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Christine Koschel: Bis das Gedächtnis grünet : Was das für Zeiten sind

  • -Aktualisiert am

Bild: Edition Rugerup

Die Lyrikerin Christine Koschel setzt in ihrem neuen Gedichtband auf bewährte Themen. Das Beharren darauf setzt sich auch in ihrer hochpoetischen Sprache fort und ist eine große Freude für jeden Leser.

          Der jungen Christine Koschel bescheinigte Nelly Sachs, sie habe „viele Blitze aus den Nächtigkeiten der Worte geschlagen“. Man darf dies eine wahrhaft prophetische Formulierung nennen. Sie lässt sich auf „Den Windschädel tragen“ beziehen, den 1961 erschienenen Debütband der damals Fünfundzwanzigjährigen, aber auch auf das neue Gedichtbuch „Bis das Gedächtnis grünet“. Christine Koschel ist ihren Themen treu geblieben und - alle zeitbedingten Wandlungen eingerechnet - auch ihrer Sprache.

          Immer noch erscheinen ihr die Worte nächtig, dem Tagesgebrauch entzogen, und immer noch sieht sie es als die Aufgabe der Dichtung an, Blitze aus dieser sprachlichen Dunkelheit zu schlagen. Mit ihrem engagierten Hermetismus steht Christine Koschel in einer Tradition, die von Mallarmé bis zu Celan und Ingeborg Bachmann reicht. Mit Bachmann, deren Gesamtwerk sie edierte, war Koschel befreundet, und Celan war für sie weit hinein in ihre Spracharbeit inspirierend. Er steht selbst heute noch am Horizont ihrer dichterischen Welt.

          Mnemosyne und Memoria

          Dass Mnemosyne - also Erinnerung, Gedächtnis - die Mutter auch von Koschels Muse ist, darauf verweist der hochpoetische Titel ihres Gedichtbandes. Sein „Bis das Gedächtnis grünet“ will in der leisen Antiquiertheit von „grünet“ auf das Zeitlose, ja Ewige der Memoria verweisen. Diese Memoria schließt für die Dichterin notwendig auch das eigene Leben, die eigene Zeitgenossenschaft ein. Christine Koschel hat als Kind die Flucht aus ihrer schlesischen Heimat erlebt und später die Auseinandersetzung mit der Vatergeneration, die bis heute nicht abreißt. Sie sieht sich „in ewiger Auferstehung//aus der Mordnatur unserer Väter/ungelichtet und den hingabereifen Müttern/die keinen Fragewald pflanzten“.

          So wenden sich einige Gedichte explizit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu, allerdings kommen sie ohne Verweise und Erläuterungen nicht aus. Direkter und überzeugender sind jene Gedichte, die kommentarlos Vorgänge sprechen lassen, so das ergreifende „Menschenbild“: „Die Köpfe gesenkt/fielen sie stehend heraus/beim Öffnen der Tür/Heiligleib für Leib/verwertungsfrei.“ Da genügt die Erweiterung von „Leib“ zu „Heiligleib“, um eine religiöse Dimension in das Gedicht hineinzubringen.

          Aus Skepsis wird Verzweiflung

          Christine Koschel gehört zu einer Generation, für die Adornos Verdikt, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben sei barbarisch, zu einer zentralen Frage ihres Lebens und Schreibens wurde. Wie Celan in der „Todesfuge“, wie Nelly Sachs seit „In den Wohnungen des Todes“ hat sie sich zu Gedichten über Auschwitz entschlossen. Dem berühmten Brecht-Vers vom Gespräch über Bäume, das fast ein Verbrechen sei, hat Celan 1968 jene Replik folgen lassen, in der ein Gespräch „beinah ein Verbrechen ist,/weil es soviel Gesagtes/mit einschließt“. Koschel setzt diese Auseinandersetzung heute - mehr als vierzig Jahre später - fort, indem sie Celans Argument radikal umwendet: „was sind das für Zeiten/wo ein Gespräch/ein Verbrechen ist/weil so viel Ungesagtes/sich darin erbricht.“ Man sieht, wie sich der Ton seit Celan verschärft und aus Skepsis fast Verzweiflung wurde.

          Celan erscheint so als Lebendiger, als Gegenwärtiger. Manche Koschel-Titel wie „Coagulum“ oder „Atemwurzeln“ verweisen direkt oder indirekt auf Celan. Vor allem aber zeigt sich in diesen späten Gedichten, dass nicht bloß das Gedächtnis „grünet“, sondern auch eine Schreibart, die sich derjenigen Celans verbunden weiß, ja, in mancher Hinsicht von ihr abhängt. Wie Celan in Titeln wie „Niemandsrose“, „Fadensonnen“ oder „Lichtzwang“ liebt auch Koschel kühne Komposita als Wortneubildungen.

          Beharren auf einer beinahe anachronistischen Schreibweise

          Man macht es sich aber zu einfach, wenn man aus technischen Analogien Abhängigkeit, ja, Epigonentum ableitet. Auch der Begriff Intertextualität reicht nicht hin, um Koschels Festhalten an einer heute fast anachronistischen Schreibweise zu erklären, am ehesten dagegen ein kulturelles Argument: das Faktum, dass die Autorin seit Jahren in Rom lebt, abseits der Moden des deutschen Literaturbetriebs. Entscheidend ist ihr Eigensinn. Christine Koschel arbeitet seit den sechziger Jahren an einer Sprache, die das Unvereinbare zusammenzwingt, Auschwitz und die Poesie, und sie ist dieser Arbeit treu geblieben.

          In ihrem Gedicht „Zackern“ greift sie auf ein Wort zurück, das Hölderlin während der Arbeit an seiner Pindar-Übersetzung benutzte und Paul Celan in einem seiner späten Gedichte aufgriff. „Ein Zittern zackert dir im Leibe“. Es ist die Poesie, die so lautmalerisch „zackert“. Von ihr heißt es zuletzt, gleichsam erlösend: „im Einklang bist du frei/von Grund auf“. Das ist die Utopie der Christine Koschel. Und so ist das, wenn das Gedächtnis grünet.

          Christine Koschel: „Bis das Gedächtnis grünet“. Gedichte. Mit einem Nachwort von Ruxandra Niculescu. Edition Rugerup, Berlin/ Hörby, Schweden 2013. 126 S., br., 17,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

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