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Chad Harbach: Die Kunst des Feldspiels : Diese eine Sekunde Nervenflattern

Bild: Verlag

Hier ist Baseball nicht nur ein Spiel, sondern eine Metapher für die Suche nach dem guten Leben: „Die Kunst des Feldspiels“, der Debütroman des Amerikaners Chad Harbach, ist großer Sport.

          Es gibt Bücher, die sind schon allein wegen der Geschichten interessant, die ihnen vorauseilen. Von Chad Harbachs Roman „Die Kunst des Feldspiels“ weiß man beispielsweise, dass er, als er im vergangenen Jahr in den Vereinigten Staaten erschienen ist, schnell die Bestsellerlisten hinaufkletterte, von der „New York Times“ als eines der zehn besten Bücher des Jahres gefeiert und von Jonathan Franzen, John Irving sowie Bret Easton Ellis in höchsten Tönen gelobt wurde. Chad Harbach, so ist weiter zu hören, hat zehn Jahre an seinem Roman gearbeitet. Er hat ihn mehreren Verlegern angeboten, die alle abwinkten, bis sich schließlich ein junger New Yorker Agent der Sache annahm und eine solche Begeisterung verbreitete, dass Harbach schließlich bei einer eilig anberaumten Versteigerung vom Verlag Little, Brown and Company einen Vorschuss von 665 000 Dollar geboten bekam - für ein Debüt.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dies ist der Rückenwind, mit dem Harbachs Werk nun auch in Deutschland angekommen ist. „Die Kunst des Feldspiels“ ist ein sechshundert Seiten starker Roman, der die Geschichte des hochbegabten jungen Baseballspielers Henry erzählt. Als Baseball- oder, allgemeiner gefasst, als Sportroman wird das Buch daher meist beworben, und auch, wenn das in Wahrheit zu kurz greift, darf, ja muss man es doch zum Anlass nehmen, den eklatanten Mangel an guten Sportromanen noch einmal zu beklagen. Die Vereinigten Staaten haben es mit „The American Novel“ von Philip Roth und „Unterwelt“ von Don DeLillo, die ebenfalls um die Welt des Baseballs kreisen, noch etwas besser als wir. Denn etwas Vergleichbares, das sich hierzulande logischerweise auf den Fußball beziehen müsste, einen großen Fußball-Roman also, gibt es nicht, obwohl an fußballverrückten Schriftstellern kein Mangel herrscht.

          Ein entscheidender Fehler

          Dabei, das zeigen die amerikanischen Vorbilder sehr schön, sind gute Sportromane natürlich nie Bücher, die sich allein auf den Sport konzentrieren. Sie nutzen ihn immer als Metapher für größere Lebenszusammenhänge, für die erbarmungslose Macht des Zufalls etwa, für die Unergründlichkeit menschlichen Scheiterns, für die ratlose Leere, die nach Siegen nicht kleiner zu sein scheint als nach Niederlagen.

          Das alles ist bei Chad Harbach nicht anders. Auch sein Buch ist strenggenommen nicht nur ein Sportroman. Es geht zwar um Henry Skrimshander, den aus einem Nest in South Dakota stammenden Jungen mit dem gesegneten Arm, der nicht erst lernen muss, heranfliegende Bälle aus der Luft zu fischen und dann zielgerichtet genau dorthin zu befördern, wo sie hingehören. Es geht darum, wie dieses ungeheure Talent ihm den Weg ans Westish College am Ufer des Michigan Sees ebnet, wo er der dortigen Baseballmannschaft, den Harpooners, nach Jahren des Dahindümpelns in niedrigsten Ligen die Hoffnung auf künftige Titel schenkt; es geht darum, wie er selbst unter der Knute seines Entdeckers, Förderers und Freundes Mike Schwartz lernt, sein Talent nicht nur zu benutzen, sondern auch zu veredeln. Es geht um seinen unaufhaltsam anmutenden Aufstieg, der abrupt endet, als ihm eines Tages in einem entscheidenden Spiel ein entscheidender Fehler unterläuft. Mit ihm beginnt eine neue Phase in Henrys Leben. Eine Zeit des Zweifelns.

          Diese Vorstellung von Perfektion

          Sportlich gesehen, ist das natürlich eine Katastrophe. Und, um das gleich zu sagen, auch Chad Harbach wird ihren Ursachen nicht auf die Schliche kommen, er liefert keine Erklärung für Henrys Aussetzer und damit auch nicht für ein Phänomen, für das es in der Welt des Sports mannigfache Beispiele gibt. Die Floskel von der Nervenstärke, die manche Sportler in später gern magisch genannten Momenten zeigen und die sie in der allgemeinen Wahrnehmung zu Helden werden lässt, fällt hier zwar nicht. Aber genau darum geht es. Woran liegt es, dass Henry seine Sicherheit aus heiterem Himmel verliert und nicht mehr wiederfindet? Harbach lässt die Frage unbeantwortet, und so unbefriedigend das ist, so richtig ist es wohl auch. Der Sport weiß eben nicht, wie man Champions produziert, genauso wenig wie die Literatur ein Rezept für das Schreiben von Bestsellern kennt. In beidem liegt bekanntlich ein großer Reiz.

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