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Claude Lanzmann: Der patagonische Hase : So etwas hat man noch nie gesehen!

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Bild: Verlag

Epische Konfessionen: In seinen Erinnerungen erweist sich der Regisseur Claude Lanzmann als begnadeter Historiker, der neben der privaten stets auch die große Geschichte im Blick hat - und das Abenteuer.

          Mit grausamen Bildern, Albträumen des Schreckens eröffnet Claude Lanzmann seine Memoiren. Das ganze Arsenal der Folter und der gewaltsamen Tötung eines Menschen durch eigens dafür ersonnene Maschinen in Händen des Staates wird vor dem Leser errichtet. In harter, unmittelbarer Weise konfrontiert er uns mit diesem vielgestaltigen, bedrückenden Nachtmahr. Die unauslöschlichen Augenblicke tiefer Ohnmacht, die ein wacher Zeitzeuge empfinden muss angesichts der Todesstrafe, haben Lanzmann zum Rebellen, zum beredten Aufrührer werden lassen.

          In den Tagen seiner Jugend in der Résistance hat ein sorgsam wachender Vater angesichts der Präsenz der lebensbedrohenden deutschen Besatzer ihm einen Wagemut und eine Vitalität zuwachsen lassen, deren Unbezwingbarkeit in einem fortwährend sich selbst erneuernden Eros begründet ist. Es gibt kaum eine Episode in diesen epischen Konfessionen, die nicht mit einem erotischen Impuls, einer unstillbaren Begierde durchsetzt ist. Selbst in den Augenblicken höchster Gefahr - beispielsweise wenn er Waffen der englischen Verbündeten durch die besetzten Zonen schmuggeln muss - betont er die körperliche Nähe zu seiner Partnerin. Seine helle Geistesgegenwart, sein fabelhafter Orientierungssinn und sein untrüglicher Spürsinn begleiten ihn wie ein Schatten durch die schwierigsten Augenblicke seines Lebens.

          Weitgespanntes Netz erinnerungshaltiger Assoziationen

          Ein seltsames Schicksal wollte es, dass Claude Lanzmann schon sehr früh mit der großen Geschichte, der Historie in Berührung kam, von ihr affiziert und fortgerissen wurde, ohne darüber die eigene, persönliche Geschichte je aus den Augen zu verlieren. Es sind diese ständig wechselnden Interferenzen, die er in seinem Buch in immer neuen Varianten aufscheinen lässt. Im weitgespannten Netz erinnerungshaltiger Assoziationen kommt es zu zeitversetzten Durchmischungen, die es dem Leser nicht immer leichtmachen, den Faden der Chronologie zu verfolgen - und häufig ist eine weibliche Gestalt, ein Frauenname, eine frisch eroberte Geliebte, die uns daran erinnert, wo der Held sich gerade aufhält und in welche Abenteuer er verstrickt ist.

          Die Jahre im besetzten Frankreich, als jüdischer Gymnasiast, gleichzeitig mit dem Vater im Maquis, sind eben nicht nur von der allgegenwärtigen Gefahr geprägt, sondern auch von der ungewöhnlich selbstbewussten Mutter Pauline. Sie hat 1934 die Familie verlassen, um ihre eigenen Wege zu gehen, und durchlebt an der Seite eines unwiderstehlichen Poeten Monny de Boully die schwierigsten Kriegsjahre. In ihrem Überlebenskampf entwickelt sie eine frivole Kühnheit, die man allenfalls aus Lubitsch-Filmen kennt, etwa wenn sie, von der Gestapo auf ihre mutmaßliche jüdische Identität befragt, auf ein Bild von Göring deutet und ausruft: „Seht euch euren Marschall einmal an, er sieht jüdischer aus als ich!“

          Dem Terror entronnen, gehört dem Überlebenden die Pointe. Aus dem Maquis kehrt Lanzmann nach der Befreiung an das Gymnasium zurück und muss zu seinem Entsetzen erleben, wie die großbürgerlichen Eleven das Lycée Louis-le- Grand zu Ehren des faschistischen Schriftstellers und Kollaborateurs Brasillach umbenennen wollen. Sein Freund, der spätere Dichter Jean Cau, organisiert, von Lanzmann unterstützt, einen heftigen und am Ende erfolgreichen Widerstand. Lanzmann überliefert das heute vergessene Wort de Gaulles, mit dem er begründete, warum er den zum Tode Verurteilen nicht begnadigt habe: „Ich war der Meinung, dass er Frankreich gegenüber eine Schuld begleichen musste.“

          „Überlegungen zur Judenfrage“

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