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Veröffentlicht: 18.01.2013, 16:08 Uhr

Christoph Martin Wieland: Oberon Küsse, Bisse, Risse und vier Backenzähne des Sultans

Christoph Martin Wieland war einer der größten Autoren der Goethezeit. Jetzt erscheint sein Versepos „Oberon“ in der historisch-kritischen Werkausgabe. Ein Ritterroman, der es in sich hat.

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© INTERFOTO Schwur gebrochen! Die Folgen trägt Amanda auf dem Schoß

Wenn Karl der Große in Wut gerät, dann muss man sich warm anziehen. Den jungen Ritter Hüon jedenfalls, der - eher aus Versehen - einen Sohn seines Herrn erschlagen hatte und nun aus einer Art Gottesurteil unversehrt hervorgegangen ist, trifft die ganze Wucht des kaiserlichen Zorns. Hinrichten lassen darf ihn Karl nun zwar nicht mehr, dafür stellt er ihm eine Aufgabe, die der Sache schon recht nahe kommt. Hüon soll sich nach Bagdad begeben, den Palast des Sultans ungeladen aufsuchen und bei einem Festbankett denjenigen köpfen, der zur Linken des Herrschers sitzt. Anschließend soll er des Sultans Tochter dreimal küssen und sich mit ihr verloben, danach schließlich vier Backenzähne seines neuen Schwiegervaters als Geschenk für Karl erbitten sowie eine Handvoll grauer Barthaare. Sollte er es mit dieser Beute zurück bis zu Karls Hof schaffen, sei ihm verziehen, sagt der Kaiser. Anderenfalls solle er sich bloß nicht mehr vor ihm blicken lassen.

Tilman Spreckelsen Folgen:

So setzt Christoph Martin Wielands Versepos „Oberon“ ein, wenigstens dem Inhalt nach. Denn die allerersten Strophen greifen schon weit voraus, sie werfen Schlaglichter auf die dramatischen Abenteuer, die jener Hüon nach Karls Verdikt zu bestehen haben wird. Und sie evozieren dabei ein ebenso buntes wie wirres Panorama. Der sprunghafte Erzähler schiebt diese Konfusion auf den „Hyppogryph“, eine Art Pegasus, dem er sich überlassen habe. Davon trage er nun einen „holden Wahnsinn“ davon, erklärt er, um sich schließlich nach sechs Strophen wüster Bilderflut selbst zur gewohnten Ordnung zu rufen - im Namen seiner Leser: „Komm, laß dich nieder zu uns auf diesen kanapee, / Und, statt zu rufen, ich seh, ich seh, / Was niemand sieht als du, erzähl uns fein gelassen / Wie alles sich begab.“ Der Erzähler, so scheint es, überwindet daraufhin den poetischen Furor und berichtet von Hüons Zerwürfnis mit Karl, der Reise nach Bagdad und vom Zusammentreffen des Ritters mit dem bei Shakespeare entlehnten Naturgeist Oberon, der fortan seine schützende Hand über Hüon halten wird. Mit seiner Hilfe rücken sogar des Sultans Barthaare und Backenzähne in erreichbare Nähe, von der hübschen Tochter Rezia ganz abgesehen.

Siebenmal überarbeitet

Die Werke Wielands, dessen Todestag sich am morgigen Sonntag zum 200. Mal jährt, werden seit 2008 in einer von Klaus Manger und Jan Philipp Reemtsma herausgegebenen historisch-kritischen Ausgabe publiziert. Sie ist auf 36 Bände angelegt, ordnet Wielands Texte nicht nach Werkgruppen, sondern chronologisch nach dem erstmaligen Erscheinungsdatum an und rückt so den vielseitigen Publizisten Wieland in den Fokus des Lesers: Wenn der Autor in seiner Zeitschrift „Teutscher Merkur“ ein literarisches Werk neben kulturkritischen Essays, Rezensionen, Übersetzungen oder kleinen Anekdoten publizierte, so finden sich diese auch in der Werkausgabe eng beieinander.

22835124 © De Gruyter Vergrößern

Kompliziert wird dieses Verfahren bei einem Werk wie dem „Oberon“, das 1780 im ersten Vierteljahresheft des „Teutschen Merkur“ erschienen ist, vom Autor aber später insgesamt siebenmal überarbeitet worden ist - worüber er öffentlich Rechenschaft ablegte, indem er seiner Ausgabe Letzter Hand ein umfangreiches Variantenverzeichnis beigab. Wer also wissen wollte, wo der Dichter seine Feile angesetzt hatte, fand die Antwort beim Autor selbst, der in einem weiteren Anhang bereitwillig jene Ausdrücke im „Oberon“ erklärte, die er beim Publikum nicht ohne weiteres voraussetzen wollte.

Die Werkausgabe, deren Band 15.1 mit dem „Oberon“ gerade erschienen ist, wird diesen Prozess des Umschreibens und Kürzens in einem künftigen Apparatband abbilden. Bis dahin kann man sich hier immerhin an eine „Oberon“-Fassung halten, die seit dem Erstdruck von ihrem formbewussten Autor so nie wieder publiziert worden ist.

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