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Cristiane Collorio und andere: Erzählerstimmen Nicht Papier und Zeichen, dafür Atem und Körperlichkeit

 ·  Wider das Verschwinden der Stimme in der Schrift: Die Edition „Erzählerstimmen“ versammelt Originaltöne von mehr als hundertachtzig deutschsprachigen Erzählern aus den vergangenen hundert Jahren.

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© Barbara Klemm Die manischen Redundanzen seiner Prosa bekommen im Vortrag etwas Zwingendes: Thomas Bernhard (r.) mit seinem Verleger Siegfried Unseld 1984

Es rauscht und britzelt, eine hohe, brüchige Greisenstimme klingt wie aus dem Jenseits herüber. Der zweiundachtzigjährige Sigmund Freud spricht von den Errungenschaften einer neuen Wissenschaft. Dass er den Erzählerreigen des zwanzigsten Jahrhunderts eröffnet, hat jedoch seine Richtigkeit: Man darf die Psychoanalyse mit ihren Kampfsternen Ich, Es und Über-Ich heute zur phantastischen Literatur zählen. Es folgt der Peeperkorn-Bariton Gerhart Hauptmanns aus dem Jahr 1905. Arthur Schnitzler ist kaum zu verstehen, wenn er als Dritter einen kleinen Ausschnitt aus „Der Schleier der Beatrice“ liest - klingt wie durch den Geräusch-Schleier eines mahlenden Sägewerks gesprochen.

Philosophen haben das Verschwinden der Stimme in der Schrift beklagt. Hier kommt das Verschwundene zurück, auferstanden aus Archiven: Originaltöne von 184 deutschsprachigen Erzählern der letzten hundert Jahre, ausgewählt und auf vierundvierzig CDs versammelt von Christiane Collorio, Michael Krüger und Hans Sarkowicz, die sich vor einigen Jahren schon um die „Lyrikstimmen“ verdient gemacht haben. Statt Papier und Zeichen: Atem und akustische Körperlichkeit.

Von einem aber fehlt jeder Hauch: Franz Kafka, von dem es keine Tonaufnahme gibt, obwohl er doch ein leidenschaftlicher, Gelächter erregender Vorleser gewesen sein soll. Ein Ohrenzeuge Kafkas war Max Brod - ergriffen lauscht man seinen Erinnerungen an den Prager Literatenkreis und den trinkfreudigen Jaroslav Hasek, der 1911 eine „Partei des gemäßigten Rückschritts im Rahmen der Gesetze“ gründete und dafür vehemente Wahlreden hielt.

Lebenskampf im Tümpel 

Ein umwerfendes Dokument ist Karl Kraus’ Lesung der Satire „Reklamefahrten zur Hölle“ aus dem Jahr 1934. Es geht um die touristische Erschließung der Schlachtfelder von Verdun. Günstige Reisemöglichkeiten, beste Hotels, üppige Verpflegung, „alles inbegriffen“ - Kraus steigert sich in einen aberwitzigen Furor und kontrastiert den Komfort mit der eher unbequemen Situation von dreihunderttausend Zerfetzten. Schwärzer kann Komik nicht sein.

Carl Zuckmayer liest 1956 die „Geschichte vom Tümpel“. Es beginnt mit der Beschreibung des kleinen Gewässers im Frühjahr, das Eis taut, würzige Lüfte regen sich, die erste Kröte kriecht an Land. Zuckmayer schmeckt die Worte, als haftete ihnen das Aroma der Pflanzen und Naturdinge an, sein kraftvoller Ton verleiht den Schilderungen eine Dringlichkeit und einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Es gibt keine menschliche Figur in der Geschichte, nur das Kleingetier des Tümpels - aber was für ein Naturtheater ist das! Als wäre der Geist Schopenhauers in ihn gefahren, beschreibt Zuckmayer in zahllosen Mikrodetails den Lebenskampf im Tümpel, Hunger, Fortpflanzung, Tod und Verwesung, und bald kommt es einem so vor, als wäre es eine Art Stalingrad der Natur, wie es allerorten von einer verfehlten Schöpfung angerichtet wird.

Erzähler mit Dialekt-Hintergrund scheinen ein passionierteres Verhältnis zum mündlichen Vortrag zu haben. Oskar Maria Grafs beherzter, bayrisch polternder Ton passt wunderbar zu seiner etwas anderen Weihnachtserzählung aus der Hungerzeit: Da hat jemand eine erstklassige Weihnachtsgans aus dem Fenster auf die Gasse geworfen. Schnell bildet sich ein Auflauf der Empörten, und ein Schutzmann ermittelt. Unerwartete Wendungen und sozialer Realismus verbinden sich in dieser Meisternovelle.

