http://www.faz.net/-gr3-15ymc

Clemens Meyer: Gewalten : Overdose jagt die Goldene Peitsche

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Da draußen ist Krieg: In seinen neuen Geschichten setzt Clemens Meyer alles auf Sieg und nimmt es noch mit dem stärksten Gegner auf.

          Der Schriftsteller Clemens Meyer ist eine imposante Erscheinung. Mit seiner kräftigen Gestalt, seinen Tattoos, einem grobschlächtigen Habitus und einer kräftigen, in Fankurven trainierten Stimme mit breitem Sächsisch wirkt Meyer im deutschen Literaturbetrieb immer etwas wie ein Hooligan, der sich in die VIP-Loge verirrt hat. Während die domestizierten Zuschauer sich dort bei Häppchen und Prosecco über besonders gelungene Spielzüge und feine Technik auslassen, bringt Meyer eigenes Dosenbier und einen Flachmann mit und zeigt uns halb schockierten, halb faszinierten Edelfedern, worum es wirklich geht: Es ist Krieg. Chemie gegen Lok. Alle gegen die Bullen. Schnaps gegen den Durst. „Wir haben euch was mitgebracht: Hass, Hass, Hass.“

          Auch der Leser von Clemens Meyers neuem Buch „Gewalten“ sollte sich erst einmal als Gegner begreifen und entsprechend wappnen. Was in diesen Geschichten – und um nichts anderes handelt es sich, dem irreführenden Untertitel „Ein Tagebuch“ zum Trotz – auf ihn einprasselt, ist mehr und Härteres, als die wohltemperierte deutschsprachige Belletristik sonst so bietet. Der Ich-Erzähler der ersten, der Titelgeschichte liefert einen Live-Bericht aus der Psychiatrie, wo er ans Bett gefesselt, „fixiert“ ist und versucht, sich die Vorgeschichte ins Gedächtnis zu rufen: eine aus dem Ruder gelaufene, also ganz normale Nacht mit Saufkumpeln in der Leipziger Absackerbar „Brick’s“, die mit einem Einbruchsversuch in die Nikolaikirche endete: „Pfarrer Führer, Pfarrer Führer, komm raus!“ Nun liegt der vermeintlich selbstmordgefährdete Randalierer selbst wie ein Gekreuzigter mit ausgebreiteten Armen da und kämpft einen zähen Kampf – gegen das Bettgestell, gegen die Pfleger, gegen die eigene Ohnmacht: „Ich bin noch da, ihr Schweine“, lautet das Resumé, das nicht zu viel verspricht.

          Der Mythos vom Boxerherz

          Wer nichts übrig hat für den virilen Mythos vom Boxerherz, das sich nicht unterkriegen lässt, für Stories vom Einstecken, ohne aufzustecken, für Kämpfer, die, in die Ecke getrieben, mit dem Kopf durch die Wand wollen, der wird auch Meyers neuem, elf Runden währendem Ringen mit heiklem Stoff wenig abgewinnen können. Doch schon der Versuch sollte Respekt abnötigen. Denn welcher andere deutschsprachige Autor würde sich nacheinander folgende Themen vornehmen, um nur die Texte Nummer zwei bis fünf zu betrachten: Abu Ghraib und Guantánamo, den Amoklauf von Winnenden, den Tod eines Jugendfreundes im Hospiz und die Ermordung der achtjährigen Michelle in Anger-Crottendorf (jenem Leipziger Stadtteil, in dem Meyer lebt)? Clemens Meyer schlägt sich nicht mit Schwächeren, er will es wirklich wissen.

          Hinzu kommt, dass er sich durch die „Tagebuch“-Form zusätzlich unter Druck setzt. Die einzelnen Stücke dieses Buches sind durch einen autobiographischen Bogen miteinander verbunden. Suggeriert wird, dass Entstehungszeit und erzählte Zeit zusammenfallen und die einzelnen Stücke jeweils eine ausfabulierte Episode aus Meyers Jahreskalender sind. Die Psychiatrie-Geschichte etwa trug sich am 30. Dezember 2008 zu; Winnenden war im März 2009; im August fand der aufsehenerregende Prozess gegen Michelles Mörder, einen achtzehnjährigen Nachbarn, statt. Doch gerade diese chronologische Ordnung bleibt den einzelnen Texten gegenüber äußerlich, die – der Unmittelbarkeit des diaristischen Prinzips genau widersprechend – auf ganz unterschiedliche Weise literarisiert sind und das auch mal mehr, mal weniger offenlegen.

          Text und Folter

          Weitere Themen

          Und dann hatten sie seine Adresse

          Hass im Netz : Und dann hatten sie seine Adresse

          Seit eineinhalb Jahren ist Richard Gutjahr Hass im Netz ausgesetzt – besonders bei Youtube. Wenn nicht alle umdenken, schreibt der Journalist in seinem Blog, wird auch das Netzwerkgesetz nichts ändern.

          Kims Girlgroup für Olympia Video-Seite öffnen

          Nordkoreanische Musik : Kims Girlgroup für Olympia

          Sie heißen Moranbong und singen patriotische Texte zu zu westlicher Popmusik. Die nordkoreanische Girlgroup könnte bei den olympischen Winterspielen im benachbarten Südkorea auftreten. Und für die Großveranstaltung ist noch mehr geplant.

          Der Europäer

          Hans-Werner Sinn : Der Europäer

          Hans-Werner Sinn ist ein Ökonom mit Sendungsbewusstsein. Auch nach seinem Abschied vom Ifo-Institut gibt er keine Ruhe.

          Topmeldungen

          Digitale Welt : Der PC stirbt einen schönen Tod

          Auf einen PC kommen inzwischen fünf verkaufte Smartphones. Die Welt wird nicht nur digitaler, sondern auch immer mobiler. Es ist ein dramatischer Wandel voller Chancen – und Gefahren.

          Gastbeitrag : Europa droht die Spaltung

          Auf dem Kontinent werden teuer erkämpfte Freiheiten über Bord geworfen. Deutschland müsste wichtige Gegenimpulse setzen. Doch Berlin ist mit sich selbst beschäftigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.