13.11.2009 · „Was bleibt“ lautete - nach dem Titel einer kurz nach der Wende publizierten Erzählung vor Christa Wolf - die nach 1989 an die gesamte DDR-Literatur gerichtete Leitfrage: Der Band „100 Gedichte aus der DDR“ stellt das breite Spektrum von „offizieller“ Parteilyrik über um Autonomie ringende Ansätze bis zu offen oder verdeckt kritischem Schreiben dar.
Von Richard KämmerlingsRainer Kirsch schrieb 1962 ein Gedicht über das Jahr „2005“, das die dereinstigen Fragen der Enkel vorwegnahm: „Mit den Versen, die wir heute schrieben, / Werden wir dann kahl vor ihnen stehn / Hatten wir den Mut, genau zu lieben / Und den Spiegeln ins Gesicht zu sehn? // Und sie werden jede Zeile lesen / Ob in vielen Worten eines ist / das noch gilt, und das sich nicht vergißt.“
„Was bleibt“ lautete – nach dem Titel einer kurz nach der Wende publizierten Erzählung vor Christa Wolf – die nach 1989 an die gesamte DDR-Literatur gerichtete Leitfrage. Unter dem Eindruck der Stasi-Enthüllungen und angesichts der doch sehr weit reichenden Loyalität führender (und meist sehr privilegierter) Autoren zu „ihrem Staat“ fiel die Bilanz kritisch aus. Heute kann man den Blick auf Dinge richten, die damals weniger im Fokus standen, die Dramatik von Peter Hacks, Volker Braun und Heiner Müller etwa, oder eben die Lyrik. Einige wichtige ostdeutsche Dichter sind in letzter Zeit gestorben, Christa Reinig, Adolf Endler und Heinz Czechowski. Eine erneute Prüfung des Kanons ist an der Zeit.
Zweispältige Mahnrufe gegen das Vergessen
Der vorliegende Band versammelt hundert Gedichte aus der DDR und ist damit gut geeignet für eine Einführung. Er stellt, originell unoriginell, Bechers lyrisch nicht gerade bahnbrechende Nationalhymne als Prolog voran. Es geht also nicht um eine reine Gegengeschichte zu linientreuer Dichtung, sondern auch um die Darstellung des breiten Spektrums von „offizieller“ Parteilyrik über um Autonomie ringende Ansätze bis zu offen oder verdeckt kritischem Schreiben. Der Überblick überzeugt im ersten Kapitel über die „Aufbau“-Zeit, als sich bedeutende Autoren wie Peter Huchel, Stephan Hermlin, Johannes Bobrowski oder Günter Kunert mit Krieg und den Vernichtungslagern auseinandersetzten. Doch schon beim Bombenkrieg werden die Mahnrufe gegen das Vergessen zweispältig. Wenn der 1936 in Dresden geborene B. K. Tragelehn seine kindliche Angst im Luftschutzkeller beschreibt und dann angesichts der brennenden Stadt schließt: „Sie gefiel mir. Damit etwas kommt, muss etwas gehen“, dann kann man schlussfolgern, wie politisch brisant die Subjektivität der Erinnerung als lyrischer Stoff sein konnte. Schade, dass hier als Gegenstück keines der bedeutenden Dresden-Gedichte aus dem Umfeld der Sächsischen Dichterschule, etwa von Czechowski oder Karl Mickel, zu finden ist.
Die frühen siebziger Jahre erscheinen als weitere Blütezeit, in der die politische Stagnation zwischen Prager Frühling und der Biermann-Ausbürgerung 1976 neben einer sentimentalisch-resignativen Naturlyrik auch einen lakonisch-frechen Widerstandsgestus hervorbrachte. Neben Sarah Kirschs „Schwarzen Bohnen“ steht Endlers parodistisches Propagandagedicht „Der älteste Mensch der Welt“ („Das alles verdank ich der Presse“) oder Richard Leisings „Homo Sapiens“ mit den unsterblichen Zeilen: „Zu einem richtigen Arbeiterstaat / gehört ein richtiger Kartoffelsalat.“ Schließlich setzt Elke Erb 1982 mit einer Verhaftung nach dem Ausruf „Hühnerei!“ noch einen drauf: „Daß sie kein selbständiges Ei, / Kein ständiges Ei / Kein Ei, // Selbst kein Ei mehr dulden können, / Es ist eine Katastrophe / Schuld sind die.“
Prägende Vorbehalte der Herausgeber
Weniger überzeugt dagegen das letzte Kapitel „Proben des Grenzfalls“. Hier fällt ein Manko besonders auf: die etwas wirre Chronologie und die spärlichen Angaben zur Veröffentlichungsgeschichte. So stehen hier furiose düster-apokalyptische Visionen Wolfgang Hilbigs neben einem gleichfalls beeindruckenden, aber eben erst im Jahr 2000 veröffentlichten Text von Kathrin Schmidt. Hier scheinen sich auch persönliche Vorbehalte der Herausgeber niederzuschlagen: Die für die Spätzeit der DDR stilbildende Lyrikszene vom Prenzlauer Berg kommt bis auf ein Gedicht von Bert Papenfuß-Gorek überhaupt nicht vor; kein einziger Text ist dabei aus der Anthologie „Berührung ist eine Randerscheinung“, die Sascha Anderson zusammen mit Elke Erb 1985 bei Kiepenheuer & Witsch herausgab und die erstmals einem breiteren Publikum im Westen die neuen Stimmen vorstellte.
Natürlich wirft die Enttarnung des Strippenziehers Anderson als Stasi-Spitzel auch heute noch Schatten auf die künstlerische Produktion jener Jahre. Doch ohne Zweifel hat auch der DDR-Untergrund bedeutende Lyrik hervorgebracht. Schließlich: Wenn eine Anthologie offizielle Staatsdichter wie Becher oder Kuba aufnimmt, kann man schlecht aus moralischen Gründen die inoffiziellen weglassen.