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Büchner-Preis 2008 an Josef Winkler Der Kindheitsmusterknabe

 ·  Christoph Ransmayr, Hans Joachim Schädlich, Ror Wolf oder Siegfried Lenz: Würdige Kandidaten für den Georg-Büchner-Preis gab es viele. Bekommen aber hat ihn Josef Winkler. Rechtfertigt dessen schmales literarisches Programm eine solche Auszeichnung?

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Man hätte sich andere Namen vorstellen können. Christoph Ransmayr etwa, Hans Joachim Schädlich, Uwe Timm oder Ralf Rothmann, dessen subtile Metaphysik immer noch zu entdecken ist. Auch Sibylle Lewitscharoff wurde in den vergangenen Wochen als einzige Frau unter den diesjährigen Favoriten genannt. Sie wäre der fünfte weibliche Preisträger in den letzten zwanzig Jahren gewesen, aber innerhalb dieses Zeitraums erst die zweite Schriftstellerin nach Elfriede Jelinek, die den Preis vor ihrem sechzigsten Geburtstag erhalten hätte. Und warum hat die Darmstädter Akademie, die sonst so gern Altmeisterliches würdigt, die Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen, den großen Sprachartisten Ror Wolf zu ehren?

Von einem anderen Versäumnis ganz zu schweigen. Dass Siegfried Lenz den Büchnerpreis nicht schon längst bekommen hat, mag man kaum glauben. Aber dass die Akademie ihn jetzt, da er mit seiner Liebeserzählung „Schweigeminute“ einen verdienten späten Triumph erlebt, noch einmal ignoriert, ist kläglich.

Schmales Programm

Doch die Akademie wollte es anders. Sie hat eine Wahl getroffen, die ähnlich kontrovers diskutiert werden dürfte wie Werk und Person des Vorjahrespreisträgers Martin Mosebach, der vor allem aus idelogischen Gründen attackiert wurde. Das steht bei Josef Winkler weit weniger zu befürchten. Aber ob sein schmales, scharf akzentuiertes literarisches Programm, das thematisch und ästhetisch tief in den siebziger Jahren verwurzelt ist, wirklich zum Besten und Wichtigsten gehört, was unsere Literatur zur Zeit zu bieten hat, darf bezweifelt werden.

Den Büchnerpreis 2008 erhält ein Autor, der „auf die Katastrophen seiner katholischen Dorfkindheit mit Büchern reagiert, deren obsessive Dringlichkeit einzigartig ist“: So steht es in der Begründung der Akademie. Dieser Satz ist ganz und gar richtig und nichts wäre an ihm auszusetzen, wenn er nicht das Werk des diesjährigen Büchnerpreisträgers fast schon erschöpfend erfassen und beschreiben würde.

Schreiben vom Tod her

Josef Winkler, 1953 als Bauernsohn in Kamering in Kärnten geboren, schreibt sich seit fast dreißig Jahren seine Kindheits- und Jugendnöte von der Seele. Seinem Debüt „Menschenkind“ aus dem Jahr 1979 ist eine Notiz vorangestellt, die den gemeinsam begangenen Selbstmord zweier siebzehnjähriger Dorfjungen beschreibt. Auf wenigen Zeilen sind hier zwei Motive versammelt, die Winklers Werk für Jahre und Jahrzehnte prägen sollten: Zum einen ist das die im Provinznest verbotene, nicht auslebbare Homosexualität, die in die Katastrophe des Doppelselbstmords mündete, und zum anderen ist es das tödliche Werkzeug, der „Kalbstrick“, Symbol der Gewalt ebenso wie der Sexualität, ein peitschendes, sich aufbäumendes „blutgefülltes Geschlecht“, wie es im Roman heißt. Winkler denkt und schreibt vom Tod her, und seine Literatur entsteht im Herrgottswinkel ebenso wie im Kalbstrickwinkel. Vom Kruzifix kommt sie ebenso wenig los wie vom männlichen Geschlechtsorgan, dessen Symbolik Winkler auf vielfältige Weise mit Leben und Tod, der Strafe und der Lust an ihr zu verknüpfen weiß.

Immer wieder hat Winkler die katholische Welt seiner Kindheit mit ihren Repressionen, ihrem Hang zu Gewalt und stumpfer Sexualität, ihrer Enge und Freudlosigkeit beschrieben. Die ersten drei Romane waren stark autobiographisch, ebenso „Der Leibeigene“ von 1987 und zuletzt, 2007, „Roppongi“ (siehe: ), das „Requiem für einen Vater“, wie es im Untertitel heißt. Auch wenn „Domra“ (1996, siehe: ) und „Natura Morta“ (2001, siehe: ) an neuen Schauplätzen in Indien und Italien spielen, die Fixierung auf den Reiz des Kreatürlichen bleibt bestehen. Dass Winkler ihn am stärksten empfindet, wenn Ausscheidungen und Sekrete, Fäulnis und Verwesung ins Spiel kommen, mag man als abstoßend empfinden, kalkulierte Lust an der Provokation sollte man diesem Autor indes nicht unterstellen, allenfalls sucht er wollüstig die Reinheit im Unreinen, die Erlösung in der Überwindung des Ekels.

Von Genet, dessen Entdeckung für Winkler ein Urerlebnis gewesen sein muss, stammt die Behauptung, das einzige Mittel dem Entsetzen zu entgehen, bestehe darin, sich dem Entsetzen zu überlassen. Winkler hat sich dieses Credo zu eigen gemacht. Seine Klagegesänge, Meditationen und Litaneien sind immer auch lustvoll präzise Protokolle eines Beobachters, der mit einem Bein in der Barocktradition steht und mit dem anderen in den siebziger Jahren, bei Genet und Pasolini, Kroetz, Speer und Fassbinder. Das ist unzeitgemäß. Aber nicht alles Unzeitgemäße ist groß.

Die Büchner-Preisträger der jüngsten Zeit:

2008 Josef Winkler
2007 Martin Mosebach
2006 Oskar Pastior
2005 Brigitte Kronauer
2004 Wilhelm Genazino
2003 Alexander Kluge
2002 Wolfgang Hilbig
2001 Friederike Mayröcker
2000 Volker Braun
1999 Arnold Stadler
1998 Elfriede Jelinek

Berühmte Preisträger früherer Jahre:

1993 Peter Rühmkorf
1992 George Tabori
1987 Erich Fried
1986 Friedrich Dürrenmatt
1981 Martin Walser
1973 Peter Handke
1972 Elias Canetti
1967 Heinrich Böll
1965 Günter Grass
1964 Ingeborg Bachmann
1963 Hans Magnus Enzensberger
1958 Max Frisch
1957 Erich Kästner
1955 Marie Luise Kaschnitz
1951 Gottfried Benn

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