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Christa Wolf: Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud : Mein Schutzengel nimmt es mit jedem Raumschiff auf

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Gerichtet? Gerettet! Christa Wolf erinnert sich in ihrem autobiographischen Buch an eine tiefe Krise ihres Lebens, aber entdeckt am Rande der westlichen Welt überraschend eine Hoffnung auf Erlösung.

          In Los Angeles schaute Christa Wolf gerne „Star Trek“. In der Anfang der neunziger Jahre in Amerika ausgestrahlten Star-Trek-Serie „The Next Generation“ gibt es eine Doppelfolge mit dem Titel „Wiedervereinigung“. Darin geht es um komplizierte diplomatische Verhandlungen zwischen den Vulkaniern (Mister Spock!) und den verfeindeten Romulanern über die friedliche Vereinigung der beiden Planeten – offenbar sind die kulturellen Bande zwischen den Völkern stärker als vermutet. Captain Picard, der Kommandant der „Enterprise“, entdeckt aber, dass es sich bei der ganzen Sache nur ein Ablenkungsmanöver der Romulaner handelt, die eine Invasion planen und den Planeten unterwerfen wollen. Was als Wiedervereinigung daherkommt, soll in Wahrheit eine Eroberung sein.

          Blitz der Utopie

          „Abend für Abend“, so erinnert sich Christa Wolf an ihren Aufenthalt in Los Angeles in den Jahren 1992 und 1993, „saß ich vor dem Fernseher, wenn die Star-Trek-Serie lief, und erlaubte mir die Ausrede, ich müsse mein Englisch vervollkommnen, wusste aber insgeheim, es war mein Bedürfnis nach Märchen, nach glücklichen Ausgängen, das mich festhielt, denn ich konnte sicher sein, dass die Star-Trek-Besatzung die edlen Werte der Erdenbewohner in die fernsten Galaxien tragen, sie gegen jeden noch so infamen Feind durchsetzen und dabei selbst nicht zu schaden kommen würde.“ Die sogenannte „Wiedervereinigung“ zwischen Vulkan und Romulus fällt aus. Es geht glücklich aus, Vulkan wird nicht erobert.

          Wenige Seiten zuvor erinnert sich Christa Wolf an den 4. November 1989, an die Veranstaltung auf dem Alexanderplatz, an ihre Rede, an einen Moment, in dem für sie blitzartig die Utopie eines wahren Sozialismus zu greifen nah war. Der historische Augenblick, in dem die Geschichte märchenhaft, glücklich ausgeht: „Ihn miterlebt zu haben, dachtest du, dafür hatte alles sich gelohnt.“ Nun, knapp drei Jahre später, hat Christa Wolf eine doppelte Kränkung erlebt. Die Bevölkerung der DDR hatte mehrheitlich ganz andere Sehnsüchte, als jene, den wahren Sozialismus endlich verwirklichen zu dürfen. Und Christa Wolf selbst wurde, als Autorin und als Intellektuelle, Gegenstand des sogenannten deutsch-deutschen Literaturstreits. Mit dem Ende des Staats, an den sie bei aller inneren Distanz bis zuletzt festgehalten hatte, verlor sie auch die stets als selbstverständlich hingenommene Rolle als repräsentative Figur – die sie freilich für viele ihrer ostdeutschen Leser bis heute blieb, gerade wegen dieses von nur allzu leicht nachvollziehbaren Erfahrung eines Statusverlusts im wiedervereinigten Deutschland.

          Im Hotel „Ms. Victoria“

          1992 nun sitzt Christa Wolf in einem schrulligen Hotel mit dem zufällig passenden oder gut ausgedachten Namen „Ms. Victoria“, macht sich ziemlich ess- und trinkfreudig mit der Konsumkultur des siegreichen Kapitalismus vertraut, schließt Freundschaften mit ihren Ko-Stipendiaten sowie einer Reihe deutsch-jüdischer Emigranten und beschäftigt sich auf Einladung der Getty Stiftung mit einem neuen erzählerischen Projekt: Ihre verstorbene Freundin Emma hatte ihr ein Konvolut von Briefen einer gewissen L. vermacht, einer in den dreißiger Jahren nach Kalifornien emigrierten Psychoanalytikerin. Christa Wolf begibt sich auf eine biographische Spurensuche, die an die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen erinnert: Nicht einmal den vollen Namen jener L. kennt sie.

          Wie in ihren kanonischen Werken wie „Nachdenken über Christa T.“ oder „Kindheitsmuster“ entzieht sich auch dieses Buch eindeutigen Kategorisierungen. Dass der Verlag es auf der Buchrückseite (und nur da) „Roman“ nennt, ist wohl eine Panne. Christa Wolf mischt Reisebericht, Tagebuch, Erinnerungspassagen, Traumerzählungen und auch eindeutig fiktive Passagen. Auch die Rätselgeschichte der L. rundet sich nicht wirklich, die Gestalt bleibt seltsam unkonturiert (obwohl es eine überraschende Lösung gibt).

          Kritik am Kapitalismus

          Für den Leser ist das zunächst ziemlich mühsam, zumal man sich neben manchen sehr banalen Alltagsbeobachtungen (die übertriebenen Freundlichkeit der Amerikaner, ihre merkwürdigen Frühstücksgewohnheiten etc.) und der erwartbaren (aber deswegen nicht falschen) Kritik an sozialen Missständen und am exzessiven Konsumfetischismus des Westens auch durch wirklich Ärgerliches beißen muss: Wenn etwa die jungen Amerikaner am Getty-Center erklären, sie müssten das Land verlassen, falls Clinton nicht die Wahl gewinne, die Atmosphäre sei „denunziatorisch“ und man wisse selbst in den Universitäten nicht mehr, mit wem man noch offen sprechen könne: „Davon höre man im Ausland wohl wenig? – In der Tat, sagte ich.“ Es ist schon ein starkes Stück, so eine Parallele zu totalitären Verhältnissen zu suggerieren. So gibt es einige Stellen, bei denen man nicht mehr viel Kredit gewähren will. Und doch, man sollte es tun.

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