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Christian Kracht: 1979 : Wir sehen uns mit Augen, die nicht die unseren sind

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Nach den Anschlägen vom elften September enwickelt Christian Krachts Roman „1979“ ungeahnte Aktualität. Unter den menschenunwürdigen Zuständen eines tibetischen Arbeitslagers empfindet der namenlose Erzähler das erste Mal so etwas wie Heimat. Es spricht der Selbsthass als Lebensgefühl des Westens.

          Als der Schah gestürzt wird und die islamische Revolution unter Ajatollah Chomeini sich anschickt, Iran zu erobern, befinden sich auch zwei junge Deutsche in Teheran, Angehörige der internationalen Partyszene, die sich zur Kreuzfahrt in der Ägäis, an der französischen Mittelmeerküste oder in den Villen im reichen Norden der persischen Hauptstadt trifft. Einer der beiden jungen Männer stirbt nach einer Jet-set-Party, weil er zuviel Alkohol getrunken und zuviel Drogen genommen hat und ohnehin nicht mehr ganz gesund war. Der andere, ein etwas einfältiger Innenarchitekt, wird von einem undurchsichtigen Partygast mit dem klingenden Namen Mavrocordato nach Tibet geschickt.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Dort soll er den heiligen Berg Kailash umrunden, um seine Seele zu reinigen, ein Opfer zu bringen und Buße zu tun. Am Fuß des Berges wird der Pilger aus Deutschland von chinesischen Soldaten aufgegriffen, zum russischen Spion erklärt und in verschiedenen Umerziehungs- und Arbeitslagern interniert. Die Zustände dort sind unmenschlich und grauenhaft, aber der ehemalige Globetrotter ergibt sich rasch in sein Schicksal. Er ist zufrieden. Der junge Mann, der nie wußte, was er wollte oder wollen sollte, will nun nichts mehr. Er ist ein „guter Gefangener“; willenlos, ohne Vergangenheit oder Zukunft, ohne Identität. „Ich habe mich gebessert“ - mit dieser Selbsterkenntnis des Ich-Erzählers endet „1979“, gewiß nicht der beste, aber der erstaunlichste Roman dieses Herbstes.

          Eine Auslöschungsphantasie

          Auf 180 Seiten schildert der Schriftsteller Christian Kracht, Jahrgang 1966, das Schicksal eines armseligen Dandys aus dem Westen, der an der Seite seines schillernden Freundes durch die Welt reist, auf der Suche nach Zerstreuung, Schönheit, Liebe, Sex und Tod. „1979“ ist kein großer Roman. Aber in diesen Tagen, da der Koran in unseren Buchhandlungen ausverkauft ist und der Westen gezwungen wird, sich mit Augen zu sehen, die nicht die seinen sind, ist Krachts „1979“ ein Buch, das aufhorchen läßt. Es ist eine höhnische Parodie schöngeistiger Reiseliteratur, ein Abgesang auf die kurze Scheinblüte des literarischen Pop, ein Pamphlet gegen die Dekadenz und moralische Verrottung des Westens, dem die Revolution Chomeinis als gut und wünschenswert gegenübergestellt wird. Es ist, mit einem Wort, eine Auslöschungsphantasie.

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