übersetzung" des einer "fremden Zunge" Anvertrauten: "dann übersetzt du es". Hier erst, am Ende und allerdings in letzter Instanz, bringt sich das Autor-Ich ins Spiel; denn "Übersetzung" heißt hier so viel wie Aneignung, Identifizierung des Fremden mit dem Eigenen. Das gilt auch für Röhnerts eigene Übersetzungen (aus dem Amerikanischen und Französischen), für seine Interpretationen und sogar für seine Essays und literaturwissenschaftlichen Abhandlungen. Er beschäftigt sich mit den Autoren, durch die er sich als Lyriker gefördert sieht und für die er sich als Leser begeistern kann.

Uneingeschränkte Bewunderung erfährt vor allem Rolf Dieter Brinkmann, dessen Spontaneität, fotografischer Blick und permanente Tabubrüche Röhnert bis in einzelne Wendungen hinein geprägt haben und ihn nach wie vor faszinieren. Daneben verdankt er viel dem unverkrampften Realismus amerikanischer Lyriker wie Robert Creeley und John Ashbery sowie der lyrischen Sturzflut ("Kaddish") Paulus Böhmers, dem Röhnert sogar seinen eigenen Gedichtband gewidmet hat.

So wenig sparsam, wie Röhnert mit dem Lob seiner Kollegen umgeht, darf man auch ihm selbst gegenüber sein: Was seine vorangegangenen Gedichtbände "Burgruinenblues" (2003) und "Die Hingabe, endloser Kokon" (2005) schon versprachen, das löst dieses neue Album (so nennt er selbst seine Gedichtsammlung) auf beglückende Weise ein: In Gestalt von Jan Volker Röhnert ist ein Lyriker auf den Plan getreten, von dessen aus dem Staunen geborenen, mit bewegten Bildern und fremden Zungen ausgestatteten Gedichten wir uns gern auf die Insel der Poesie übersetzen lassen.

WULF SEGEBRECHT.

Jan Volker Röhnert: "Metropolen". Gedichte. Band 6 der Edition Lyrik Kabinett. Hrsg. von Ursula Haeusgen, Michael Krüger und Raoul Schrott. Carl Hanser Verlag, München 2007. 111 S., geb., 14,90 [Euro].

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