http://www.faz.net/-gr3-6v707

Christian Lehnert: Aufkommender Atem : Dein Name, langsam geschrieben

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Christian Lehnerts Lyrik kann als diskrete Metaphysik bezeichnet werden. In seinem neuen Gedichtband widmet er sich den großen religiösen Fragen, ohne den Alltag zu vergessen.

          Es gibt eine Wiederkehr des Totgeglaubten. Die alten Formen erblühen aus den Relikten der Avantgarde. Nicht Gott ist tot, sondern der Atheismus. Religiöse Themen erscheinen den jüngeren Autoren wieder interessant, ja zwingend. Die Weltlage legt sie nahe, manchmal auch die eigene Biographie. Der Lyriker Christian Lehnert ist solch ein Dichter der Wiederkehr. Er schreibt Sonette und sogar Paraphrasen alter Kirchenlieder. Man darf ihn einen religiösen Dichter nennen.

          Seine Biographie lässt begreifen, warum. 1969 in Dresden geboren, hat Lehnert als Wehrdienstverweigerer und Bausoldat den totalitären Atheismus der DDR kennengelernt. Die Wende war ihm Befreiung. Der junge Mann studierte Theologie und Orientalistik und machte ausgreifende Reisen nach Israel und in den arabischen Raum. Eindrücke, die sich bis heute in seinen Büchern niederschlagen. Er entschied sich gegen eine Laufbahn als Schriftsteller und wurde Pfarrer in einem Dorf bei Dresden. Heute ist Lehnert Studienleiter an der Evangelischen Akademie Wittenberg. In all den Jahren blieb der poetische Antrieb stark und andauernd. Zwischen 1997 und 2008 erschienen vier Lyrikbände.

          Ein lyrisches Studentenbuch oder auch Pilgerbuch

          In den Bildern von Wüste und Pilgerschaft befragen Lehnerts Gedichte die Möglichkeit eines neuen Glaubens, kommen aber auch auf die Altlasten der deutsch-deutschen Geschichte zurück. So in „Auf Moränen“ (2008), wo der Zyklus „Zungenreden“ von den Bausoldaten von Prora und Merseburg handelt. Dann aber erhebt sich aus dem Geröll der Geschichte die Dichterstimme zu Nachtwachen. In der zwanzigsten Vigil heißt es: „Diese Mühe, die es mir bereitet, / G-l-a-u-b-e zu schreiben.“ Glaube ist kein Besitz. Das lyrische Ich bleibt auf der Suche.

          Auch Lehnerts neuer Gedichtband „Aufkommender Atem“ spricht davon. Der Atem im Titel verweist auf das Pneuma des Neuen Testaments, auf die Verheißung des pfingstlichen Windes. Wir lesen ein lyrisches Stundenbuch. Es kreist in seinen aus kurzen, zumeist achtzeiligen Gedichten um die Fragen von Gottes Existenz, um Wahrheitssuche und Gebet. Wenn man will, darf man es auch als ein Pilgerbuch auffassen. Seine Stationen sind Dresden, das Erzgebirge und Lanzarote. Wittenberg erscheint als Fixpunkt der Bilder und Meditationen.

          Er schwenkt kein Weihrauchfass

          Lehnerts Gedichte sind von konkreter Erfahrung inspiriert und durchdrungen. Sie kommen in melodischen Zeilen und Reimen daher, behalten aber ihren Kontakt zum Alltag. So erscheint dem Dichter in einem Felsspalt der Landschaft Lanzarotes „ein wunder Gott/und blutet, dämmert, dort läßt ihn kein Wort/wie das Wort ‚Gott‘ in sich verlassen sein“.

          Das ist schon der härteste Ton, den Christian Lehnert anschlägt. Oft genügt ihm eine schlichte Beobachtung, die ins Epiphanische spielt. So löst der Blick auf ein Faltboot eine tröstende Stimme aus: „Schau nicht zurück, wenn du die Blüten streust, / wenn du die Asche wirfst, wenn du dich freust, / daß jemand langsam deinen Namen schreibt.“

          Lehnert ist ein diskreter Metaphysiker. Er schwenkt kein Weihrauchfass und verfällt nie ins Predigen. Er gewinnt auch den skeptischen Leser - wenn nicht unbedingt für die Sache, so doch für das Gedicht.

          Es hat sich längst noch nicht erledigt

          Alle seine Gedichte haben Charme. Manches könnte vielleicht härter gefügt sein. Einige Anfänge erinnern an Rilkes „Stundenbuch“ - etwa „Der Tag ist still und wartet auf dein Kommen“ oder „Du bist mein Schlaf und meine späte Stunde“. Und wenn Lehnert ein Gedicht etwas locker mit dem Vers enden lässt, „Und male Gott an jede leere Wand“, möchte man Rilkes Warnung erinnern: „Wir dürfen dich nicht eigenmächtig malen.“ Nein, eigenmächtig malt Lehnert nicht, und das Plakative ist nicht seine Sache. Der Leser begleitet ihn deshalb gern und fühlt sich niemals gegängelt.

          Erstaunlich ist, wie gut hundert Jahre nach Rainer Maria Rilke eine Sprach- und Stil-Lage wiederkehrt, die die Moderne für längst erledigt hielt. Das ist für Christian Lehnert kein Problem. Gott ist für ihn keine Frage des Stils. Er weiß, ja er wusste immer schon: „Der Heimweg war von Anfang an so nah.“

          Christian Lehnert: „Aufkommender Atem“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 99 S., geb., 19,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Geheimnisse

          Alternativer Büchner-Preis : Geheimnisse

          In Wien wurde zum ersten Mal der Alternative Büchner-Literaturpreis vergeben. Hier steht die Rede des Preisträgers Wolf Wondratschek.

          Topmeldungen

          Wolfgang Kubicki will sich von der AfD nicht provozieren lassen.

          Bundestag : Kubicki rät zu gelassenem Umgang mit der AfD

          Heute dürfte FDP-Politiker Kubicki zu einem der Vizepräsidenten des Bundestages gewählt werden. Er rät, mit der AfD im Parlament „vernünftig und fair“ umzugehen. Abgeordnete bekräftigen ihre Ablehnung gegen den umstrittenen AfD-Kandidaten Glaser.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.