30.09.2007 · Der indische Schriftsteller Amitav Ghosh ist durch seinen Roman „Der Glaspalast“ so etwas wie die literarische Stimme Burmas geworden. Im Interview spricht er über die Proteste der Burmesen und die Rolle Aung San Suu Kyis.
Der indische Schriftsteller Amitav Ghosh ist durch seinen Roman „Der Glaspalast“ so etwas wie die literarische Stimme Burmas geworden. Im Interview spricht er über die Proteste der Burmesen und die Rolle Aung San Suu Kyis.
Sie sind seit Ihrem Roman „Der Glaspalast“ so etwas wie eine literarische Stimme Burmas geworden ...
Ich fühle mich in dieser Rolle aber gar nicht wohl. Ich bin ein indischer Schriftsteller, und mein Buch handelt ja eigentlich von Indern in Burma, das ist der Aspekt, den ich am besten kenne, denn mein Onkel hat in Burma gedient. Eines der Probleme der Burmesen ist es gerade, dass immer Ausländer für sie gesprochen haben. Ich finde aber, Burmesen müssten für ihr eigenes Land reden und über ihre Zukunft selbst entscheiden.
Das Regime hat aber die Stimmen des Landes zum Verstummen gebracht und alle Kommunikationswege gekappt. Daher kommen Schriftsteller wie Sie, die die Geschichte Burmas in einen Roman gebannt haben, in die unbequeme Lage, den Unterdrückten ihre Stimme zu leihen.
Das stimmt schon. Ich kann Ihnen ja mal meine Sicht der Dinge schildern.
Bitte.
Wissen Sie, dass es die Mönche waren, die die Proteste anführen, berechtigt zu den größten Hoffnungen. Wir wissen ja, dass auch eine Menge ausländischer Hilfe an die burmesische Opposition geht, aber ich hätte es mit Sorge gesehen, wenn eine dieser Gruppen den Protest angeführt hätte, wenn also das Geld dafür aus dem Westen gekommen wäre. Aber das Wichtige, das Einmalige an diesen Protesten ist, dass sie von der einzigen Institution ausgehen, die heute in Burma eine wirkliche Legitimation und Authentizität beanspruchen kann, und das sind die buddhistischen Klöster. Das sollte der Weltöffentlichkeit bewusst werden: In Burma rebellieren das Herz und die Seele des Landes.
Kann sich daraus eine wirkliche politische Bewegung entwickeln?
Unbedingt. Es hat mich unglaublich gefreut, dass die Mönche gleich in ihren ersten Erklärungen die politische Führungsrolle von Aung San Suu Kyi betont haben. Das zeugt von einem sehr gesunden Urteilsvermögen der jungen Mönche, die die Proteste organisieren. Es würde freilich auch ihrem Bescheidenheitsideal widersprechen, einen von ihnen an die Spitze einer Protestbewegung zu stellen. Im Übrigen stehen sie damit im Einklang mit ihrer Tradition: Schon im 19. Jahrhundert haben sich die Mönche in Burma in die Politik eingemischt.
Dann hat Sie der Aufstand der Mönche gar nicht überrascht?
Nein, ich habe längst mit so einer Bewegung gerechnet. Wir haben nun schon seit zehn Jahren einen absoluten politischen Stillstand in Burma. Vor zehn Jahren fanden auch die letzten Gartentorversammlungen vor dem Haus von Aung San Suu Kyi in Rangun statt.
Eine solche Versammlung haben Sie selbst besucht und im „Glaspalast“ geschildert.
Das war eines der bewegendsten Erlebnisse meines Lebens. Ich denke immer wieder daran, wie diese eine, wunderschöne Frau sich allein diesen brutalen Kräften entgegenstellt. Und ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass sie am Ende obsiegen wird. In gewisser Weise ist der Aufstand der Mönche die beste denkbare Art, wie sie zu ihrem verdienten Sieg, zur politischen Macht kommen könnte. Eine Allianz von Aung San Suu Kyi mit den Mönchen ist wesentlich überzeugender und für die Zukunft wirkmächtiger, als wenn die Junta durch eine Intervention des Auslands stürzte, obwohl ich mit Freude vernommen habe, dass sich die Regierungen von Thailand und Malaysia sehr kritisch gegenüber der burmesischen Regierung geäußert haben. Das war in der Vergangenheit ja nicht der Fall.
