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Christian Y. Schmidts Roman : Ticktack, ihr Trottel!

Früher hätte er solchen Typen gleich ins Gesicht gespuckt: Christian Y. Schmidts herzverheerend schöner Verwirrroman „Der letzte Huelsenbeck“ über den tragisch unvermeidlichen Hirnschaden des Älterwerdens aller Unangepassten.

          Auf Seite 236, also schon tief in dem Irrgarten, der dieses grandiose Buch ist, entwirft jemand einen Ausweg, der im weiteren Erzählgang dann weder wirklich werden darf noch wahr: „Da ist was passiert in Amerika. Irgendetwas Unerfreuliches. Das kristallisiert sich immer deutlicher heraus. Wenn du herausfindest, was es ist, hast du, schätze ich, den Schlüssel zu deinem Schlamassel. Danach dürften nicht nur die Angstzustände verschwinden, sondern auch der ganze restliche Zirkus: Kinder, Affen, die sieben Zwerge, diese ganze Menagerie in deinem Kopf...“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Kopf, von dem die Rede ist, tickt nicht mehr richtig. Die Lebensuhr läuft weiter, während er sich einrenken will, und jeder Versuch, sich bei sich selbst und auf der Welt zurechtzufinden, ist ein aussichtsloses Spiel gegen die Zeit. Der Sinn des Ganzen wie aller Kleinigkeiten darin zerrinnt dem Menschen, um den es geht, zwischen den Fingern, und das verschliffene Züngeln der Sprache stört die Konzentration: „Schlüssel“, „Schlamassel“, man hört die klitzekleinen Ketten rasselzischen, aus denen der Verstand sich befreien will – vergebens. Der Ich-Erzähler von Christian Y. Schmidts Roman „Der letzte Huelsenbeck“ ist annähernd alt, soll heißen: Etwa sechs Jahrzehnte hat er mitgemacht, immer unwillig, sich einem vorgezeichneten Weg anzubequemen. Gerade aus Fernost in sein westdeutsches Herkunftskaff zurückgekehrt, nimmt er Teil an der Beerdigung eines etwa gleichaltrigen Mannes, der vor mehreren Dekaden zu einer Gruppe junger Leute gehörte, die sich, angeregt vom Ich-Erzähler, so etwas wie eine Parolen- und Aktionsreligion um die wiederum ein paar Menschenalter weiter zurückliegende Antikunstbewegung des Dadaismus gebaut hatten. Zu Ehren eines der Protagonisten jener Bewegung nannten sie sich „die Huelsenbecks“.

          Sein Roman ist Kunst

          Der Originaldadaismus hatte seinerzeit vor lauter Genie keine Lust gehabt, Kunst zu erzeugen; die Dadaisten (und die bis heute zu selten genannten und gekannten Dadaistinnen, etwa Hannah Höch und Sophie Taeuber-Arp) sahen die Kunst nicht nur ihrer Gegenwart nämlich als Medienvehikel für den Transport der Abgeschmacktheiten feudaler bis bürgerlicher Lebens- und Staatsfrömmigkeit; ein Mitläuferlaster, das man der Menschheit abgewöhnen musste. So zwängten sie ihre Leiber in Papprollen und quakten Quatsch, liefen quer über Straßen, die es nicht gab, zerschnitten Zeitungen und Kataloge, klebten alles falsch zusammen und schrieben wahnsinnig gute Sachen – Beweisstück 1 (Hans Arp): „Der Vater hat sich erhängt / dort wo die Wanduhr hing. / Die Mutter ist stumm. / Die Tochter ist stumm. Der Sohn ist stumm. / Alle drei verfolgen / das Ticktack des Vaters.“ Beweisstück 2 (Tristan Tzara): „Unbeschreibliche Milde. Die Augen von Jugend zu Jugend immer schärfer.“

          Der Unheld Daniel S., den uns Schmidts Buch vorstellt, gehörte in der Vorvergangenheit des Textes zu einer Jugend, die sich von solchen Sätzen dazu ermutigen ließ, das Sichdreinfinden, für das Biographieschablonen unser Menschendasein halten, mit Trotz und Witzen zurückzuweisen. Aber schon bei den Dadaisten (und den bis heute unfair vernachlässigten Dadaistinnen, etwa Beatrice Wood und Emmy Hennings) hatten sich Trotz und Witze nicht gelohnt: Sie mussten sich irgendwann enttäuscht eingestehen, dass das Ergebnis eben doch nur wieder Kunst geworden war. So wandten sie sich dem Surrealismus (also einem Dadaismus, der sich mit dem eigenen Kunstcharakter abfindet), der Psychoanalyse oder der Politik zu. Schmidts Roman ist auch Kunst; Pech gehabt.

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