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Christine Lavant : Vom Reichtum der armen Gedichte

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„Kunst wie meine ist nur verstümmeltes Leben“, schrieb Christine Lavant. Doch sie war eine der Größten, bewundert von Zeitgenossen wie Thomas Bernhard. Bild: Picture-Alliance

Sie erklärte sich für ausgeschrieben und gab ihre späten Gedichte nicht mehr frei. Nun erscheint die nachgelassene Lyrik der großen Christine Lavant – ungeschützte, radikale „Lästergebete“.

          Eines Tages – so könnte das Märchen einer Erweckung beginnen – bekam die arme Strickerin Christine einen Band Gedichte geschenkt: von Rilke, vermutlich das „Stundenbuch“. Sie mochte sie zunächst nicht lesen, „weil man dabei nicht stricken kann“. Als sie dann trotzdem las, überfiel sie die Inspiration. Es sei wie ein Wolkenbruch über sie gekommen, bekannte sie, und sie habe eine Weile fast Tag für Tag nur Gedichte geschrieben. Eine Dichterin war geboren: Christine Lavant, wie sie sich fortan nach ihrem Heimattal nannte.

          Ihr bisheriges Leben war hart gewesen und blieb es bis zu ihrem Tod 1973. Christine Thonhauser, 1915 als neuntes Kind eines Kärntner Bergmanns geboren, war skrofulös, schwerhörig, schwachsichtig und konnte nur mit Unterbrechungen die Schule besuchen. Der Tod der Eltern kurz nacheinander traf sie tief und unterbrach ihre Schreibversuche für viele Jahre. 1939 heiratete sie einen sehr viel älteren Maler und blieb weiter aufs Stricken angewiesen. Dann geschah ihre Entdeckung: Die Schriftstellerin Paula Grogger hatte dem Verleger Viktor Kubczak einige Gedichte vorgelegt, und nach einigen Verzögerungen kam die literarische Karriere in Gang. Später, auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, fand Christine Lavant die Formel für ihre Existenz: „Kunst wie meine ist nur verstümmeltes Leben.“

          Sie liebte ihre poetischen Geschöpfe

          Dieses verstümmelte Leben wurde kompromisslos für die Kunst gelebt; es führte zu Hauptwerk und Nachlass. Schließlich zu einer Werkausgabe, wie sie jetzt im Wallstein Verlag erscheint. Immerhin sagte Thomas Bernhard von dieser Dichterin, sie „ist eine der wichtigsten und sie verdient, in der ganzen Welt bekannt gemacht zu werden“. Dabei war es nicht einmal leicht, sie in Österreich bekannt zu machen. Doch seit den Bänden „Die Bettlerschale“ (1956), „Spindel im Mond“ (1959) und „Der Pfauenschrei“ (1962) galt Lavant als große Dichterin, abseits von Moderne und Avantgarde. Um ihren Erfolg machte sich ihr väterlicher Freund, der Publizist Ludwig von Ficker, verdient. Er verschaffte ihr Auszeichnungen, darunter zweimal den Georg-Trakl-Preis. Nicht minder wichtig war der Verlag Otto Müller, der die Bücher der frommen Empfindung anpasste. Lavant selbst bemerkte, dass man in Deutschland gern das druckte, was man in Salzburg zurückgewiesen hatte.

          Nach 1962 verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Dichterin; sie musste für längere Zeit in ein Pflegeheim. Ungedruckte Gedichte gab sie nicht mehr frei. „Ich hab mich ausgeschrieben“, vertraute sie einem Freund an, und Hilde Domin erfuhr: „Mir graut es vor meinen Gedichten und eigentlich vor meiner Kunst.“ Doch sammelte sie ihre Manuskripte in Schachteln und Mappen und setzte ihren Neffen Armin Wigotschnig als Erben und Verwalter ein. Nichts sollte verloren gehen. Skrupel gegen die eigene Produktion waren Lavant fremd. Sie meinte: „Arme Gedichte wollen schließlich auch ,leben‘. Wer das, was er schreiben muß, zurückhält, ist vielleicht wie ein Weib, das seine Kinder vergräbt aus Angst, sie könnten dem lieben Nachbarn nicht gefallen.“

          Erfolg und Anerkennung: Bei der Verleihung des österreichischen Staatspreises für Literatur, 1970
          Erfolg und Anerkennung: Bei der Verleihung des österreichischen Staatspreises für Literatur, 1970 : Bild: Picture-Alliance

          Christine Lavant, die kinderlose Frau, liebte ihre poetischen Geschöpfe. Dank dieser Einstellung und der Fülle der Überlieferung bringt der Nachlassband nun an die fünfhundert Gedichte; davon 365 Erstveröffentlichungen, die übrigen stammen aus früheren Nachlasspublikationen. Eine kleine Sensation ist, dass zu Anfang des Bandes ein ganzes ungedrucktes Gedichtbuch steht: „Die Nacht an den Tag“. 1948 lag es schon als Korrekturabzug vor, doch der Druck scheiterte an den Verwirrungen der Nachkriegszeit, mit denen der aus Breslau geflohene Verleger Kubczak zu kämpfen hatte. Später hatte die Dichterin die Freude an ihm verloren: „Ich kann den Schund halt nimmer anschauen!“

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