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„Twin Peaks“-Geheimnisse : Unheimliche Begegnungen aller Art

Der Agent Dale Cooper, der viel träumte, und der Kleinwüchsige, der rückwärts sprach, in „Twin Peaks – Der Film“ von 1991 Bild: ddp Images

Bevor die dritte Staffel startet, hat Koautor Mark Frost schon mal ein paar Geheimnisse gelüftet. „Die geheime Geschichte von Twin Peaks“ entwirft so etwas wie die fiktionale Genealogie des Unheimlichen

          Das Unheimliche war einem damals nur allzu vertraut. Als der Geist der ermordeten Laura Palmer zum Spezialagenten Dale Cooper sagte: „In 25 Jahren werde ich Sie wiedersehen“, hätte man ahnen sollen, dass David Lynch und Mark Frost Ernst machen würden. Aber weil, zumindest nach Freud, das Unheimliche zugleich auch unvertraut ist, hatte man dieser Prognose aus der letzten Folge der zweiten Staffel von „Twin Peaks“ nicht geglaubt. Erst recht nicht, weil da im schummrigen Rotlicht noch ein rückwärts sprechender Zwerg gesessen hatte. Frost und Lynch hatten Twin Peaks, diesen seltsamen Ort nahe der kanadischen Grenze, entworfen und bevölkert, hatten die dunklen Geheimnisse und Mysterien des idyllischen Holzfällerstädtchens kurz ans Licht gezogen, um sie wieder im Zwielicht verschwinden zu lassen. Und sie hatten damit, ganz nebenbei, die Art und Weise revolutioniert, wie Fernsehserien aussehen und wie man in ihnen erzählt; wie man Seifenoper und Surrealismus, Mystery und Mordermittlung miteinander kreuzt.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dass nach der zweiten Staffel Schluss war, weil die Quoten sanken, dass der als Prequel zur Serie konzipierte Film „Twin Peaks - Fire Walks with Me“ 1992 floppte, hat an der durchschlagenden Wirkung der Serie in der populären Kultur überhaupt nichts geändert. 25 Jahre danach sind nun die Dreharbeiten zur dritten Staffel von „Twin Peaks“ abgeschlossen; unter der Regie von Lynch, mit einem Großteil der alten Besetzung wie Kyle MacLachlan oder Sheryl Lee und zahlreichen neuen Darstellern wie Monica Bellucci, Laura Dern oder Naomi Watts. Und Mark Frost, der auch diesmal mit Lynch die Drehbücher schrieb, hat „Die geheime Geschichte von Twin Peaks“ veröffentlicht.

          Was sich dem Verlangen nach Antwort widersetzt

          Ist das nun ein Roman, wie manche behaupten? Ist es eine aufwendige PR-Maßnahme, ein literarischer Teaser für die Serie, deren Ausstrahlung für 2017 geplant ist? Ist es ein Vorgriff auf das, was wir sehen werden, oder nur eine Fata Morgana? Es ist, so viel kann man sagen, ein Dossier, in dem Fakten und Fiktionen wild durcheinanderwirbeln. Ein streng geheimes FBI-Dossier, das eine Agentin namens Tamara Preston im August 2016 von höchster Stelle bekommt, mit dem Auftrag, die Identität des „Archivars“ festzustellen, der faksimilierte Dokumente gesammelt und mit Kommentaren versehen hat.

          Das Buch, das wir in Händen halten, ist dieses Dossier. Verschiedene Dokumenttypen, Bilder, handschriftliche Vermerke, dazu die Randbemerkungen der Agentin. „Mysterien“, heißt es eingangs, „sind die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um damit zurande zu kommen, dass sich das Leben unserem Verlangen nach Antworten widersetzt.“ Wenn man dann zu lesen beginnt, begegnen einem Aufzeichnungen von der berühmten Expedition von Lewis und Clark aus dem Jahr 1805, da ist schon von „Zwillingsbergen“ die Rede, es finden sich Andeutungen auf eine seltsame Begegnung Lewis’, später auf die merkwürdigen Umstände seines Todes.

          Der Sender ABC hatte es so gewollt

          Wir hören von Nez-Percé-Indianern und stoßen auf die Geschichte der Gemeinde Twin Peaks. Pfadfinder fotografieren dort 1927 einen riesigen Fußabdruck, unter ihnen Andrew Packard und Douglas Milford. Milford wird 1947 in Roswell dabei sein, bei diesem mysteriösen Ereignis, von dem heute noch viele Amerikaner glauben, die Regierung verheimliche den Absturz eines Ufos. Und ein Bekannter Milfords hat später Kontakt zu Jim Garrison, dem Staatsanwalt aus New Orleans, der die Kennedy-Verschwörung aufdecken wollte. Von Ufo-Sichtungen, Vermissten und Entführungen berichtet der Archivar, von einer laufenden Eule, groß wie ein Mann. Was das 20. Jahrhundert an Verschwörungen und Obskurantismen zu bieten hat, wird erwähnt. Und Milford sucht dann sogar mit Richard Nixon einen Alien in Regierungsgewahrsam auf. „In Roswell wurden nicht nur Leichen gefunden“, raunt Nixon.

          Mark Frost: „Die geheime Geschichte von Twin Peaks“. Übersetzt von Stephan Kleiner. Kiepenheuer & Witsch, 368 Seiten, 39,90 Euro

          Wir wissen ja längst, dass dieser Douglas Milford Verleger der „Twin Peaks Gazette“ und sein verfeindeter Bruder Dwayne langjähriger Bürgermeister war; wie auch immer mehr alte Bekannte ins Blickfeld geraten. Natürlich auch Bob, der böse Geist, der in der Schwarzen Hütte logierte, oder „der Mann von einem anderen Planeten“. Bob war es ja auch, der am Ende von Agent Cooper Besitz ergriff, so wie er zuvor in Leland Palmer gefahren war, den Vater von Laura, deren Mord den McGuffin für die Serie lieferte. Erst der Sender ABC hatte durchgesetzt, gegen Lynch und Frost, dass der Mord aufgeklärt wurde, was dem Rest der zweiten Staffel dann nicht so gut bekam.

          Zweck erfüllt

          Twin Peaks, so viel steht fest am Ende des Dossiers, ist schwer kontaminiert mit Übersinnlichem und Mysteriösem, ein historischer Ort für unheimliche Begegnungen aller Art. Mark Frosts Buch, das mal eine kurzweilige, mal eine etwas zähe Lektüre ist, entwirft so etwas wie die fiktionale Genealogie des Unheimlichen - um schließlich jeden Ausblick auf das zu verweigern, wovon die dritte Staffel handeln wird. Mehr als dass die Erzählung an die Ereignisse der zweiten Staffel anschließen, aber 25 Jahre nach ihnen spielen werde, hat Frost in Interviews nicht preisgeben wollen.

          Seinen Zweck immerhin hat das Buch erfüllt: „Twin Peaks“ spukt wieder durch unsere Köpfe. Man fragt sich, ob es im „Double R Diner“ noch Kirschkuchen und den verdammt guten Kaffee gibt. Und ob Agent Preston wohl Dale Cooper assistieren darf, nachdem sie in diesem Dossier das Geheimnis des Archivars gelöst hat.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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