Ein weiterer Höhepunkt ist Heimito von Doderers erotische Pratergeschichte „Im Irrgarten“ - eine feines, gelenkiges, beinahe gesungenes Wienerisch ist da zu hören, eine Sprachlust, die den leider unerfüllbaren Wunsch nach einer ungekürzten Autorenlesung der „Strudlhofstiege“ weckt. Ein Feuerwerk des schärfsten Wiener Schmähs ist dagegen H. C. Artmanns Groteske „Im Schatten der Burenwurst“ - Zorro in der Imbissbude. Expressives Schweizer Starkdeutsch vernimmt man von Friedrich Dürrenmatt, wenn er die Geschichte „Herkules und der Stall des Augias“ zum Besten gibt.

Es gibt geborene Mikrofonstimmen wie den wohltemperierten Bass von Friedrich Torberg. Andere Autoren irritieren in ihrer akustischen Erscheinung: Lion Feuchtwangers piepsige Stimme zieht seine pathetischen historischen Szenarien unfreiwillig ins Lächerliche. Kaputt ist die Stimme Wolfgang Hilbigs: schweres Sächsisch mit Tom-Waits-Einschlag. Er presst die Worte mit Kraftanstrengung aus der Gurgel; umso beklommener hört man seiner psychotisch-phantasmagorischen Geschichte zu, in der eine Bücherwand merkwürdig zu stinken beginnt und der Geruch schlecht verbrannter Kohle über dem winterlichen Berlin liegt.

Peter Weiss liest ruhig, aber keineswegs beruhigt

Es gibt die Erzähler mit den passgenauen Stimmen. So scheint Dieter Wellershoffs trocken-präziser Ton wie eine Maßanfertigung für die von ihm begründete Kölner Schule des Realismus. Und keiner kann Kempowski lesen wie Kempowski. Bei diesem Autor ist die Stimme schon in den Text eingegangen, Romane wie „Tadellöser & Wolff“ leben vom mündlichen Duktus, von den Redewendungen und der Schlagfertigkeit, wie sie bei den Kempowskis zu Hause war.

Bei anderen Autoren ergeben sich produktive Kontraste: Gottfried Benns mildes Parlando, das sich über eine Epoche des politischen Gebells erhebt, bildet auch Kontrapunkte zum Inhalt seiner Texte, dem Gestus des zynischen Mediziners, dem Souveränitätsgebaren seiner Abendlandsabgesänge. Schreckensbleich ist der Ton von Peter Weiss, ruhig, aber keineswegs beruhigt - er liest den Bericht seines Auschwitz-Besuchs, ein großes Dokument. Erich Fried wiederum erzählt mit entspanntem Humor von den Wirren und Kollisionen der frühen Nazi-Zeit, von für kaum möglich gehaltenen Jugendfreundschaften zwischen Linken, Nationalsozialisten und Juden, die der ideologische Spaltpilz zersetzte.

Merkwürdig, dass es kaum Lesungen von Schriftstellerinnen gibt, die mit den besten Leistungen ihrer männlichen Kollegen mithalten können. Unter den ersten dreißig Erzählerstimmen befindet sich überhaupt nur eine Frau. Annette Kolb liest aus „Schriftstellers Klage“, einer Darstellung des qualvollen Schreiballtags: „Was für zerklüftete Gesichter in unseren Reihen! Um wie vieles geglätteter sind die Züge der Maler!“ Auch später bleiben Frauen in der Minderzahl, und selten erlebt man bei ihnen die offenbar eher maskuline Lust an der Vorlese-Performance. Dafür findet man Authentizität: die fragil-hintersinnige Melancholie Herta Müllers, die unvermutete Kratzigkeit Christa Wolfs, den herben Ton der Emigration bei Anna Seghers.

Wo bleibt die Erzählerstimme?

Vor allem Ingeborg Bachmann taucht ihre Texte durch die helle, mädchenhafte, wie erschrocken wirkende Stimme in eine unvergleichliche Aura. Die Erzählung „Ihr glücklichen Augen“ wirkt heute befremdlich in der ungeschützten autobiographischen Preisgabe - das hat nichts vom autofiktionalen Spiel, wie man es bei Max Frischs Lesung aus „Mein Name sei Gantenbein“ bewundern kann. Fast erschrocken hört man zu, wenn Bachmann von den Brandspuren in Mirandas Wohnung erzählt, von all den vergessenen Zigaretten, die Löcher in die Tische kokeln. Da kündigt sich etwas an.

