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Christian Kracht: Imperium : Ein kultischer Verehrer von Kokosnuss und Sonnenschein

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Dabei ergreift diese Robinsonade durchaus Partei für den Paradiesvogel Engelhardt, der seinem lokalen Urjünger Maleki Romane vorliest, viel Zeit damit verbringt, seinen Fußnägeln beim Wachsen zuzusehen und unter der sengenden Sonne und dem Einfluss der Kokosnussdiät immer mehr regrediert. Schließlich lutscht er sogar wieder am Daumen, bis ihm dieser aufgrund einer Leprainfektion abfällt (und in einer Kokosschale als Leckerbissen aufgehoben wird). Doch nicht Verrohung oder Überleben um jeden Preis ist das Thema Krachts, sondern Vereinsamung und Entfremdung.

Die Ernsthaftigkeit beiläufigen Erzählens

Just da das Zeitalter für Abenteuerromane endgültig vorüber schien, die weißen Flecken auf der Landkarte ausgegoogelt sind und die Weltraumbegeisterung mit dem Stern Newt Gingrichs zu verlöschen verspricht, haucht dieser Schriftsteller dem Genre noch mal Leben ein. Wie es sich für einen Abenteuerroman alter Schule und frischer Machart gehört, steht nicht der Charakter im Mittelpunkt, sondern die Geschehnisse sind unterhaltsamer Selbstzweck. Der erzählerische Duktus ist ausgeruht, die Sprache vom ersten Satz an prunkend exquisit: „Unter den langen weißen Wolken, unter der prächtigen Sonne, unter dem hellen Firmament, da war erst ein langgedehntes Tuten zu hören, dann rief die Schiffsglocke eindringlich zu Mittag, und ein malayischer Boy schritt sanftfüßig und leise das Oberdeck ab, um jene Passagiere mit behutsamem Schulterdruck aufzuwecken, die gleich nach dem üppigen Frühstück wieder eingeschlafen waren.“ Ähnlich wie die Erste-Klasse-Passagiere der „Prinz Waldemar“ wird der Leser von „Imperium“ sprachlich so umsorgt und umhätschelt, dass sein Liegestuhl für die Dauer der Lektüre nicht ins Wanken gerät. Denn bei aller historischen Finsternis back- und vor allem steuerbord dieses Roman-Dampfers, auf die sightseeingmäßig kurz hingewiesen wird, ist dies keine wirklich beunruhigende Passage.

Das eigentliche Abenteuer von „Imperium“ liegt in der Atmosphäre: bestes deutsches neunzehntes Jahrhundert, aufgemischt von den Romanen Mark Twains, Jack Londons und Joseph Conrads ebenso wie von dem Filmklassiker „African Queen“, der ja auch in den Krieg mündet. Sein kinematographisches Zeitrafferverfahren stellt der Roman regelrecht aus. So zeigt er uns Engelhardt etwa bei einem Besuch in München, wo der seltsame Gesell über den Odeonsplatz wandelt, und nutzt die Gelegenheit, um kurz zu der harmlos im Sonnenlicht daliegenden Feldherrnhalle hinüberzuschwenken: „Nur ein paar kurze Jährchen noch, dann wird endlich auch ihre Zeit gekommen sein, eine tragende Rolle im großen Finsternistheater zu spielen.“ Und weiter: „Mit dem indischen Sonnenkreuze eindrücklich beflaggt, wird alsdann ein kleiner Vegetarier, eine absurde schwarze Zahnbürste unter der Nase, die drei, vier Stufen zur Bühne...Ach, warten wir doch einfach ab, bis sie in äolischem Moll düster anhebt, die Todessymphonie der Deutschen. Komödiantisch wäre es wohl anzusehen, wenn da nicht unvorstellbare Grausamkeit folgen würde: Gebeine, Excreta, Rauch.“ Dass es Kracht durchaus ernst ist mit dieser Art von schnellem historischem Vorlauf, so beiläufig er auch daherkommt, beweist das wiederkehrende Motiv des sich ausbreitenden Antisemitismus, dem schließlich sogar Engelhardt anheimfällt, der doch, fern der sogenannten Zivilisation, eigentlich gefeit sein müsste gegen derartige Zeitgeistviren.

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