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Claudio Magris: Das Alphabet der Welt Lesend und schreibend ein Mann des Mittelpunkts

 ·  Lektüre als Weltaneignung: In seinen Essays zeigt sich Claudio Magris als Liebhaber der Extremzustände.

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Große Schriftsteller sind nicht selten große Leser, die ihre Lektüreerfahrungen zum Gegenstand essayistischer Darstellung gemacht haben. Einer von ihnen ist Claudio Magris. Der 1939 in Triest geborene und bis heute dort lebende Literaturhistoriker, Essayist, Übersetzer und Romancier greift nicht aus beruflichen Gründen zu Büchern. Lesen ist für ihn in erster Linie eine Form der Weltaneignung, wie die Beiträge jenes Bandes zeigen, dem Magris den bezeichnenden Titel „Das Alphabet der Welt“ gegeben hat.

Versammelt sind hier neben einigen längeren Aufsätzen etwa 25 Artikel, die Magris in den letzten zehn Jahren für das Feuilleton des Mailänder „Corriere della Sera“ schrieb. Es gibt zwei Schwerpunkte: die österreichische und die Weltliteratur. Beide werden zusammengehalten durch ein Thema, das man als psychosoziales Fundament der Literatur bezeichnen kann, nämlich die bewegenden Kräfte des menschlichen Zusammenlebens wie Liebe, Hass, Neid, Freude, Zorn, Überlebenswille und Resignation.

Leseerfahrung des jugendlichen Magris

Die längeren Beiträge beschäftigen sich in erster Linie mit der österreichischen Literatur. Magris vertieft hier Überlegungen seines ersten Buches „Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur“, einer vielgerühmten Dissertation, die er 1963 im Alter von 24 Jahren veröffentlichte und die zu seinem Lebenswerk wurde. Denn mit den hier analysierten Werken und Themen beschäftigt sich Magris bis heute, etwa in Essays zum Antikapitalismus der Literatur, zum Vergnügen am eigenen Deklassiertsein und zum Verhältnis von Epigonalität und Vorläuferschaft.

In den kürzeren Texten behandelt Magris Autoren und Werke der Weltliteratur, darunter die homerischen Epen, die Bibel, Defoe, Fontane, Ibsen, Conrad, Faulkner und vor allem Kipling, den er über alles schätzt. Reise- und Abenteuerromane stehen an vorderster Stelle; offenbar blieb die jugendliche Leseerfahrung prägend. Es geht in „Das Alphabet der Welt“ nicht um poetische Strukturen oder das Spiel von Bedeutungen, die für die moderne Literaturtheorie im Vordergrund stehen, sondern um die literarische Darstellung der Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens.

Grundfragen des poetischen Realismus

Die Leidenschaft für existentielle Fragen prägt auch des Autors Auseinandersetzungen mit Werken der Gegenwartsliteratur und erklärt, warum Titel der Avantgarde ausgespart sind. So erörtert Magris in einer Rezension von Büchern des Chinesen Mo Yan die Rolle der Sexualität in der Literatur oder nimmt die Enttarnung des Spaniers Enric Marco, dessen Bericht über sein Überleben in einem deutschen Konzentrationslager überschwenglich gelobt wurde, bis er sich als Fiktion herausstellte, zum Anlass, um über die Widersprüchlichkeit poetischer Wahrheit nachzudenken.

Die Methode von Magris lässt sich genauer kennzeichnen mit einer abgewandelten Formulierung aus dem 1997 veröffentlichten „Die Welt en gros und en détail“, einem Werk, für das er nicht zufällig mehrere bedeutende europäische Literaturpreise erhalten hat. Heißt es dort: „Jeder Ort kann der Mittelpunkt der Welt sein“, so könnte der Leitsatz der vorliegenden Arbeiten lauten: Jedes Buch kann zum Mittelpunkt der Welt werden. Das macht der Band so deutlich, dass es sich nur äußerlich um eine Sammlung von Artikeln handelt. Tatsächlich geht es hier immer wieder um Grundfragen des poetischen Realismus.

Die Beziehung zwischen Literatur und Lebenswelt steht auch im Zentrum zweier biographischer Essays, die Anfang und Ende des Bandes bilden. Claudio Magris berichtet hier von seiner Vorliebe für die realistische Epik, die von ihren Verfechtern gern mit Anspruch auf politisches Engagement verknüpft wird. Diesen Anspruch aber weist Magris in aller Deutlichkeit zurück, da ihn die poetische Vergegenwärtigung der Wege und Abwege des menschlichen Denkens und Handelns seit jeher stärker in den Bann zieht als programmatische Verlautbarungen von Autoren. Wohl auch deshalb ist in diesen wunderbar klar und einfühlsam formulierten Beiträgen so wenig Dogmatisches zu finden.

Claudio Magris: Das Alphabet der Welt. Von Büchern und Menschen. Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend. Hanser Verlag, München 2011. 302 S., br., 21,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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