Diese Edition bietet bei allen akustischen Reizen keinen Kanon des zwanzigsten Jahrhunderts. Dazu ist die Qualität der Texte zu unterschiedlich. Und die Auswahl manchmal nicht ganz nachzuvollziehen. Wieso von Günter Kunert, der vor allem Lyriker sein mag, aber doch sehr beachtliche Prosa geschrieben hat, ein Gelegenheitsfeuilleton zum Thema Rechtsradikalismus? Wo bleibt da die Erzählerstimme? Warum von Döblin nur ein kurzer kurioser Auftritt, die Eröffnungsrede zu einer Ausstellung der Berliner Sezession aus dem Jahr 1931? Der radikale Modernist kanzelt unter erstauntem Gelächter die Künstler ab: „Sie sind irgendwie nicht Leute von heute. Ich muss Ihnen das sagen.“ Und schwärmt lieber von der Berliner U-Bahn und den neuesten Bauten des Walter Gropius. Und warum wurde von Thomas Mann, bei dem es an Schallplattenaufnahmen nicht mangelt, ausgerechnet die preziöse und manieriert vorgetragene Novelle „Das Wunderkind“ erkoren?

Bei den lebenden Autoren wird die Sache leichter und schwerer zugleich. Zwar gibt es nun zahlreiche Originaltöne; gerade deshalb aber bekommt die Auswahl etwas Willkürliches. Martin Walser ist seit je ein leidenschaftlicher Vorleser und füllt mit seinen Auftritten ein eigenes Schallarchiv. Wieso hat man sich für eine kleine groteske Erzählung von 1963 entschieden?

Eine große Gedächntisleistung

Es gibt zweifellos Gewichtigeres, aber es ist schön, an die Walser-Komik der frühen Jahre erinnert zu werden. Max Goldt, der urbane Verhaltensforscher und Knigge unserer Zeit, hat Live-Hörbücher im Dutzend produziert. Trotzdem ist „Waffen für El Salvador“ eine treffende Wahl, denn in komprimierterer Form ist Goldts Poetik des schweifenden Räsonnements und der eleganten Assoziationssprünge nicht zu haben - da fällt einem vor Lachen der Kopfhörer aus dem Ohr. Dass ein prononcierter Vorleser wie Georg Klein nicht vertreten ist, dafür aber eine Kolportage-Autorin wie Juli Zeh, ist wohl einer gewissen Frauenquote auf den Nachrückerplätzen geschuldet.

Sehr erfreulich dagegen, dass dreiviertelvergessene Autoren zurückgeholt werden in den Kreis der Wichtigen: etwa der verzweifelt komische Sprachartist Hermann Burger mit der „Wasserfallfinsternis von Badgastein“ oder der feinsinnige Gert Hofmann mit einer hinreißend makabren, von leicht sächsischem Zungenschlag geerdeten Lesung aus dem Roman „Die Fistelstimme“. Burger und Hofmann sind beeinflusst von Thomas Bernhard, der seinerseits von allen Autoren die präziseste Lesung abliefert. „Der Hutmacher“ aus dem Jahr 1968 ist tragikomödiantisches Bernhard-Repertoire: Der Hutmacher wird von seinen raumgreifenden Nachkommen im eigenen Haus Etage um Etage nach oben verdrängt, bis er in einer schäbigen Dachkammer landet, aus deren Fenster er sich zu Tode stürzt.

Im makellosen, hochmusikalischen Vortrag des Autors wird diese Erzählung zum Ereignis: All die Redundanzen und manischen Wiederholungsschleifen der Bernhard-Prosa, die bei der Lektüre manchmal beliebig wirken, bekommen etwas Zwingendes. Das ist phänomenal. Aber ob es sich nun um Virtuosen, Routiniers oder Mikrofonscheue handelt - die akustischen Profile sind in jedem Fall ein Gewinn. Man liest Autoren anders, wenn man sie einmal gehört hat. Diese opulente fünfzigstündige Edition ist eine große Gedächtnisleistung der deutschsprachigen Literatur.

Christiane Collorio, Michael Krüger, Hans Sarkowicz (Hg): „Erzählerstimmen“. Die Bibliothek der Autoren. Hörverlag, München 2012, 44 CDs, ca. 3000 Min., 149,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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