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Christoph Heins „Verwirrnis“ : Vergiss die Peitsche nicht

Da hatte es Friedeward Ringeling aus Heiligenstadt im Eichsfeld endlich an der Leipziger Universität zum Professor gebracht: Ein Umzug in der Heimatstadt des Protagonisten am 1. Mai 1982. Bild: Picture-Alliance

Heimlichkeit über Heimlichkeit: Mit der Geschichte eines Homosexuellen wirft Christoph Hein ein erhellendes Licht auf die Lebensumstände in der DDR.

          Als sich das Vierergespann am Silvesterabend 1957 endlich in Leipzig wiedersieht, muss sich Wolfgang den Spott der Ehefrau seines Geliebten gefallen lassen: Zwei Jahre zuvor war der junge Mann zum Kirchenmusikstudium nach West-Berlin gegangen – als Karriereentscheidung verständlich, als Lebensentscheidung schmerzlich, stellte es die Liebe von Wolfgang und Friedeward, ohnedies unter erschwerten Bedingungen, doch vor zusätzliche Probleme. Mit dem Jahreswechsel nun dürfen homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen in der DDR nicht mehr geahndet werden – anders als in der Bundesrepublik, wo Homosexualität erst zwölf Jahre später teilweise legalisiert werden wird. Auch wenn er jetzt im freien Westen lebt: Ein freier Mann könne Wolfgang nur in Leipzig sein.

          Die Pointe ist eine der schönsten im neuen, an Erstaunlichem und Bestürzendem so überreichen Roman „Verwirrnis“ von Christoph Hein, der eine Geschichte der Entwicklungen und Stimmungen in der DDR aus ungewohnter Perspektive erzählt: anhand der Lebensgeschichte des Friedeward Ringeling, geboren am 1. September 1933, gestorben am 18. Juni 1993 durch eigene Hand, ein Original, ein „edler Mensch“, wie er von Christoph Hein gleich auf den ersten Seiten vorgestellt wird, ein gepeinigter Mensch zudem, erst durch den eigenen Vater, dann durch die Zeitläufte und den Versuch, sein Leben mit Anstand zu führen.

          Es war Friedewards Heirat mit Jacqueline im Frühjahr 1960, die das schwule und das lesbische Paar, die einander an der Leipziger Universität getroffen und erkannt hatten, schließlich dem Argwohn der Familie und des Kollegenkreises entzogen haben: Friedewards Vater hatte seinen Sohn einst mit dem kaum älteren, gerade strafmündigen Freund erwischt und sich von Wolfgangs Vater nur mit Not von einer Anzeige abbringen lassen – unter der Bedingung, dass Wolfgang kurz vor dem Abitur die Stadt verlässt. Herlinde indes, Jacquelines Freundin, Professorin, ist im Mai 1955 von der Parteisekretärin der Fakultät ihres Verhältnisses beschuldigt worden, verbunden mit der Drohung, die Fakultätsleitung zu informieren, falls sie die Beziehung nicht unverzüglich beende.

          Große Sorgfalt

          Die Angst, ihre Liebe könnte öffentlich werden, treibt die Professorin noch in der Schlussszene des Buches um. Friedeward treibt sie sogar in den Tod – in einen einsamen Tod, den er nach der Entdeckung durch seinen Vater Jahrzehnte zuvor noch ausgeschlossen, als gemeinsamen Schritt mit seinem Wolfgang damals jedoch erträumt hatte. Als Friedeward wenige Monate vor seinem sechzigsten Geburtstag im Juni 1993 erfährt, dass er von der Stasi als IM geführt wurde und seinen guten Ruf nur behalten kann, falls er die Umstände einer lange zurückliegenden Erpressung offenlegt, nimmt er sich das Leben: Im Frühjahr 1982 hatte er zu einem Vortrag zu Ehren seines Doktorvaters, der sich in den Westen abgesetzt hatte, nur unter der Bedingung nach Wien reisen können, dass er von dort einen Bericht abliefert. Der Deal war mit dem giftigen Angebot gewürzt, Friedewards, „nun sagen wir, Besonderheit weiterhin in einen Mantel des Schweigens gehüllt zu lassen“. Das abgeschriebene Tagungsprogramm genügte der Kontaktperson – und der Vorgang nach der Wiedervereinigung für die Feststellung der Tätigkeit als IM.

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