Womit kann man denn diese seltsamen militärischen Führer überhaupt noch beeindrucken?
Sie haben sich von der Welt und ihrer eigenen Bevölkerung zurückgezogen, reisen nicht, pflegen keine Kontakte ins Ausland.
Sind ökonomische Sanktionen ein Weg?
Ja, so was hat sicher ein gewisses Gewicht, aber es verblasst auch im Vergleich zur symbolischen Kraft des Aufstands religiöser Männer, den wir hier erleben. Das Bizarre an der Ideologie der Junta ist ja gerade ihr großer Respekt vor den buddhistischen Institutionen. Das ist wirklich etwas, das ihnen am Herzen liegt. Wissenschaft, Medien, Schulen, alles haben sie ohne Skrupel unterdrückt, aber die Mönche, das geht wirklich an den Kern ihres Selbstverständnisses. Darum freue ich mich ja so!
Nun gibt es ja erste Berichte über Kämpfe innerhalb der Junta, dass Generäle gegen Generäle kämpfen. Was halten Sie von solchen Berichten?
Solche Binnenkonflikte gab es im burmesischen Militär schon immer. Der Eindruck von absoluter Geschlossenheit, den sie gern vermitteln, ist bloß gespielt. Dort toben heftige Kämpfe, und je mehr der Druck zunimmt, desto deutlicher werden die zutage treten.
Sie klingen ja ganz optimistisch.
Nein, ich bin auch besorgt. Denn der Wandel, der eines Tages kommen wird, darf nicht explosionsartig erfolgen, und das ist ja in unserer modernen Welt schwer, es geht ja immer gleich Knall auf Fall. Doch eines muss allen, denen das Wohl Burmas am Herzen liegt, klar sein: Das Land verträgt nur einen graduellen Wandel. Wir haben dort derzeit ein hohes Gewaltpotential, das kann sehr blutig werden. Die Situation wird nicht mit einem Übergang von Repression zur Demokratie entspannt werden, als würde man einen Schalter umlegen.
Aber sowohl die Mönche als auch Aung San Suu Kyi ...
... wollen eine friedliche Machtübergabe, das schon, aber die Zukunft liegt nicht allein in ihren Händen. Abgesehen von den abtrünnigen Fraktionen der Armee, von denen wir schon sprachen, gibt es in Burma auch das große Problem der ethnischen Gruppen, die sich am liebsten vom Zentralstaat separieren möchten. Die Kachin sind ein gutes Beispiel dafür, die haben praktisch schon ihren eigenen Staat im Staat. Das Problem der Minderheiten wird eines der größten Probleme einer zukünftigen Verfassung. Burma hat noch einiges vor sich.
In Europa wird auch das Engagement von Konzernen wie Total diskutiert, die derzeit noch mit den Generälen ihre Geschäfte machen. Sollten europäische Firmen mit einem Rückzug aus dem Land drohen?
Zu solchen konkreten Fragen möchte ich mich wirklich nicht äußern, das obliegt allein Aung San Suu Kyi.
Sie sind eben der Gefangene Ihres eigenen Romans; wer Ihren „Glaspalast“ gelesen hat, kann auch das Drama des modernen Burmas von Ihnen dargelegt bekommen.
Das haben Sie aber nett gesagt. Na, es ist in der jetzigen Lage vielleicht wirklich besser, sich an Bücher zu halten - da gibt es ja nicht nur meines, sondern auch das großartige „The River of Lost Footsteps“ von Thant Myint-U - als beispielsweise an die „New York Times“. Wenn ich da lese, dass Burma vor dem Machtantritt der Generäle ein idyllisches, multikulturelles Paradies gewesen sei, kann ich nur lachen. Burma ist das erste Land, das durch den Terrorismus zerstört wurde, auch insofern geht es uns alle an.
Das Gespräch führte Nils Minkmar.