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Christian Kracht: Imperium : Ein kultischer Verehrer von Kokosnuss und Sonnenschein

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Unser Mann im Pazifik ist nämlich, trotz aller Widernisse, auf seiner Insel ein rechtes Glückskind, das mit seiner Kleidung alle gesellschaftlichen Ängste abgestreift hat. Und weil Kracht es insgesamt gut meint mit „unserem Freund“, kümmert er sich nur bedingt um dessen überlieferte Biographie: Statt Engelhardt 1919 sterben zu lassen, lässt er ihn von der Lepra genesen und auf den Salomoninseln in einer Erdhöhle sogar noch den Zweiten Weltkrieg überleben. Und der Pianist Lützow, der Engelhardt eine Weile treue Gesellschaft leistet, kommt hier nur insofern bei einer Bootsfahrt um, als er im Glückstaumel der Verliebtheit und des Alkohols versehentlich von Bord geht und zwischen zwei Schiffen zermalmt wird: Das ist besser für die Geschichte und im Resultat letztlich dasselbe.

Dieses Genre ist ein angenehmes Reiseziel

Indem er ständig vor- und zurückspult, zeigt Kracht uns Engelhardt, diesen deutschen Ur-Romantiker, wie er sich etwa an „jenem unendlich melancholischen, einhundert Kilometer langen, sonnenbeschienenen Dünenstrand“ der Kurischen Nehrung noch etwas verlegen seiner Kleidung entledigt, „sich fragend, ob vielleicht hier des Deutschen Seele herstamme“. Beinahe begegnet er dem Sommerfrischlerpaar Thomas und Katia Mann (der „Simplicissimus“-Redakteur wird am nächsten Tag Anzeige gegen den vagabundierenden Nudisten erstatten und zur Strafe später eine Ahnung von der gewaltigen Dimension seines Doppellebens erhaschen, die sein Leben überlagern wird), zuvor ist er knapp an Hermann Hesse vorbeigeschlittert, und so ist der im Grunde scheue, dann wieder bis zur Naivität zutrauliche Engelhardt wie eine ätherische Version von Forrest Gump unterwegs an Fast-Schauplätzen deutscher Geschichte. Dass Mann zwar 1898 Redakteur des „Simplicissimus“ war, Katia Pringsheim aber erst Jahre später kennenlernte, also nichts so gewesen sein kann, wie es hier ist, gehört dazu: Kracht ist keinen bleiern dokumentarischen Fakten verpflichtet, sondern seiner dramatischen Wahrheit.

Dass das alles so mühelos klappt, verdankt sich dem Stil, den Kracht für die aberwitzige Aussteiger-Story gewählt hat. Was Daniel Kehlmann mit der „Vermessung der Welt“ unter anderem gelang, nämlich die Neuerfindung des historischen Romans mit den Mitteln der Sprache und höherer Ironie, das schafft Kracht hier für das Genre Abenteuerroman. Dabei hat er sich von Kehlmann einiges abgeschaut, zum Beispiel die konsequente Verwendung indirekter Rede. Allerdings ist August Engelhardt kein Gauß und kein Humboldt, sondern ein Don Quixote der Kokosnuss. Anstatt ihn aus seiner „splendid isolation“ herauszuholen, schickt uns „Imperium“ mitten hinein. Kein übles Reiseziel in dieser eisigen Zeit.

Christian Kracht: „Imperium“. Roman. Kiepenheuer Witsch Verlag, Köln 2012. 243 S., geb., 18,99 €.

Quelle: F.A.Z.

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