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„Der Kreis“ von Andreas Maier : Stille inmitten des infernalischen Krachs

„Hier war alles lauter, größer, greller und mit mehr Speed“: Die britische Rockgruppe Jethro Tull bei einem Auftritt in den frühen achtziger Jahren. Bild: Rainer Drechsler

Andreas Maier ist beim fünften Roman seines angeblich auf elf Teile angelegten autobiographischen Zyklus angelangt. „Der Kreis“ bringt eine ästhetische Wende ins Geschehen und ändert damit alles.

          „Das Licht ging aus. Moment allergrößter Anspannung. Noch war keiner zu sehen, aber ein undefinierbares, maschinenartiges Geräusch war zu hören, das stetig anwuchs. Dampf. Nebel. Dumpfes, grünrotdunkles Licht und einige wie außer Kontrolle geratene Scheinwerfer, die kreisförmig wirr in den Saal hineinleuchteten und mich an Flaklichter erinnerten. Während alles immer lauter, nebeliger und grünrotdunkler wurde, kamen vorn in der Dunkelheit Menschen auf die Bühne. Die Band. Man hing sich, nur als schwarzer Schemen sichtbar, die Instrumente um oder setzte sich ans Schlagzeug. Währenddessen toste und johlte die Menge um mich herum, und allein von dem schrillen Pfeifen des breitschultrigen, gefönten Mannes, der inzwischen halbschräg vor mir stand und sich leider auch noch genau im Moment seines Pfeifens in meine Richtung wendete, klingelte es in meinen Ohren.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Generalpause. Im Buch wie in dieser Besprechung. Der Erzähler schweigt.

          Andreas Maier ist angekommen. In der Festhalle Frankfurt im Winter 1981, bei einem Rockkonzert. Und beim fünften Band seines auf elf Teile angelegten Romanzyklus mit dem Arbeitstitel „Ortsumgehung“, der das eigene Leben des 1967 geborenen Schriftstellers nacherzählt. Begonnen wurde er 2010 mit „Das Zimmer“, fortgesetzt mit „Das Haus“, „Die Straße“ und „Der Ort“, und nun ist „Der Kreis“ erreicht. Das Prinzip der Titelwahl ist klar: Vom engsten Umfeld weitet sich die Perspektive des Ich-Erzählers immer mehr aus, analog zu dessen Aufwachsen in und Herauswachsen aus einer familiären und geographischen Konstellation, die bis ins Kleinste der Kindheit und Jugend des Autors zu entsprechend scheint.

          Wie weiland Thomas Bernhard

          Das ist eines jener autobiographischen Romanvorhaben, die in jüngster Zeit viel Aufmerksamkeit finden: Der Norweger Karl Ove Knausgård begann ein Jahr vor Maier mit „Min kamp“ (Mein Kampf) und bleibt darin genauso eng am eigenen Erleben wie der Deutsche. Gerhard Henschel wiederum hatte bereits 2002 auf der Grundlage des eigenen Lebenswegs einen mittlerweile beim sechsten regulären Band - eine Ouvertüre übers Kennenlernen der Eltern ging allem voran - angekommenen Romanzyklus gestartet, der die eigenen Erlebnisse einem Alter Ego namens Martin Schlosser zuschreibt.

          Muster für diese Projekte sind jeweils Thomas Bernhards von 1975 bis 1982 veröffentlichte Jugendschilderungen, die allerdings ohne die Gattungsbezeichnung „Roman“ erschienen, aber in der Akribie der Erinnerung bei gleichzeitiger fiktionaler Freiheit im Einzelfall als beispielhaft nicht nur für die beiden deutschen Autoren, sondern auch für Knausgård, den ehemaligen Literaturstudenten und Kenner unserer Literatur, gelten müssen. Nur sind die anderen beiden autobiographischen Romangroßprojekte in ihren Teilen weitaus voluminöser angelegt als Maiers schlanke Bände, die jeweils zwischen 150 und zweihundert Seiten schwanken. Mit dieser zumindest umfangmäßigen Beschränkung der Ich-Bezogenheit eifert er als Einziger des Trios Thomas Bernhard konsequent nach; das neue Buch, „Der Kreis“, ist in drei Stunden Lektürezeit leicht zu bewältigen.

          Eine legitime Strategie zur Leserbindung

          Als gerade auch formalen Erben Bernhards hatte man Maier schon bei Erscheinen von dessen Debütroman „Wäldchestag“ vor sechzehn Jahren bezeichnet. Das Stilmittel der Suada aber hat er längst ausrangiert; was davon blieb, ist der exzessive Gebrauch von Signalworten. Doch daraus macht Maier viel mehr als eine rhetorische Figur. Dafür bietet „Der Kreis“ ein gutes Beispiel.

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