03.05.2007 · Erfolgsrezepte: Zwei illustrierte Erzählungen als Prachtausgaben
Schöner wird's nimmer. Oder vielleicht doch mit den jeweiligen Vorzugsausgaben, die diese beiden zauberhaften Bücher noch um jeweils eine Grafik bereichern. Aber es kann auch zu viel des Guten geben, und darum sei eine simple Empfehlung ausgesprochen: Wer derzeit einen guten und höchst amüsanten literarischen Text in ansprechender Gestaltung und höchster bibliophiler Ausstattung sucht, der sollte nun gleich zwei Bücher erwerben.
In der von Armin Abmeier herausgegebenen Reihe "Tolle Hefte" ist gerade das auf Deutsch noch unveröffentlichte Debüt von Charles Bukowski erschienen, und Christian Ewalds Katzengraben-Presse hat den ukrainischen Schriftsteller Andrej Kurkow, der bei uns mit seinen bei Diogenes verlegten "Petrowitsch"-Krimis bekannt geworden ist, dafür gewinnen können, eine ganz neue Erzählung zu schreiben, die nun in bewährt aberwitziger Manier gedruckt wurde.
Aber was heißt bei den Büchern der Katzengraben-Presse schon "bewährt"? Jeder neue Titel ist ein Abenteuer, zuvörderst für den Hersteller. Der Berliner Kleinstverlag, der als Markenzeichen in jedes seiner Bücher ein paar goldene Fäden als bloße Zierelemente einarbeiten lässt, bringt im Regelfall nicht mehr als eine Publikation pro Jahr heraus, und keine gleicht der anderen, außer in einem Aspekt: Christian Ewald wendet als Verleger, Grafiker und Buchgestalter in einer Person all sein Können auf, um jeweils neue Überraschungen zu bieten. Bei Kurkows Erzählung "Mylezistan" ist das diesmal ein in der äußeren oberen Ecke der Seiten angebrachtes Daumenkino, das dem fingerfertigen Leser zeigt, wie die Gitter vor dem Fenster einer Zelle erst eingezogen und dann gesprengt werden. Aus den Bruchstücken setzen sich schließlich die Lamellen eines Pilzes zusammen.
Zur Halbzeit dieser Daumenkinovorführung, dort also, wo man die Seiten fortan von hinten nach vorne durch die Finger laufen lassen muss, sind zwei der kleinen Bilder orange eingefärbt. Die Farbe der ukrainischen Revolution ist ein Schmuckelement, das zu der phantastisch-bitteren Erzählung Kurkows perfekt passt. Der Großhändler Oleg ist nach einer exzessiven Nacht als Ruhestörer und missliebiger Demokrat inhaftiert worden. In der Gefängnisbibliothek entleiht er den Band "Wie wird man Millionär" und beginnt in der feuchten Zelle eine erfolgreiche Pilzzucht. Nach seiner Freilassung und der orangenen Revolution will Oleg die restlichen Pilze aus der Zelle holen, um die Zucht fortzuführen, doch die neue Regierung hat dekretiert, dass in den Gefängnissen fortan geheizt werden müsse, und so sind die Myzelen sämtlich abgestorben.
Diese sehr bösartige, aber im Ton erfrischend lapidare Satire ist auf den linken Buchseiten als russisches Original, auf den rechten in deutscher Übersetzung abgedruckt. Das Ganze ist in zwei dicke graue Pappdeckel eingebunden, die in leichter Linienblindprägung den Grundriss der Zelle wiedergeben. Nichts ist in diesem Buch dem Zufall überlassen, und selten hat man eine schönere Tristesse gesehen.
Beim 28. Tollen Heft dagegen ist alles Überschwang, obwohl dessen Titel "Ein Ablehnungsbescheid und die Folgen" lautet. Bukowski schrieb die Erzählung 1944 für die New Yorker Zeitschrift "Story", die seine Prosa zuvor mehrmals abgelehnt hatte, und just die Geschichte einer solchen Enttäuschung und deren skurriler Folgen brachte dem vierundzwanzigjährigen Schriftsteller prompt seine erste Veröffentlichung ein.
In Deutschland haben wir trotz Bukowskis großem Ruhm mehr als sechzig Jahre lang auf die erste Übersetzung warten müssen, die Carl Weissner nun in bewährter Manier besorgt hat. Als Illustrator konnte Herausgeber Armin Abmeier den Leipziger Künstler Thomas M. Müller gewinnen, der schon mehrere Tolle Hefte gestaltet hat. Der Vierzigjährige hat einen unverwechselbaren Stil ausgebildet, der zu Bukowskis Geschichte aus den vierziger Jahren perfekt passt, zumal Müller sich auf eine schmale Palette von Rot- und Brauntönen beschränkt. Es ist ein imaginiertes Amerika der vierziger Jahre, das auf den Flachdruckgrafiken der schmalen fadengehefteten Broschüre vorgestellt wird - voller nostalgischer Reminiszenzen und mit Verneigungen vor den gegenwärtigen Großmeistern des illustrativen Retroschicks in den Vereinigten Staaten: David Mazzucchelli und Gregory Gallant alias Seth.
Müller ist gerade in Leipzig auf den Lehrstuhl für Illustration berufen worden, und sein Stil hat in der Tat das Zeug dazu, Schule zu machen. Mit seiner neuesten Arbeit hat er jedenfalls einen Höhepunkt im eigenen Werk erreicht, und Charles Bukowskis Erstling wird durch diese Illustrationen auch zum optischen Vergnügen. Ein deutsches Debüt, das kein Jahr zu spät kommt: Auf Müller musste der Text einfach warten.
ANDREAS PLATTHAUS
Andrej Kurkow: "Myzelistan". Aus dem Russischen übersetzt von Judith Merkushev. Katzengraben-Presse, Berlin 2006. 40 S., Abb., geb., 98,- [Euro], als Vorzugsausgabe mit Grafik 198,- [Euro].
Charles Bukowski: "Ein Ablehnungsbescheid und die Folgen". Tolles Heft 28. Mit Bildern von Thomas M. Müller. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Carl Weissner. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 2007. 32 S., Abb., br., 16,90 [Euro], als Vorzugsausgabe mit Grafik 49,90 [Euro].