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Dienstag, 18. Juni 2013
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Christoph Martin Wieland: Oberon Küsse, Bisse, Risse und vier Backenzähne des Sultans

 ·  Christoph Martin Wieland war einer der größten Autoren der Goethezeit. Jetzt erscheint sein Versepos „Oberon“ in der historisch-kritischen Werkausgabe. Ein Ritterroman, der es in sich hat.

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© INTERFOTO Schwur gebrochen! Die Folgen trägt Amanda auf dem Schoß

Wenn Karl der Große in Wut gerät, dann muss man sich warm anziehen. Den jungen Ritter Hüon jedenfalls, der - eher aus Versehen - einen Sohn seines Herrn erschlagen hatte und nun aus einer Art Gottesurteil unversehrt hervorgegangen ist, trifft die ganze Wucht des kaiserlichen Zorns. Hinrichten lassen darf ihn Karl nun zwar nicht mehr, dafür stellt er ihm eine Aufgabe, die der Sache schon recht nahe kommt. Hüon soll sich nach Bagdad begeben, den Palast des Sultans ungeladen aufsuchen und bei einem Festbankett denjenigen köpfen, der zur Linken des Herrschers sitzt. Anschließend soll er des Sultans Tochter dreimal küssen und sich mit ihr verloben, danach schließlich vier Backenzähne seines neuen Schwiegervaters als Geschenk für Karl erbitten sowie eine Handvoll grauer Barthaare. Sollte er es mit dieser Beute zurück bis zu Karls Hof schaffen, sei ihm verziehen, sagt der Kaiser. Anderenfalls solle er sich bloß nicht mehr vor ihm blicken lassen.

So setzt Christoph Martin Wielands Versepos „Oberon“ ein, wenigstens dem Inhalt nach. Denn die allerersten Strophen greifen schon weit voraus, sie werfen Schlaglichter auf die dramatischen Abenteuer, die jener Hüon nach Karls Verdikt zu bestehen haben wird. Und sie evozieren dabei ein ebenso buntes wie wirres Panorama. Der sprunghafte Erzähler schiebt diese Konfusion auf den „Hyppogryph“, eine Art Pegasus, dem er sich überlassen habe. Davon trage er nun einen „holden Wahnsinn“ davon, erklärt er, um sich schließlich nach sechs Strophen wüster Bilderflut selbst zur gewohnten Ordnung zu rufen - im Namen seiner Leser: „Komm, laß dich nieder zu uns auf diesen kanapee, / Und, statt zu rufen, ich seh, ich seh, / Was niemand sieht als du, erzähl uns fein gelassen / Wie alles sich begab.“ Der Erzähler, so scheint es, überwindet daraufhin den poetischen Furor und berichtet von Hüons Zerwürfnis mit Karl, der Reise nach Bagdad und vom Zusammentreffen des Ritters mit dem bei Shakespeare entlehnten Naturgeist Oberon, der fortan seine schützende Hand über Hüon halten wird. Mit seiner Hilfe rücken sogar des Sultans Barthaare und Backenzähne in erreichbare Nähe, von der hübschen Tochter Rezia ganz abgesehen.

Siebenmal überarbeitet

Die Werke Wielands, dessen Todestag sich am morgigen Sonntag zum 200. Mal jährt, werden seit 2008 in einer von Klaus Manger und Jan Philipp Reemtsma herausgegebenen historisch-kritischen Ausgabe publiziert. Sie ist auf 36 Bände angelegt, ordnet Wielands Texte nicht nach Werkgruppen, sondern chronologisch nach dem erstmaligen Erscheinungsdatum an und rückt so den vielseitigen Publizisten Wieland in den Fokus des Lesers: Wenn der Autor in seiner Zeitschrift „Teutscher Merkur“ ein literarisches Werk neben kulturkritischen Essays, Rezensionen, Übersetzungen oder kleinen Anekdoten publizierte, so finden sich diese auch in der Werkausgabe eng beieinander.

Kompliziert wird dieses Verfahren bei einem Werk wie dem „Oberon“, das 1780 im ersten Vierteljahresheft des „Teutschen Merkur“ erschienen ist, vom Autor aber später insgesamt siebenmal überarbeitet worden ist - worüber er öffentlich Rechenschaft ablegte, indem er seiner Ausgabe Letzter Hand ein umfangreiches Variantenverzeichnis beigab. Wer also wissen wollte, wo der Dichter seine Feile angesetzt hatte, fand die Antwort beim Autor selbst, der in einem weiteren Anhang bereitwillig jene Ausdrücke im „Oberon“ erklärte, die er beim Publikum nicht ohne weiteres voraussetzen wollte.

Die Werkausgabe, deren Band 15.1 mit dem „Oberon“ gerade erschienen ist, wird diesen Prozess des Umschreibens und Kürzens in einem künftigen Apparatband abbilden. Bis dahin kann man sich hier immerhin an eine „Oberon“-Fassung halten, die seit dem Erstdruck von ihrem formbewussten Autor so nie wieder publiziert worden ist.

