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Christa Wolf: August : Und er spürt es bis heute

Bild: Verlag

Das Erlebte schützt das Erkannte: Christa Wolfs kurze nachgelassene Erzählung „August“ ist ein weises Lehrgedicht in Prosa

          Der unscheinbare Text sieht und hört alles, erinnert sich und redet darüber, ohne Angst davor, sich Wendungen zu erlauben, die man tausendmal gehört hat - weil es ihm gerade darum geht, die Bestechlichkeit der Seele durchs phrasenhaft Immergleiche zu überwinden, in einem Akt der willentlichen Wiederentdeckung des irreduzibel Besonderen: „Ihm fällt auf, dass er in diesen alten Geschichten blättern kann wie in einem Bilderbuch, nichts ist vergessen, kein Bild verblasst. Wenn er will, sieht er alles vor sich, das Schlossinnere, die breite geschwungene Treppe, jeden einzelnen Raum, die Bettenaufteilung in dem Saal, in dem die Lilo lag.“ Er: Das ist August, nach dem der unscheinbare Text heißt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Seine Autorin sieht, das ist die poetische Textvoraussetzung, sehr spät noch einmal nach, wie es einer Figur heute geht, die in ihrem Werk schon lange wohnt - seit „Kindheitsmuster“ von 1976. Dort umgibt diesen August ein Erzählzusammenhang, den die Autorin seither abgestreift zu haben schien. Der elternlose Flüchtlingsjunge, den sie als Stimme reicher Erfahrung in „August“ wiederentdeckt, ist im älteren Text nur in einer Art Halbtotale, gleichsam im Profil zu sehen.

          Stabile Wunder

          Im jüngeren denkt er zurück an die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als er, elternloser Flüchtlingsjunge, dabei war, wie sich die Nachkriegsgesellschaft zusammenfand, im Mikrokosmos eines Krankenhauses, einer - geschichtsschweres Vokabular hallt nach - „Heilstätte“, einer „Mottenburg“ für Tuberkulöse und anderweitig Mangelgeschwächte. Augusts Weg von dort und dann nach hier und jetzt ist Christa Wolf Chiffre fürs Vergehen der Jahre, von denen sie viele, mehr als ein halbes Jahrhundert, an der Seite Gerhard Wolfs verbracht hat, dem ein Envoi im Büchlein dafür dankt - „Was soll ich Dir schenken, mein Lieber, wenn nicht ein paar beschriebene Blätter, in die viel Erinnerung eingeflossen ist, aus der Zeit, als wir uns noch nicht kannten.“

          Auch August, der damals, im Krankenhaus, ein älteres Mädchen traf und sich auf kindliche Art verliebte, hat eine Weile danach eine Lebensbegleiterin gefunden. Sie ist schon gestorben, als die im Juli 2011 aufgeschriebene Geschichte beginnt. Die Liebe als gelebte Gemeinschaft hat die davor erfahrene, unwiederholbar überfordernde nicht ausgelöscht, nicht einmal überschrieben. Die beiden Erfahrungen scheinen vielmehr auf eine mit Worten nie greifbare Art ineinander verwoben: Das stabile Wunder senkt sich gleichsam ins flüchtigste, und dichterisch entspricht dem ganz, dass das kaum Benennbare in diesem Text seine Kraft aus dem klar, oft fast überdeutlich Bestimmten schöpft, aus Eigennamen, Liedertiteln, Ortsbezeichnungen.

          Kindheitsmuster

          „Irgendwann hört jeder seinen Namen wie zum erstenmal“ - so steht’s in „Kindheitsmuster“. Jener Roman holt seine Verfügung übers Material, seine berichtende und urteilende Autorität aus der Fülle seiner Verweise aufs Wissen und Denken - das beginnt mit dem Neruda-Gedicht als Motto und dem berühmten, nicht ausgewiesenen Faulknerzitat übers Vergangene als Romananfang und führt bis zu dem schwindelerregenden, an Pascal anknüpfenden Leitgedanken, das Gedächtnis selbst könnte als das spezifisch Menschliche eines Tages im Historischen verschwinden - wenn sich dann niemand mehr daran erinnert, dass es einmal etwas wie „das Gedächtnis“ gab, ist dies das schlimmste Sterben, das sich denken lässt.

          Liest man „Kindheitsmuster“ wieder, von „August“ dazu eingeladen, erinnert man sich an die Vorwürfe und den Spott, die Christa Wolf seit den späten achtziger Jahren ertragen musste: Sie sei jemand, der das Begreifen überm Ergreifen vernachlässige, die emotiven Passagen ihrer Bücher überwucherten die beschreibenden und die reflexiven. Es ist nicht wahr - im Gegenteil, von „Kindheitsmuster“ bis zu den „Gesammelten Erzählungen“ von 1989 findet sich fast zu viel Gedankenprosa, herrscht die transparente, hell rationale Konstruktion, zusammengehalten nicht selten von Maximen, Aphoristischem, sentenziöser Logik, die spricht wie eine ortlose, an niemand Bestimmtes gerichtete Inschrift. „Irgendwann hört jeder seinen Namen wie zum erstenmal.“

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