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Veröffentlicht: 22.07.2011, 14:47 Uhr

Chris Cleave: Little Bee Im Land der traurigen Teetrinker

Chris Cleaves Roman über eine junge Nigerianerin und eine Journalistin in England stellt unser Weltbild auf die Probe. „Little Bee“ ist von beklemmender Aktualität und zeitloser Poesie.

von
© Verlag

Man könnte über die Stelle leicht hinweglesen, und doch ist ihr auf so einfache wie beeindruckende Weise die Pointe des Romans eingeschrieben: Als Little Bee, ein sechzehnjähriges Mädchen aus Nigeria, als blinde Passagierin auf einem Frachtschiff nach Europa unterwegs ist und vom Kapitän entdeckt wird, gibt der ihr ein Buch zu lesen. „Das Buch hieß Große Erwartungen und handelte von einem Jungen namens Pip, doch ich weiß nicht, wie es ausging, weil das Schiff vorher in Großbritannien ankam und der Kapitän mich der Einwanderungsbehörde auslieferte.“

Jan Wiele Folgen:

Hier geht es offensichtlich nicht um tiefsinnige Analogien zwischen dem Roman von Dickens und dem vorliegenden Werk, wie man zunächst denken könnte, sondern vielmehr wird der Leser plötzlich und lakonisch auf die harte Wirklichkeit der Geschichte des Einwanderermädchens verwiesen: Mit größten Erwartungen fährt Little Bee in die weite Welt – und landet in England, genauer gesagt in einem Abschiebegefängnis in Essex, in dem sie zwei Jahre verbringen muss.

Die Auseinandersetzung mit einer schrecklichen Vergangenheit

Manche der dort mit ihr Internierten bekommen England nie wirklich zu sehen – sie werden wieder ausgewiesen oder begehen in ihrer Verzweiflung gar Selbstmord. Bee dagegen beißt sich durch, und sie nutzt die Zeit zum Erlernen der Sprache des Gastlandes, lange bevor es dort für sie auch nur ansatzweise gastlich ist. Mit Glück entkommt das junge Mädchen dann eines Tages in die Freiheit – wenn auch nur in eine relative, denn nun ist sie eine Illegale und muss ständig auf der Hut sein. Bee wendet sich an die einzigen Menschen, die sie in England kennt: ein Journalistenehepaar aus der Nähe Londons, mit dem sie früher in Nigeria zusammengetroffen war. Mit dieser Kontaktaufnahme jedoch beginnt nicht etwa eine glückliche Zukunft, sondern zunächst die Auseinandersetzung mit einer schrecklichen Vergangenheit.

Parallel zu Little Bees Erzählung meldet sich nun als zweite Stimme die Journalistin Sarah O’Rourke zu Wort. Sie und Bee verbindet ein Jahre zurückliegendes, grausames Erlebnis an einem nigerianischen Strand, das erst im Lauf des Romans aus beider Sicht aufgearbeitet wird. Die lange hinausgezögerte Schilderung dieser, der eigentlichen Romanhandlung zugrundeliegenden Katastrophe ist meisterlich erzählt, an Spannung und Drastik kaum zu überbieten und wird dem Leser lange im Gedächtnis bleiben.

Ein erbarmungsloser Kampf um Öl

Dieses traumatische Erlebnis wirkt derartig nach, dass Bee jeden Ort und jede Situation in der ihr fremden neuen Umgebung zunächst daraufhin prüft, wie sie sich zur Not das Leben nehmen könnte. Das klingt grotesk, wird aber, je tiefer man in ihre Erzählung eintaucht, immer verständlicher. Sie hat in Nigeria einen erbarmungslosen Kampf um Öl erlebt, dem ihr gesamtes Dorf zum Opfer fiel. Horror, so sagt sie, ist in ihrer Heimat etwas Dauerhaftes und nicht etwas, wofür man ins Kino geht.

Für die einheimische Sarah hat das Erlebnis ebenfalls existentielle Folgen: Sie verliert dadurch ihren Ehemann, und sie gewinnt dafür die Gesellschaft von Little Bee. Konfrontiert mit diesen Tatsachen, empfindet die Journalistin ihren Job bei einem Frauenmagazin zunehmend als oberflächlich und hohl, während sich ihr durch das nigerianische Mädchen eine Welt erschließt, für die sie sich schließlich viel mehr interessiert als für Artikel über Schönheitsoperationen. Das Tragische an Sarahs Fall ist, dass sie mit dieser Interessenverschiebung hin zu ernsteren Dingen eine Veränderung durchmacht, die bei ihrem Mann schon einige Jahre vorher eingesetzt hatte und ihm schließlich zum Verhängnis wurde. So ist Chris Cleaves Roman auch eine berührende Liebesgeschichte über die Ungleichzeitigkeit zweier Persönlichkeitsentwicklungen, an der eine Beziehung scheitern kann.

Keine Vorlesung über Probleme der Globalisierung

Die besondere Stärke des Buches aber ist die Eloquenz seiner jugendlichen Protagonistin Little Bee: Cleave hat sie als Figur erfunden, die gewissermaßen aus Trotz die Sprache ihres Asylgebers besonders gut lernt – um dann den englischen oder in Übersetzungen auch anderen westlichen Lesern ihre falschen, von Klischees und Orientalismen bestimmten Vorstellungen von Afrika vor Augen zu führen: „Wenn ihr an meinen Kontinent denkt, denkt ihr vielleicht an das Leben in der Wildnis – an Löwen, Hyänen und Affen. Wenn ich daran denke, denke ich an all die kaputten Maschinen, an die verschlissenen und zerstörten, zerschmetterten und geborstenen Dinge.“

Freilich gibt diese kritische Erzählerfigur dem Autor, der für den „Guardian“ schreibt, auch viel Gelegenheit zum Ausschöpfen seiner eigenen journalistischen Kunst. Seine Recherchen belegt er am Ende des Buches mit Quellenangaben. Stellenweise überspannt Cleave den Bogen etwas – dann klingt die Kritik an Sprache und Denkfiguren (etwa am Begriff „Entwicklungsländer“), die er Bee in den Mund legt, etwas zu sehr nach einem Essay aus seiner Feder. Dass die Erzählung dann aber doch nicht zur sterilen Vorlesung über Probleme der Globalisierung gerät, beweist Bees Sichtweise, die ihrerseits bisweilen klischeegefährdet und damit menschlich daherkommt. So erscheinen ihr die Engländer als ein latent verstocktes Volk der traurigen Teetrinker. Das Idiom dieser Verstocktheit, das Englisch der Königin, hat Bee sich selbst angeeignet – und die daraus resultierende Spannung kommt auch in der Übersetzung noch gut zum Ausdruck.

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