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Claudio Magris' Reisebilder „Ein Nilpferd in Lund“ Die Welt im Kaffeelöffel

08.04.2009 ·  Zwischen Utopie und Entzauberung: In seinem neuen Buch, einer Sammlung von Reiseessays, erweist sich der in Triest geborene und dort lehrende Germanist Claudio Magris als melancholischer Realist.

Von Sabine Berking
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Ein Kollege nannte ihn den „kosmopolitischsten Provinzler“ Italiens. Seine Stadt, die nie Metropolenallüren spüren ließ, öffnet sich wie ein Wirklichkeit gewordener Traum Mitteleuropas aus dem Karstgebirge hinaus ins adriatische Blau - wahrlich ein Böhmen am Meer. Die Grenzen, die Europa prägen, hier in Triest waren sie schon immer augen- und ohrenscheinlich: zwischen den romanischen, germanischen und slawischen Sprachen, zwischen Diktatur und Freiheit, Land und Wasser, zwischen Butter und Olivenöl, Bier und Wein, Graubrot und Weißbrot.

Seit mehr als vier Jahrzehnten ist der morgen vor siebzig Jahren in Triest geborene und dort lehrende Germanistikprofessor Claudio Magris als Reisender in schriftstellerischer, übersetzerischer und wissenschaftlicher Mission wie auch als Kolumnist des „Corriere della Sera“ diesen Grenzen auf der Spur. Für ihn sind sie eine Art DNA unseres Kontinents und des Lebens schlechthin. Schon in seinem ersten Buch über den Habsburg-Mythos in der österreichischen Literatur, das er mit Anfang zwanzig verfasste und das ungläubige Zeitgenossen seinem Vater zuschrieben, hat er immer wieder vor der naiven Utopie eines Verschwindens der Grenze gewarnt. Von Ideologen und Machthungrigen stets missbraucht, mache sie uns die Existenz des Eigenen im anderen erst bewusst. Jeder, so lässt er den Held seines gleichnamigen Dramas Stadelmann aus dem Jahr 1988 sagen, sei ein Ehemaliger, einer, der irgendwann einmal auf einer anderen Seite war, auch wenn ihm das nicht bewusst ist.

Eine Klugheit, die nie ins belehrende Dozieren fällt

Lange bevor der Eiserne Vorhang fiel, hatte Magris mit seinem Opus Magnum „Donau. Biographie eines Flusses“, das 1986 im Original erschien, die physische Landkarte in die europäische Literatur zurückgeholt und aufgezeigt, was bleibt, wenn man vom historischen Ergebnis alle nationalstaatlichen Eigenschaften subtrahiert. Die Donau mit ihrem ungewöhnlichen Lauf von den Metropolen des Zentrums aus hin zu ihrer mäandernden Mündung an einer vergessenen Peripherie des Kontinents, „einem Filmstudio, in dem schon lange keine Aufnahmen gedreht werden“, dieser Fluss, der scheinbar gegen die Zeit und den Zeitgeist fließt, der in Dutzenden Sprachen besungen wird und den doch kein Land für sich allein als nationalen Mythos beanspruchen kann, weil er mittlerweile zehn Staaten durchmisst, scheint Magris als Sinnbild einer Ultima Ratio für die Zukunft Europas.

Die rhapsodische Sprache, eine Klugheit, die nie ins belehrende Dozieren fällt, die Welt en gros, die Magris bevorzugt im Mikrokosmos des Details wie in einem Kaffeelöffel spiegelt, in der rätselhaften und zuweilen komischen Anekdote, finden sich auch in seinen Romanen und Essays wieder. Immer geht es um die Spannung zwischen der Utopie, ohne die wir nicht leben können, und der Entzauberung, der ironischen und zuweilen bitter-tragischen Erkenntnis über die Vergänglichkeit und die Trugbilder der Existenz.

Viel mehr als ein Begleittext zum OEuvre

In seinem neuen Buch, einer Sammlung von Reiseessays, das im Original den schönen Titel „L'infinito viaggiare“ trägt, erweist sich Magris als melancholischer Realist, der nie ins Sentimentale und schon gar nicht ins Nostalgische verfällt. Geschrieben zwischen 1984 und 2004, sind diese Miniaturen viel mehr als ein Begleittext zum OEuvre. Das Vorwort rückt sie in den retrospektiven Kontext des Politischen und des Privaten, des globalen Umbruchs und des Todes seiner Lebensgefährtin, die auf vielen dieser Reisen eine die Perspektive schärfende Begleiterin war.

Mit dem Autor reisen wir noch einmal durch ein Vierteljahrhundert, von West nach Ost, und sehen neben Neuem immer wieder Altvertrautes neu: einen Velázques im Kloster Santa Maria de Pedralbes in Barcelona, den ein Vater seinem erwachsenen, am Downsyndrom leidenden Sohn mit Geduld für den Sohn und Bewunderung für den Maler erklärt. Wir reisen nach Prag, in die Hauptstadt eines gerade namenlos gewordenen, weil geteilten Landes, in dem sich der Wandel am überall sichtbaren „Change“ der Geldwechselstuben symbolisiert. Im Leningrad der achtziger Jahre ist vom Wind der Veränderung nur ein Luftzug zu spüren. Russland verändert sich immer und bleibt - in den engen Räumen der zum Museum gewandelten Wohnung Dostojewskis - doch immer gleich.

Die Hoffnung, vorher zu sterben

Während Leningrad heute wieder Sankt Petersburg heißt, wurde eine andere Stadt nach einer nationalen Ikone umbenannt - Ho-Chi-Minh-Stadt hieß einst Saigon. Die Bewohner dort munkeln, dass die Mumie des Nationalhelden einmal pro Jahr per Zug nach Moskau zur Restauration verbracht wird, eine Anekdote, die Stoff für einen ganzen Roman liefert. In Mexiko-Stadt erfährt der herzlich aufgenommene Reisende, was es heißt, in der ewigen Fremde stets zu Hause zu sein, in einer großen jüdisch-orthodoxen Familie.

Gewiss, wir wandern mit Magris auch durch istro-rumänische Dörfer und kroatische Straßen, dort kennt er sich aus, während der Iran der Ajatollahs auch ihn erstaunt, als ein Land, das uns viel näher ist, als die oberflächliche politische Rhetorik glauben macht, und in dessen Hauptstadt - wir haben es fast schon vergessen - das Schicksal Europas einst besiegelt wurde. Ganz um die Ecke, bei den Slawen von nebenan, den Sorben der Lausitz, deren Randständigkeit schon das Rechtschreibprogramm des Computers mit einer roten Unterstreichung markiert, hat sie uns wieder - die wunderbare magische Melancholie des Claudio Magris. Die Bedienung in einem Dorfgasthaus, Wirtstochter und Studentin in Dresden, erzählt dem Gast vom langsamen Aussterben ihrer Muttersprache, dem Sorbischen. „Ich frage sie, ob dieses Ende sie traurig stimme. Nein, antwortet sie, denn sie erlebe es ja nicht mehr. Vielleicht ist dies die einzige Möglichkeit, die uns angesichts des unvermeidlichen Endes aller geliebten Dinge bleibt: darauf zu hoffen, es nicht zu erleben und vorher zu sterben.“

Claudio Magris: „Ein Nilpferd in Lund.“ Reisebilder. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Hanser Verlag, München 2009. 220 S., geb., 17,90 €

Quelle: F.A.Z.
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