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Daniil Charms: Werke in vier Bänden : Wer Worte befreit, riskiert Zwischenfälle

  • -Aktualisiert am

Bild: Galiani Verlag

Wie modern der Meister des Absurden ist, bekam man jüngst an der Berliner Volksbühne vorgeführt: Jetzt liegt endlich die fulminante deutschsprachige Ausgabe der Werke von Daniil Charms vollständig vor.

          Lieber Gott, ... stürze mich in die Hölle, halte mich nicht auf halbem Wege auf, sondern nimm mir jede Hoffnung und vernichte mich schnell für immer und ewig.“ Als der russische Dichter Daniil Charms im Herbst 1937 diese Zeilen in sein Tagebuch schrieb, war er einunddreißig Jahre alt. Sein OEuvre passte in ein paar Schachteln. Die Aussicht, jemals wieder etwas in der Sowjetunion zu veröffentlichen, ging gegen null. Eine erste Verhaftung und Verbannung in die Provinzstadt Kursk hatte der 1905 in Petersburg als Daniil Juwatschow geborene Dichter hinter sich. Seine wirtschaftliche Situation war desaströs. Mit Gedichten und Stücken für Kinder hatte er sich mehr schlecht als recht über Wasser gehalten. Seit Mitte der dreißiger Jahre wurde auch das immer schwieriger.

          Um ihn herum verschwanden Freunde und Kollegen in Gefängnissen und Lagern. Er selbst konnte diesem Schicksal wie durch ein Wunder noch für vier weitere Jahre entgehen. Die stalinistische Terrormaschinerie verschlang ihn just in dem Moment, als sie wegen des Überfalls der Deutschen auf die Sowjetunion eigentlich eine kurze Atempause hätte einlegen müssen, im August 1941. Charms wird nihilistische Propaganda vorgeworfen. Er wird für schizophren erklärt und in die Psychiatrie des berüchtigten Kresty-Gefängnisses auf der Petrograder Seite verschleppt. Vergeblich sucht die Ehefrau des Dichters, Marina Durnowo, selbst dem Hungertod nahe, die Gefängnisse der mittlerweile von den Deutschen belagerten Stadt ab. Im Februar 1942 schließlich bekommt sie die dürre Auskunft eines Wärters: „Verstorben, am 2. Februar.“ Ein Grab existiert nicht.

          Clowneske Absurditäten waren nicht systemkonform

          Zu Hunderttausenden starben die Menschen in jenen Monaten an Unterernährung und Kälte. Leichenberge überall, die Lebenden besaßen nicht die Kraft, die Toten in der gefrorenen Erde zu begraben. Den Charmsschen Nachlass rettete ein Freund vor dem Geheimdienst und den deutschen Bomben, indem er die wenigen Kisten und Koffer auf einen Schlitten packte und durch die bitterkalte Stadt in seine Wohnung zog.

          Jahrzehnte blieb Daniil Charms, der 1956 offiziell rehabilitiert wurde, nahezu vergessen. Seine futuristische Sprachakrobatik, seine dadaistischen Burlesken, sein clownesker Existentialismus, der den Sinn verschlingt und als absurde Worte und Szenen wieder ausspeit, passten nicht in den Kanon des Sozialistischen Realismus. Allein die Gedichte für Kinder - oder als solche getarnte - konnten seit Mitte der sechziger Jahre wieder in der Sowjetunion erscheinen. In der Endphase des Kommunismus schließlich mutierte Charms zum Kult und zur Projektionsfigur einer sich neu formierenden literarischen Avantgarde in Russland.

          Hierzulande blieb der literarische Verwandte von Ionesco und Beckett ein Geheimtipp. Mit der nun abgeschlossenen fulminanten Werkausgabe dürfte sich dies ändern. Nach zwei Bänden mit Prosa und Lyrik liegen nun auch Theaterstücke und Autobiographisches vor. Vieles davon erstmals in deutscher Sprache.

          Das dadaistisch dezimierte Nichts

          Es wäre allzu simpel, die Charmsschen metafiktionalen Miniaturen und Theaterstücke allein als ästhetische Reaktion auf die totalitäre Absurdität des Stalinismus zu interpretieren. Charms war nicht zum Absurden verdonnert, es war sein Programm. „Die Kraft, die in den Worten liegt, muss befreit werden“, schrieb er 1931. Dazu reduzierte der gern als Rezitator eigener Werke agierende Künstler das jeweilige literarische Medium bis zum Äußersten und ließ seine Figuren mitleidlos durch die spiegelglatte Idiotie des Alltags schlittern.

          Meist nimmt das ein böses Ende, wie für ein paar alte Frauen, die aus Neugier reihenweise aus dem Fenster fallen, oder für den armen Biberfell, der seiner Großmutter aufhelfen will und dafür verflucht wird. Der Mensch wird zum Nichts dezimiert, zum unsichtbaren Schräubchen im Getriebe der modernen Zeiten, das Biologische passt nicht zum Sozialen, das Soziale schon gar nicht zum Politischen, es ist wie bei Laurel und Hardy, alles ist immer zu klein oder zu groß, und alles hat sich auf verflixt-tragische Weise mit allem verklebt und verheddert.

          Die so entstandenen Miniaturen wirken wie das Fragment zu einem großen Text. Der unglückliche Lebenskünstler, sexuell unausgelastete Frauennarr und skurrile Tagträumer passte in die damalige Zeit vermutlich ebenso wenig wie in jede andere und ist deshalb immer zeitlos modern. Wie modern, konnte man letzte Woche an der Berliner Volksbühne in einer „Poetry Slam Showcase“ bestaunen. Schauspieler lasen Charms und Slam-Poeten Eigenes à la Charms. Da trafen sie sich dann, die neurotisch verklemmten, vereinsamten city slickers unserer Tage und die beschränkten, in die neue Ordnung geschleuderten russischen Kleinbürger der Stalinzeit, allesamt unfreiwillig unbehaust im Damals und im Jetzt. Daniil Charms gewährt ihnen allen Zuflucht in seinem Imperium, das nur aus dem besteht, was ihn interessierte: Quatsch. Ein Lob auf den Imperator!

          Marina Durnowo: „Mein Leben mit Daniil Charms“. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Galiani Verlag, Berlin 2011. 150 S., geb., 16,95 €.

          Daniil Charms: „Werke in vier Bänden“. Hrsg. von Vladimir Glozer, Alexander Nitzberg. Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg, Beate Rausch. Galiani Verlag, Berlin 2011. Alle Bände zus. 1169 S., geb., je 25,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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