Corinne Ruschs Fotografien glaubt man zu kennen. Aus dem Kino. Aus Thrillern und aus jenen Gruselfilmen, in denen das Unheil wie auf Zehenspitzen durch die Säle und Korridore einer grandiosen Architektur schleicht und Menschen überfällt, die - reich und schön und extravagant - es sich eben noch hatten gutgehen lassen in der Umgebung aus Eleganz und lebensbejahender Verschwendung. Dann aber passiert etwas Unvorhergesehenes, und nichts wird jemals wieder so sein wie zuvor. Ihre Aufnahmen gleichen den Standbildern aus den Schaukästen der Filmpaläste, zeigen Szenen jenes Moments, in denen die Handlung kippt und die Welt aus den Fugen gerät.
Doch bei Corinne Rusch gibt es keine Handlung, kein Davor und Dahinter, sondern nur das eine Bild: von ihr arrangiert in den Kulissen von Grand Hotels des Fin de Siècle, die stets bombastisch und oft ein bisschen dekadent sind und die fast allesamt hoch oben in rauher Bergwildnis thronen - in der Schweiz etwa und in Südtirol. Sie selbst ist dabei Regisseurin, Kamerafrau und Schauspielerin in Personalunion. Nur ein Drehbuch gibt es nicht. Es ist überflüssig. Denn wenn Corinne Rusch wie tot in den tiefen Polstern geblümter Couches liegt oder hingestreckt auf den Stufen eines Jugenstiltreppenhauses, wenn sie auf der Kante eines Bettes sitzt und unentschlossen auf das Telefon auf dem Nachtkästchen starrt oder nur ihre nackten Beine hinter der Theke einer historischen Bar hervorschauen, beginnen die Geschichten ganz von allein im Kopf des Betrachters abzurollen. Es sind Geschichten von Betrug und Mord, von Leidenschaft und verbotener Liebe oder einfach nur vom Wahnsinn. Es sind unsere Albträume.
Die banalsten Dinge werden zur Bedrohung
Zwei, drei Handgriffe sind Corinne Rusch genug, und schon verwandelt sie die überbordenden Innenräume in trostlose Seelenlandschaften. Und genau das ist das Gespenstische an ihren Bildern. Dass sie das Böse nicht durch aufwendige Staffage heraufbeschwört, sondern allein mit einer ausgeklügelten Lichtregie. Abgeschaut hat sie das bei Hitchcock oder Dalí und Magritte. Auch dort verdanken die Traumwelten ihr unheimliches Moment keiner vernebelten Unschärfe, sondern im Gegenteil einer fast schon überpräzisen Abbildung. So werden noch die banalsten Dinge zur Bedrohung. Ein Telefon, von dem man nicht weiß, ob es gerade klingelt. Ein tätowiertes Quadrat auf dem Rücken einer Frau. Ein Stück Stoff auf dem Boden eines Badezimmers.
Inszenierte Fotografien von Tod und Grauen sind in den vergangenen Jahren fast schon zu einem eigenen Genre der Kunstfotografie geworden, das die düsteren Endzeitvisionen in der Literatur und in der Rockmusik um farbenfrohe Illustrationen ergänzt. Es sind Kommentare zu einer Welt in der Krise. Ob nun bei Gregory Crewdson ein Passant in regennasser Straße bei Nacht wirkt wie der letzte Überlebende des Planeten, Cindy Sherman sich als pulverisierten Leichnam zeigt oder Izima Kaoro japanische Modelle mit totenstarrem Blick auf Landstraßen oder am Küstensaum drapiert.
Eine behagliche Beklemmung
Doch sind dies allesamt schockierende Bilder erschreckender Begebenheiten, die das Durchleben des Schauderns für den Betrachter zu einer Art Prüfung machen. Corinne Rusch setzt dagegen auf den wohligen Schauer. Sie spielt in ihrem schmalen, wundervoll gestalteten Künstlerbuch „Transient Confessions“ mit der Lust an der Angst. Als sie vor gut einem Jahr ihre Aufnahmen metergroß in einer Ausstellung präsentierte, hatte sie dafür eigens einen Neonschriftzug anfertigen lassen: „I’m Scared, but it is Wonderful.“
Ihre Bilder vermitteln das paradoxe Gefühl einer behaglichen Beklemmung, gerade so, als wage man sich ganz dicht an die Grenze des Erlaubten. Wie in einem schweißtreibenden Albtraum, aus dem man trotzdem nicht aufwachen möchte, um zu sehen, wie viel schlimmer es noch kommen kann. Das Wort Katharsis traut man sich denn kaum zu benutzen, so einnehmend sind ihre Arbeiten.
Corinne Rusch: „Transient Confessions“. Mit Texten von Virginia Dellenbaugh. Aus dem Englischen von Thomas Raab. Kerber Verlag, Bielefeld 2012. 132 S., Abb., geb., 26,50 €.