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Rezension: Belletristik : Der Donnerstag fällt diesmal aus

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Das ist das Muster. Dem bizarren Ansturm von Aufmerksamkeiten, umständlich vorgetragenen Bitten und allgemein dem Terror des Dienstleistungsgewerbes hat der Pianist wenig entgegenzusetzen. Hoffman etwa legt ihm ans Herz, bei Gelegenheit - aber nur, wenn er Zeit findet! - die Fotomappen seiner Frau zu würdigen. Stephan, dessen Sohn, erbittet ein fachmännisches Urteil über sein Klavierspiel. Und der alte Hoteldiener Gustav berichtet Ryder, er habe sich von seiner Tochter Sophie entfremdet und kommuniziere mit ihr nur noch über seinen kleinen Enkel Boris - ob Mr. Ryder, dessen Einfluß allgemein bekannt sei, einmal mit seiner Tochter reden könne?

Nicht nur, daß der Pianist verspricht, sein Bestes zu tun, verblüfft an der Szene mit dem Hoteldiener, sondern auch die Verzerrung der erzählten Zeit: Über zehn Seiten nimmt allein die Fahrt im Aufzug in Anspruch, länger, als der langsamste Lift im höchsten Hotel Europas benötigen würde. Der Ort, an den es Ryder verschlagen hat, erinnert sowohl an grelle klaustrophobische Träume als auch an Fantasy-Filme, in denen Figuren aus ihrer Umgebung hervorwachsen und wieder mit ihr verschmelzen, wenn ihre Zeilen gesprochen sind. Innerhalb weniger Seiten avanciert die namenlose Stadt zu einem Wahnsystem eigener Ordnung.

Musik spielt darin eine besondere Rolle. Der Pianist Ryder wird als Messias empfangen, und aus seinem Mund erwartet man nichts Geringeres als die Wahrheit über die Gemeinschaft. Von einer "Krise" wird gemurmelt, doch niemand vermag zu erklären, wie der Niedergang sich äußert. Früher, so stellt sich jedenfalls heraus, sind die Bewohner der Stadt einem gewissen Christoff gefolgt, der jetzt, des Dogmatismus bezichtigt, diskreditiert ist. Die Hoffnungen ruhen auf dem Dirigenten Leo Brodsky, der zwanzig Jahre lang durch Saufen und öffentliche Skandale von sich reden gemacht hat und die Stadt - am "Donnerstag abend" - zu früherer Größe zurückführen soll.

Ishiguros Trick besteht darin, die Hauptfigur vor sich selbst zu verdunkeln. Ryder kennt sich selber nicht, weder sein Temperament noch seine eigene Vergangenheit, und dieser Mangel, eine Art uneingestandener Amnesie, läßt ihn wie eine Flipperkugel durch den Roman rollen: Er bewegt sich nur, wenn er angestoßen wird. Tatsächlich besteht die Handlung aus einer schier endlosen Serie von Botengängen, Aufträgen und Missionen, die Ryder per Auto, Straßenbahn oder zu Fuß durch die Stadt und deren Umland schicken. Am Ende ist alles pulverisiert, seine guten Absichten, die Rede, die er halten soll, sein Selbstbild als Künstler. Er hinterläßt eine Schar "Ungetrösteter", in deren Leben er ebensowenig eingreifen kann wie in sein eigenes.

Doch ganz ahnungslos ist er nicht, auch nicht am Anfang. Erinnerungen steigen in ihm auf, die ihn mit der Stadt und ihren Bewohnern auf merkwürdige Weise verbinden. Zum Beispiel glaubt Ryder in seinem Hotelzimmer das Zimmer wiederzuerkennen, in dem er als Kind bei seiner Tante geschlafen hat. Auch Sophie, die Tochter des Hoteldieners, scheint in seinem Leben eine Vorgeschichte zu haben, und denkbar ist, daß Ryder der Vater ihres Sohnes Boris ist. Wenn ja, dann weiß er es nicht und schlüpft so verwirrt wie demütig in die Rolle des Ehemanns; auch der Leser wird auf den nächsten siebenhundert Seiten nicht die Wahrheit erfahren.

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