Mit Lust am Abenteuer

Eine beglückende Begegnung: Das Versepos entpuppt sich in seinem kunstvoll unregelmäßigen Metrum und dem ständig wechselnden Reimschema als hervorragend zum Vorlesen geeignetes Werk, weil seine Stanzen trotz ihrer grundsätzlichen Treue zur klassischen Form niemals leiern. Es knüpft an Ritterromane aus der Blütezeit des Genres ebenso an wie an ihre später entstandenen Parodien und hält dabei die Waage zwischen ironischer Distanz zum Geschehen und der Lust am erzählten Abenteuer. Im neunzehnten Jahrhundert, als „Oberon“ für die nachfolgende Autorengeneration ein gern rezipiertes Muster darstellte und zu Wielands bekanntestem Werk überhaupt avancierte, beschrieb Heinrich Heine den Helden eines Ritteromans von Fouqué mit den Worten, er besitze „den Muth von hundert Löwen und soviel Verstand wie zwei Esel“. Das Urteil wäre ohne Mühe auf Wielands Hüon zu übertragen, der zwar oft lieb und nett ist, mitunter aber blindwütig und blutrünstig, und wenn er, wie sein Schöpfer betont, ohne große Bibelkenntnisse die schöne Rezia von Allah zu Christus führen möchte, dann möchte man die Liebe der Dame zu ihrem Ritter sehr hoch veranschlagen, da sie sich trotzdem taufen lässt und den Namen Amanda annimmt.

Das Wunderbare kommt dabei ebenso zu seinem Recht wie das Naturgesetzliche, Wieland tischt Zaubertränke, magische Becher und eiserne Kampfroboter auf. Ein Trank aus einem - augenscheinlich leeren - Pokal macht müde Ritter so munter, dass sie wie aufgekratzt durcheinanderlaufen, und Wieland ironisiert diese Vorform des Dopings, indem er den edlen Trank auch einem klapprigen Maultier zukommen lässt. Wenn Hüon schließlich in das magische Horn stößt, das ihm Oberon zum Geschenk überlassen hat, dann muss er keinen Feind fürchten - wer kein absolut reines Gewissen hat, verfällt bei diesem Klang einer Art Veitstanz und streckt die Waffen. Kommt es aber doch zum Kampf, dann malt Wieland die Sache angemessen blutig aus: „Das feld liegt grauenhaft mit leichen und mit stümmeln / Von roß und mann bedeckt, die durch einander wimmeln.“

Verdient ich das, Amande?

Hüons Aufgabe aber ist noch lange nicht gelöst, als er den Hof des Sultans verheert hat und mit Amanda auf der Flucht nach Rom ist, wo der Papst das junge Glück trauen soll. Härter als der tollkühne Gang ins feindliche Lager ist es für Hüon, keusch in die Ehe zu gehen - genau dies verlangt aber sein Schutzgeist Oberon von ihm, und Hüon fügt sich. Wieland, der in der Beschreibung sinnlicher Momente zwischen den Liebenden zu großer Form aufläuft, erspart den beiden dann auch nicht Oberons Strafe, als sie der Versuchung endlich nachgegeben haben - sie finden sich plötzlich miteinander auf einer kargen Insel wieder, auf der zu allem Überfluss dann auch noch Sklavenhändler landen, die Amanda rauben.

“Verdient’ ich das? Verdiente das Amande? / Ist unser Elend nur der höhern Wesen spiel?“ fragt Hüon einmal in verfahrener Lage. Man kann es ihm nicht verdenken, immerhin folgt sein Unglück auf den erneuerten - und diesmal durchgehaltenen - Schwur, mit der Geliebten keusch zusammenzuleben. Natürlich ist Wieland hier ganz dicht am „Sommernachtstraum“ (den Wieland in seiner großen Shakespeare-Übersetzung „Ein St. Johannis Nachts-Traum“ nannte). Und so wie auf der Theaterbühne die Machenschaften der Elfen die arglosen Menschen, zumal wenn sie verliebt sind, gründlich verwirren, so werden Hüon und seine Freundin immer mehr zum Spielball Oberons, der sie in größte Not bringt und sie am Ende mit leichter Hand wieder daraus erlöst. Das aber ist eine Erfahrung, die entweder in Gottvertrauen oder in Fatalismus mündet. Als junger Ritter, ahnt man, steht einem Ersteres besser an. Jenseits der vierzig kommt man um die zweite Option kaum herum.

Wer aber über das Schicksal nicht gebieten kann, der kann wenigstens davon erzählen: „Sieh, wie mit lauschendem mund / Und weitgeöffnetem aug’ die hörer alle passen, / Geneigt zum gegenseit’gen bund / Wenn du sie täuschen kannst sich willig täuschen lassen? / Wolan! so höret dann die sache aus dem grund!“ Wer würde dieses Angebot schon ausschlagen?

Christoph Martin Wieland: Werke, Bd. 15,1. Bearbeitet von Hans-Peter Nowitzki und Heinz-Günther Nesselrath. Verlag de Gruyter, Berlin 2012. 581 S., geb., 199,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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